Streit um Westergaard-Ausladung: E-Mails lassen an ZDF-Verteidigung zweifeln

Kurt Westergaard, Zeichner der Mohammed-Karikaturen, wirft dem ZDF vor, ihn aus Feigheit aus der "Markus Lanz"-Show ausgeladen zu haben. Der Sender widerspricht der Darstellung. Henryk M. Broder vermittelte Westergaards Einladung. Seine E-Mail-Korrespondenz belegt: Das Zweite hat schlechte Argumente.

Mohammed-Karikaturist Westergaard: Vom ZDF ausgeladen Fotos
AP

In der "Süddeutschen Zeitung" vom Mittwoch erklärt der Programmdirektor des ZDF, Thomas Bellut, wie es zu der Ausladung des dänischen Zeichners Kurt Westergaard gekommen ist, der am 4. Mai bei Markus Lanz auftreten sollte.

"Der Vorwurf der Selbstzensur entspricht nicht den Tatsachen", sagte Bellut. "Das lief anders ab." Westergaards Manager habe bei Lanz' Redaktion angefragt, ob diese an einem Fernsehinterview mit Westergaard interessiert sei. Erst Mitte der Woche habe er dann selbst davon erfahren und Bedenken geäußert. "Das ist ein heikles Thema, da geht es auch um das richtige Format und die anderen Gäste in der Sendung." Keineswegs, so Bellut, sei er grundsätzlich gegen ein Interview mit dem Karikaturisten. Er habe das Ganze nur in Ruhe planen wollen, auch in Abstimmung mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey. "Mich hat die öffentliche Kritik von Herrn Westergaard sehr überrascht", sagte Bellut. "Aus meiner Sicht war da noch gar nichts endgültig entschieden."

Damit erweckt Bellut den Eindruck, Westergaards Manager habe sich an das ZDF gewandt, und er, der Programmdirektor, habe erst kurzfristig von dem Projekt erfahren und nicht genug Zeit gehabt, das Ganze "in Ruhe" zu planen.

An allen drei Behauptungen müssen Zweifel angemeldet werden.

Kurz nachdem ich Kurt Westergaard im Januar besucht und eine Geschichte über ihn für den SPIEGEL geschrieben hatte, bekam ich einen Anruf von einer Redakteurin in der "Markus Lanz"-Redaktion. Ob ich ihr die Telefonnummer von Kurt Westergaard geben könnte, das ZDF möchte ihn in die Sendung einladen?

Ich gab ihr die Telefonnummer von Erik Guldager, dem Galeristen und Manager von Westergaard. Am 20. Januar bekam ich eine E-Mail von der Redakteurin, in der sie mir schrieb:

"Herr Guldager hat ein gutes Wort für uns eingelegt. Wie es aussieht werden wir vielleicht im Mai Glück haben. VIELEN DANK für ihre Hilfe!"

Es kann also kaum die Rede davon sein, Westergaards Manager habe bei Lanz angefragt, ob dieser an einem Interview mit Westergaard interessiert sei. Bis zu der Anfrage durch die Redakteurin hatten weder Guldager noch Westergaard überhaupt etwas von "Markus Lanz" gehört. Das ZDF beziehungsweise Markus Lanz ist auf Westergaard zugegangen, nicht umgekehrt.

Irgendwann im März rief mich die Redakteurin wieder an, sagte, alles habe prima geklappt, jetzt müsste nur ein Termin für einen Auftritt von Westergaard bei "Markus Lanz" vereinbart werden und bedankte sich sehr herzlich für die Vermittlung.

Davor, am 24. Februar, bekam ich eine E-Mail von Erik Guldager:

"Hi Broder !! We just spoke about you today… ... from ZDF was here. Kurt is doing okay - but is a little tired."

Guldager hat alle E-Mails zwischen ihm und dem ZDF aufgehoben. Am 2. März teilte ihm die Redakteurin mit:

"Hallo Erik,

Thank so much for making the meeting possible. It was a great experience and we are so happy about the outcome. I'm back at my desk and ready to discuss all further arrangements. Please let me know, whenever you have time for me. I'm looking forward to hearing from you!"

Am 4. März folgte eine weitere E-Mail:

"We are all excited and thrilled to have made a step in the right direction. Of course there were plenty of questions, therefore I'm looking forward hearing from you in two to three weeks (the sooner, the better ;-)). I hope you don't mind, that we would like to commence with some basic internal planning to guarantee maximum comfort and safety for your stay in Hamburg."

Am 30. März teilte die Redakteurin Erik Guldager mit, wie weit die Planung vorangekommen war:

"We are planning 25-30 minutes airtime. Pairing possible.

We still prefer German as the spoken language during the show...

We will not announce the exact date of Kurts arrival. We agreed on a pre-taping. Please be aware that we have audience in the studio."

In den folgenden E-Mails ging es um weitere Details: das Honorar für Westergaard und Guldager, jeweils 1000 Euro für jeden, und die Frage, wer die Kosten für die mitreisenden dänischen Polizisten übernehmen sollte.

