Horror-Serie "Stranger Things" Winona Ryder ist zurück

Die Netflix-Serie "Stranger Things" wirkt wie eine unverfilmte Stephen-King-Geschichte aus den Achtzigern. Doch sie geht weit über den Nostalgie-Rahmen hinaus - dank einer großartigen Winona Ryder.

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Vor zwanzig, dreißig Jahren war das Horrorgenre bei Weitem nicht so akzeptiert wie heute. Dem erwachsenen Menschen erschien die Fantastik damals als blanker Eskapismus, Horror im Besonderen dazu noch als verrohend. Den Reiz, den all das hatte, konnten sich besorgte Erziehungsberechtigte nicht wirklich erklären.

Die Antworten auf die Frage, was Jugendliche begeistert, findet man im Kino selbst: Im besten Fall korrespondierten die fantastischen Filmwelten mit der Erfahrung ihres jungen Publikums und hatten welterschließendes Potenzial. In den Büchern und Filmen von Stephen King, Wes Craven und Dutzenden anderen mehr wurde einem gezeigt, was Eltern und Lehrer verheimlichten, während man zu ahnen begann, dass das Böse und die Gewalt keine Erfindungen sind.

Wer damals jung und fasziniert vor der Leinwand saß, ist heute erwachsen und gehört zur Zielgruppe der Achtziger-Retro-Welle, die allerspätestens jetzt auch das amerikanische Serienwesen erfasst. Und er war, seit dem legendären High-School-Film "Heathers" von 1989, nicht selten erklärter oder heimlicher Fan von Winona Ryder. Die Netflix-Serie "Stranger Things" ist eine stilsichere Hommage an die Fantastik der Achtzigerjahre und wird Ryder, so es denn noch Gerechtigkeit auf der Welt gibt, ein Comeback verschaffen.

Setting und Plot-Idee wirken, als wären sie einer unveröffentlichten Stephen-King-Erzählung entnommen: In einer Kleinstadt verschwindet ein zwölfjähriger Junge. Seine drei besten Freunde, allesamt leidenschaftliche "Dungeons & Dragons"-Spieler, machen sich auf die Suche. Winona Ryder spielt die Mutter des verschwundenen Jungen als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die beginnt, mit ihrem tot geglaubten Kind zu kommunizieren. Damit schließt sie an vergangene schauspielerische Großtaten an. Ihre Performance bildet neben den tollen Kinderschauspielern das Zentrum von "Stranger Things" und funktioniert außerdem als nonchalanter Kommentar zum eigenen Image als "unstete Schauspielerin". Ganz einfach weil der emotionale Ausnahmezustand, in dem ihre Figur sich ununterbrochen befindet, dem Geschehen um sie herum angemessen ist.

Fesselt von Anfang an

Die Seltsamkeiten häufen sich: Ein telekinetisch begabtes Mädchen (Millie Bobby Brown) mit kurz geschorenen Haaren taucht im Ort auf, ein Imbissbesitzer wird tot aufgefunden. Schnell wird klar, dass der militärisch-industrielle Komplex - vertreten durch den sinistren Dr. Brenner (Matthew Modine) - seine Finger im Spiel hat. Der Kampf gegen die Russen rechtfertigt auch skrupellose Experimente. Das Tor zu einer anderen Dimension tut sich auf. Wenig später bricht das Monster aus den Wänden.

Auf den ersten Blick funktioniert "Stranger Things" vor allem als Zitat-Feuerwerk. Die vorpubertäre Außenseiterclique kennt man aus Kings Roman "Es", das Mädchen, das kraft seines Geistes Dinge und Menschen zerstören kann aus "Carrie" und "Feuerkind". "Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers" schwebt als zentraler Film des amerikanischen Coming-of-Age-Kinos über dem gesamten Geschehen. Den zweiten Eckpfeiler bilden die Filme, die Steven Spielberg in den Achtzigerjahren gedreht und produziert hat: "Die Goonies", "E.T. - Der Außerirdische" und "Poltergeist" vor allem.

