Stieg-Larsson-Mehrteiler im ZDF: Gut und böse im Billyregal

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Schlicht, massenkompatibel, wohl geordnet - Stieg Larssons linksliberale Schwedenthriller sind die literarische Antwort auf Ikea. Auch wer die "Millennium"-Trilogie nicht mag, sollte die nun ausgestrahlte ZDF-Fassung der Kinofilme sehen: Da lernt man die Schwächen der Bücher zu schätzen.

Larsson-Verfilmung im ZDF: Düsterer Raffaello-Spot Fotos
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Thriller leben von plötzlichen Wendungen. So unerwartet, wie die Szene, in der sich die Rätsel in Stieg Larssons "Verblendung" aufhellen, kam ein Überraschungsmoment allerdings selten: Knapp vierhundert Seiten lang versucht der Journalist Mikael Blomkvist eine brauchbare Spur zu finden, die ihn weiterbringt auf der Suche nach der seit Jahrzehnten verschwundenen Industriellentochter Harriet Vanger. Er steht in einer Auseinandersetzung mit dem so mächtigen wie finsteren Spekulanten Hans-Erik Wennerström. Er wird zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seine berufliche Existenz ist in Gefahr.

Da kommt seine Tochter Pernilla zu Besuch, schaut einmal auf einen Zettel, der über Blomkvists Schreibtisch hängt - und präsentiert ihm, ohne es zu ahnen, die Lösung fast aller Rätsel. Kluges Kind! Der Pisa-Vorsprung der Skandinavier zeitigt eben auch kriminalistische Folgen. Dass Blomkvist den von Pernilla beiläufig bei der Verabschiedung auf dem Bahnsteig hingeworfenen Halbsatz überhaupt zu deuten weiß, kann dabei fast schon als eine weitere Meisterleistung der Dechiffrierkunst gelten.

Der für die Aufklärung des Falls entscheidende Moment ist eine der zentralen Konstruktionsschwächen von Stieg Larssons Buch - warum hunderte Seiten Vorgeschichte und hunderte Seiten Auflösung, wenn es so einfach geht?

"Verblendung" ist das erste Buch von Larssons "Millennium"-Trilogie. Ab Sonntag zeigt das ZDF im Wochentakt die sechsteilige, schwedische Fernsehfassung der drei Thriller. In zwei 90-minütigen Folgen gesendet, ist allein die Verfilmung von "Verblendung" noch einmal gut 30 Minuten länger als die etwa zweieinhalbstündige Kinoversion. Zeit genug? Wohl nicht, auch hier dauert der entscheidende Moment höchstens eine Minute - und das, obwohl er sich ganz anders abspielt als im Buch: Nicht seine Tochter, sondern Lisbeth Salander (gespielt von Noomi Rapace), neurotische Heldin mit düsterer Vergangenheit und etwa das, was sich ältere Herren unter einem riot girl vorstellen, präsentiert Blomkvist den entscheidenden Hinweis.

Linksliberale Verschwörungstheorie

Die Fernsehfassung der "Millennium"-Trilogie ist kein director's cut, anders als beispielsweise in Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now Redux" gibt es keine Szenen, die der Geschichte einen neuen Reiz verleihen. Die Macher des Sechsteilers haben lediglich das von der Wissenschaft künftig als Larsson-Paradoxon zu bezeichnende Axiom, das den drei Büchern zu Grunde liegt, konsequent umgesetzt: größtmögliche Ausführlichkeit bei größtmöglicher Kürze. Auch in der verfilmten "Verblendung" passiert sehr viel und sehr wenig zugleich. So gerafft der erste Teil erzählt wird, so gedehnt ist der zweite.

Schon im Buch schildert Larsson Nebensächlichkeiten mit einer Akribie, die einer Stasi-Akte würdig wäre: "Seine Kleider aus der einen Tasche hängte er in den Kleiderschrank in der Schlafkammer. Die Toilettenartikel räumte er in das Minibad. Dann nahm er sich den Koffer mit den Rollen vor. Aus ihm nahm er Bücher, CDs, einen CD-Player..."

