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11. September 2018, 16:47 Uhr

Web-Serie "Straight Family"

Lara liebt jetzt Frauen, schnarch

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Alle finden lesbische Liebe okay - außer Oma, dem Drachen: Die gut gemeinte, aber böse inszenierte Serie "Straight Family" vom Jugendsender funk packt alles Rückständige auf die Schultern einer alten Dame. Gemein!

Lara ist auf dem Heimweg. Sie war in Neuseeland, wo sie zu sich selbst gefunden hat. Auf den letzten Kilometern sitzt sie in der Regionalbahn, als ihr eine schöne Fremde auffällt. Die beiden jungen Frauen tauschen einen vielsagenden Blick. Wenig später treffen sie sich wie zufällig am Ende des Zuges. Dort haben sie dann Sex im Stehen, am helllichten Tag, in aller Öffentlichkeit und wortlos, während im Hintergrund gefühliger Pop die ganze Angelegenheit zu einer ganz bezaubernden Erfahrung stilisiert.

In dramaturgischer wie ideologischer Hinsicht ist diese abgeschmackte Lesbenfantasie ein Zaunpfahl, mit dem nicht nur gewunken, sondern zugeschlagen wird. Tatsächlich ist es wohl ein Versuch, die "Lebensrealität" queerer Menschen "authentisch abzubilden und Stereotypisierung zu vermeiden". So zumindest erklärte Thilo Kasper, der das fünfteilige Dramolett als Produzent betreut hat, die Absichten hinter "Straight Family", der Serienproduktion von funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF.

Die schöne Fremde im Zug hat nach der ersten Szene ihren Zweck erfüllt und hüpft aus der Geschichte heraus: Lara (Luise Helm) liebt jetzt Frauen.

Ihre Mutter (Valentina Sauca) weiß davon noch nichts, desgleichen ihr schwuler Bruder Leo (Ben Münchow). Der betreibt eine queere Eckkneipe, in deren Keller er psychedelische Spirituosen destilliert. Anwesend ist noch eine spanische Austauschschülerin sowie der Freund von Leo, ebenfalls Ausländer.

Besuch des Drachen

Das wäre alles ganz heiter und schön bunt, gäbe es da nicht Oma Magda (Us Conradi), der die Kneipe gehört. Als sich dieser erzkonservative Drachen zu einem Besuch ankündigt, tun die Ereignisse, was sie tun sollen - sie überstürzen sich. Denn die Alte darf natürlich nicht erfahren, was längst gang und gäbe und eigentlich total in Ordnung ist. Die Lebensentwürfe kollidieren - und der Abend eskaliert in fünf Folgen von maximal neun Minuten Länge bis zur finalen Katastrophe.

Wer den deprimierend plakativen Einstieg überwindet, den erwartet ein komödiantisches Kammerspiel von zwar nicht berauschender, aber doch versöhnlicher Qualität. Die Darsteller geben im Rahmen des Drehbuchs ihr Bestes, die eine oder andere Verwicklung darf sogar überraschen. Gute Unterhaltung ist hier aber nur die Hülle, in der das eigentliche Medikament verabreicht wird: die Darstellung queerer Verhältnisse als Norm, also normal.

Die Abweichung hier ist Oma Magda, verkörpert von Conradi. So überzeugend die 90-Jährige hier auch das schlechthin Unbelehrbare verkörpert - wirklich überzeugen kann sie nicht. Was weniger an der Darstellerin als an der Rolle und der Entscheidung liegt, alles Überkommene und Reaktionäre auf ihre Schultern zu verlagern. Die Diskriminierung und Gewalt, der die queere Community ausgesetzt ist, hat alle möglichen Gesichter - das einer möglichen älteren Schwester von Katharina Thalbach ist es aber ganz gewiss nicht.

"Total überfordert!"

Entstanden ist "Straight Family" in Zusammenarbeit mit einem Writer's Room der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) und unter beratender Mitwirkung von Maneo, einem Projekt zu Gewalt gegen Homosexuelle. Die Kürze der Episoden ist den berüchtigten "Sehgewohnheiten" im Netz geschuldet, dessen Vorteile aber auch genutzt werden.

Am Ende jeder Folge tritt eine Darstellerin oder ein Darsteller aus der Rolle und fordert die Zuschauer zur Partizipation auf: "Und jetzt könnt ihr gerne was dazu sagen in den Kommentaren. Lara hat zum Beispiel Leo gestanden, dass sie lesbisch ist. Vielleicht habt ihr auch schon mal jemandem was erzählen wollen, und der oder die war davon total überfordert!" Oder: "Sie ist high geworden, obwohl sie nur Alkohol trinken wollte? Was ist euer schlimmstes Erlebnis mit Drogen?"

Zielgruppe von "Straight Family" sind Jugendliche und junge Erwachsene, denen auf der Suche nach dem eigenen Ich eine unterhaltsame Hilfestellung geleistet werden soll. Aber einerseits sucht hier niemand mehr, sind alle Figuren mit sich selbst einverstanden und im Reinen. Andererseits ist Homosexualität offenbar noch immer etwas, das "gestanden" werden müsste - und Alkohol keine Droge.

Man erkennt die pädagogische Absicht und ist verstimmt, weil die eigentlich gute Absicht sich durch ihre allzu große Deutlichkeit selbst behindert. Was womöglich auch an den "Sehgewohnheiten" liegt. "Straight Family" wird vielleicht erst dann eine runde Sache, wenn man eines Tages die ganzen Kommentare dazu lesen kann.


"Straight Family", ab Dienstag bei funk.net

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