In ihren besten Momenten weist "Stranger Things" jedoch über den eigenen nostalgischen Retro-Charme weit hinaus. Als Spannungskino funktionieren die acht Folgen zwar nur bedingt. Wirklich erschrecken oder gar fürchten muss man sich nicht, zumindest nicht, wenn man älter als, sagen wir, 14 Jahre ist (wenngleich die letzten zwei Folgen in Sachen Horror merklich anziehen). Dass "Stranger Things" trotzdem von Anfang an fesselt, liegt zum einen an den bis in die Nebenrollen detailreich gezeichneten Charakteren und zum anderen an der sehr einnehmenden melancholischen Atmosphäre, die diese Bilder entfalten.

Stilles alltägliches Unglück, begleitet von Außenseitermusik

Die Songs des Soundtracks, von David Bowie über Echo & The Bunnymen bis hin zu Joy Division, färben die Bilder noch dunkler ein, als sie eh schon sind. Die Natur wirkt bedrohlich, die Ehen sind freudlos, die Eltern abwesend oder ahnungslos, Ian Curtis singt "Don't walk away in silence". Die Außenseitermusik, die für den Soundtrack ausgewählt wurde, fungiert auch als Kommentar zum stillen, alltäglichen Unglück, das einem hier präsentiert wird.

Dagegen kommen die gebrochenen Figuren besser weg. Selbst der Kleinstadt-Sheriff (David Harbour), der, ungewöhnlich im Horrorgenre, eine Heldenrolle spielen darf, wird von einer schmerzhaften Vergangenheit gepeinigt. Wenn die Normalität zerreißt, ist klar, dass sie schon vor dem Einbruch des Bösen brüchig war. Die Serienschöpfer Matt und Ross Duffer, bislang vor allem als Autoren einiger Folgen der Mystery-Serie "Wayward Pines" in Erscheinung getreten, haben damit nicht nur die Oberfläche ihrer filmischen Vorbilder erfasst, sondern auch deren Geist: Es ist zuallererst die Parteinahme für die Sonderbaren, die schief in die Welt gestellten Kinder aus zerrütteten Familien, die "Stranger Things" mit ihren filmischen Ahnen teilt.

Helden sind die Außenseiter, die Nerds, deren Cliquen schon bei King und Spielberg den Inbegriff von Freundschaft und Solidarität bildeten. Dass hinter der Realität noch eine andere Wirklichkeit verborgen liegen muss, erscheint einem in jungen Jahren um einiges plausibler als später, wenn der Sachzwang die Wahrnehmung zunehmend verstopft. Plausibel schon deswegen, weil das, was die Erwachsenen der nächsten Generation vorleben, nicht alles gewesen sein darf.

"Stranger Things", ab 15. Juli auf Netlix.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
GSYBE 14.07.2016
1. Winona Ryder ist zurück
Wieso zurück? War sie denn weg? Alleine 2015 gab sie eine solide Leistung in der hervorragenden Mini-Serie `Show me a hero´.
allegro_assai 14.07.2016
2.
Zitat von GSYBEWieso zurück? War sie denn weg? Alleine 2015 gab sie eine solide Leistung in der hervorragenden Mini-Serie `Show me a hero´.
Aus der öffentlichen Wahrnehmung war sie ungefähr seit "Girl Interrupted" verschwunden. Kurios: Der Artikel bezeichnet "Heathers" als "legendären Film" - dabei lief er in Deutschland nicht einmal in den Kinos.
ingopickhan 15.07.2016
3. Bin ich der Einzige....
...der die großartige E.T. Hommage der ersten 7 Minuten erkennt? Die Jungs beim Game, die Pizza, die BMX Räder, sogar der Schuppen im Garten und das Wandtelefon schreien nur "Elllioooot..." Supergut!!!!!
prendergast 18.07.2016
4. Wunderbare Serie
und echt liebevoll inszeniert. Man kann dem Artikel nur zustimmen. Bin erstaunt was Netflix da auf die Beine gestellt hat. Schöne 80er Hommage!
Zuversicht 19.07.2016
5. Gut gemacht aber...
warum orientiert man sich nicht z.B. an der BBC und macht daraus eine Mini-Serie mit Abschluss. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine wie auch immer geartete 2. Staffel an diese heran reichen kann. Es gibt zwar keinen wirklichen Cliffhanger zum Schluss, aber das Ende ahnt schlimmes für die nächsten Folgen. Und ingopickhan: Es war ja nicht nur E.T verarbeitet, sondern auch noch der eine oder andere Film aus dieser Zeit. Zumindest musste ich unwillkürlich an Unheimliche Begegnung der dritten Art und Aliens denken.
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