Da fragt man sich, wie es weiter geht. Und Larsson gibt Auskunft: "Er stellte die Bücher und CDs ins Bücherregal." In einem Land, zu dessen kulturellen Errungenschaften das Billyregal gehört, scheint Systematik eine nationale Tugend zu sein. In der Verfilmung hätte sich daraus eine ganz eigene Kunstform ergeben können - kommt das Kriminalroman gewordene Billyregal doch von Stieg Larsson: Schlicht, massenkompatibel, immer schön aufgeräumt. Larssons Weltsicht ist manichäisch: Guter Bruder, böser Bruder. Gute Tochter, böser Sohn. Guter Journalist, böser Kapitalist.

Larsson bedient das weit verbreitete Unbehagen, je höher man in der Hierarchie einer Gesellschaft steige, desto krasser werde der moralische Abgrund, der sich dort auftut. Männer sind sowieso Schweine - nur einer nicht: Blomqvist. Aber der ist ja auch Larssons Alter Ego. Die "Millennium"-Trilogie ist eine linksliberal grundierte Verschwörungstheorie in drei Bänden.

Das scheint anzukommen. Larssons Erfolg ist gewaltig: Sieben Millionen Bücher wurden allein in Deutschland verkauft. Die Romane "Verblendung", "Verdammnis", "Vergebung" liegen beim Zeitschriftenhändler aus, an der Tankstelle. Lange Zeit konnte man kaum ein ICE-Abteil betreten, ohne auf Larsson-Leser zu treffen. Dazu kommen 1,7 Millionen Menschen, die sich die Verfilmungen hierzulande im Kino angeschaut haben.

Raffaello-Werbespot in düster

Die weltweite Auflage wird auf 25 Millionen geschätzt. Larsson ist der erste Autor, von dem Amazon mehr als eine Million E-Books für den Kindle verkauft hat. Selbst in den USA, an europäischer Literatur traditionell desinteressiert, ist "The Girl with the Dragon Tattoo" (so der Titel der englischen Übersetzung) ein Phänomen. Der Regisseur David Fincher kündigte an, "Verblendung" zu verfilmen: Bei ihm soll der Bond-Darsteller Daniel Craig Blomqvist spielen.

Es dürfte Craig nicht schwer fallen, die Leistung von Michael Niqvist in der ZDF-Version zu übertreffen. Im Roman ist Blomqvist ein moralisch aufrichtiger Starjournalist und sexuell höchst verführerischer Über-Lover, dem auch ein verheirateter Mann seine Frau mit größtem Verständnis abtritt - geradezu die unfreiwillige Karikatur dessen, was der Autor wohl selbst gern gewesen wäre. Aber Larsson (1954-2004) hat den Welterfolg seiner Bücher nicht mehr erlebt.

Im Fernseh-Sechsteiler bleibt Blomqvist so blass wie seine Geliebte Erika Berger oder sein Auftraggeber, der Millionär Henrik Vanger. Das korrespondiert mit der unbeholfenen Machart vieler Szenen. Ob in der Redaktion mit Sekt angestoßen wird oder eine alte Frau ihre Fotoalben herauskramt - sobald die Regie das Tempo drosselt, wirkt "Verblendung" wie ein Raffaello-Werbespot in düster: aufgesetztes Gelächter, hölzerne Dialoge, ungelenke Bewegungen; das aber mit viel Elan.

Die Sequenzen, in denen Blomqvists Mitstreiterin Lisbeth Salander erst vergewaltigt wird und dann ausgiebig Rache nimmt, bilden dazu einen eigenartigen Kontrast. Ein Film im Film, voyeuristisch breitgetreten, zumal die Bildregie phasenweise den Blickwinkel einer Überwachungskamera an der Zimmerdecke einnimmt. Larsson, der sonst an kaum einem Detail vorbei kommt, hatte hier die Noblesse der Diskretion walten lassen.

Den Regisseuren Daniel Alfredson und Niels Arden Oplev ist mit diesem Mehrteiler etwas erstaunliches gelungen: eine Verfilmung, bei der man die Schwächen der Bücher erst zu schätzen lernt.


"Millennium: Verblendung", Teil 1, 23. Januar 2011, 22 Uhr, ZDF

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