Am 9. April machte die Redakteurin drei konkrete Terminvorschläge:

"We would like to offer you the following recording dates: 21.04., 28.04. or 04.05.2010. What do you think?"

Drei Tage später, am 12. April, bat die Redakteurin Kurz Westergaard, sich bald für einen der vorgeschlagenen Termine zu entscheiden:

"We are really eager to having you in Germany - I am sure that we will come your way concerning some of the previous points we made."

Am 16. April teilte die Redakteurin Erik Goldager alle Einzelheiten der Produktion mit: Tag, Uhrzeit, Ort und die Telefonnummern der beteiligten Produzenten und Redakteure. Nachdem sie eine Bestätigung von Guldager bekommen hatte, schrieb sie am 19.4. zurück:

"Hi Erik, This is the best news I've had in weeks J. Thank you very much. I will email you with further details… All the best and have a nice trip!"

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Verhandlungen bereits drei Monate gedauert. Es ist schwer vorstellbar, dass Thomas Belluts Programmdirektion über diesen sensiblen Vorgang nicht informiert war und erst so kurzfristig von der Sache erfahren hatte, dass sie also nicht "in Ruhe geplant" werden konnte. Fragwürdig ist auch die Aussage des Programmdirektors, Westergaard bzw. sein Galerist habe sich an das ZDF gewandt. Und Belluts Satz, da sei "noch gar nichts endgültig entschieden", erscheint ebenfalls nicht sonderlich plausibel. Warum hätte man dann konkrete Planungsdetails an Westergaard verschickt?

Am 2. Mai fasste Erik Guldager den Stand der Dinge in einer vorläufig letzten E-Mail an die Redakteurin zusammen:

"I was very sorry to hear the disturbing news, about the cancelling of Kurt and I in The Markus Lanz Show!!!. We have never experienced anything like that before. Sad to see the way Islamic groups run your TV station!"

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Fassung des Textes haben wir den Namen der "Lanz"-Redakteurin genannt. Davon haben wir inzwischen Abstand genommen, weil er unseres Erachtens für die Aussagekraft der Geschichte unerheblich ist.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
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    Seite 1    
1. heikel ?!
Sabi 06.05.2010
Zitat von sysopKurt Westergaard, Zeichner der Mohammed-Karikaturen, wirft dem ZDF vor, ihn aus Feigheit aus der "Markus Lanz"-Show ausgeladen zu haben. Der Sender widerspricht der Darstellung. Henryk M. Broder vermittelte Westergards Einladung. Seine Mail-Korrespondenz belegt: Das Zweite hat schlechte Argumente. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,693350,00.html
Alles wovor die politsch-korrekten à la Bellut (ZDF) Angst haben, nennen sie "heikel" ! Und das Thema Islam, Mohammed, Zwangsheirat, Apostagen-Verfolgung, etc..... sind heikel ! Bloß nicht anfassen, aus Angst von Zentralrat der Muslime, Milli Gurus, Türkei, Iran, Saudi-Arabien, El-Kaida, Moscheenverband, ...
2. So ist das eben...
realredfox 06.05.2010
---Zitat--- "I was very sorry to hear the disturbing news, about the cancelling of Kurt and I in The Markus Lanz Show!!!. We have never experienced anything like that before. Sad to see the way Islamic groups run your TV station!" ---Zitatende--- Das sind aber zum Glück noch keine Islamisten, sondern Hypokriten, Opportunisten und Feiglinge, genau wie in der übrigen Politik eben.
3. ...
OlafKoeln 06.05.2010
Zitat von sysopKurt Westergaard, Zeichner der Mohammed-Karikaturen, wirft dem ZDF vor, ihn aus Feigheit aus der "Markus Lanz"-Show ausgeladen zu haben. Der Sender widerspricht der Darstellung. Henryk M. Broder vermittelte Westergards Einladung. Seine Mail-Korrespondenz belegt: Das Zweite hat schlechte Argumente. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,693350,00.html
Selbstzensur ist geauso schlimm (wenn nicht schlimmer) als Zensur. Pfui Spinne, ZDF.
4. Dieter Hildebrandt hat's gesagt:
NoMaHu 06.05.2010
Zitat von sysopKurt Westergaard, Zeichner der Mohammed-Karikaturen, wirft dem ZDF vor, ihn aus Feigheit aus der "Markus Lanz"-Show ausgeladen zu haben. Der Sender widerspricht der Darstellung. Henryk M. Broder vermittelte Westergards Einladung. Seine Mail-Korrespondenz belegt: Das Zweite hat schlechte Argumente. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,693350,00.html
ZDF = Züchtiges Deutsches Fernsehen.
5. ...
Dirk Ahlbrecht 06.05.2010
Mensch ZDF, da wäre es besser gewesen Kurt Westergaard samt Markus Lanz ins Nachtprogramm zu verlegen, als nunmehr eine solche Nummer abzuliefern. Nicht nur einfach, nein, auch noch doppelt feige.
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