"Stuckrad Late Night" auf ZDFneo: Der Kreuzverhörer mit Kettensäge

Von Matthias Matussek

Wer braucht schon den geschassten Harald Schmidt oder Frank Plasberg? Mit "Stuckrad Late Night" bietet das ZDF die perfekte Mischung aus Wahnwitz und Polittalk. Zur Wahrheitsfindung wird hier Wodka eingesetzt - oder gleich eine Kettensäge. Eine Hommage an einen wahren Helden der Nacht.

Late Night Show: Schräg wie Stuckrad Fotos
ZDF neo

Wenn SPD-Linksaußen Ottmar Schreiner die Kettensäge an ein Schröderplakat anlegt, nachdem er zuvor die Arbeiter und Freiberufler und Angestellten der Talkshow, deren Gast er ist, zu Kampfmaßnahmen gegen "Dumpinglöhne" und die "menschenunwürdige Bezahlung" aufgepeitscht hat, dann weiß man: Hier agiert sich ein Politiker mit Lust und unverstellt aus. Und man weiß weiterhin: Er ist zu Gast bei "Stuckrad Late Night".

Man kann die Sendung als Antwort auf die Auflösung politischer Diskurse in ein postdemokratisches Spiel sehen. Sie ruft ihren Protagonisten zu: Die Lage ist aussichtslos, aber nehmt euch nicht zu ernst, sonst können wir euch nicht ernst nehmen. Man kann sie aber auch als die ausgefallenste, schrägste, intelligenteste Polittalkshow sehen, als Gegenmodell zu Jauch und Plasberg - und dabei eine Menge Spaß haben. Die Gesundheitsreform wird hier eher nebenbei diskutiert.

Jede Sendung beginnt mit einem Kreuzverhör im Stehen. Bei Schreiner: "Ist es richtig, dass Sie die 'Initiative Sozialdemokraten in der SPD' gründen wollten?" Oder an Thilo Sarrazin: "Wie geht Ihr Handy-Klingelton?" und gleich danach "Sind Sie ein Rassist?"

"Stuckrad Late Night" ist eine Mischung aus außerparlamentarischer Selbsthilfegruppe und Spielplatz und Gummizelle. Was der Spartenkanal ZDFneo da Donnerstag spätabends eingerichtet hat, und was über die Mediathek unkompliziert jedem zugänglich ist, führt vor, was für ein irrer Spaß TV tatsächlich sein kann.

Wodka mit Piratenchefin Weisband

Es hilft, dass Stuckrad-Barre interessierter Zeitungsleser und sachkundiger Hauptstadtreporter ist. Er kennt die, die er interviewt. Er sympathisiert durchaus mit ihnen. Er weiß, dass Politik ein grausames und trostloses Gewerbe ist, aus Fraktionszwang und Ohnmacht besteht, aus Verwundungen und Profilierungssüchten - und denen nach einem ganz anderen Leben.

Aus solchen Gästen das Beste (oder Schlechteste) herauszuholen, ist natürlich weit spannender, als David Precht zu seinem neuen Bestseller oder Juli zu ihrem neuen Album zu befragen. Die können das. Die können spielen, mit den ganz großen Themen. Die können all die coolen, unfassbar angeschrägten Welterklärungen abgeben. Politiker allerdings können es nur in Ausnahmefällen, weil sie Handwerker sind. Klempner der Demokratie. Ihr Blaumann ist der graue Anzug.

Und die holt sich Stuckrad nun, ach was, mittlerweile drängen sie sich in sein Studio, weil sie was ausprobieren wollen und so neugierig sind wie ihr Reiseführer. Und so präsentieren sie sich - Rainer Brüderle, Gregor Gysi, Christian Ude, Michael Glos - der MTV-Generation (gibt's die noch?) genauso wie denen, die beim nächtlichen Zappen hier einfach hängen geblieben sind oder die für Politik sonst gar nicht mehr zu erreichen sind.

Luft raus aus den Sprachballons

Damit tut Stuckrad mehr gegen die ominöse Politikverdrossenheit als jede Gauck-Rede, was ihn allerdings nicht die Bohne interessiert. Er spürt keine volkspädagogischen Aufträge in sich. Er will ein bisschen Spaß haben mit Politikern. Oder Politikerinnen. Deshalb füllt er die Piratenchefin Weisband mit Wodka ab und diskutiert mit ihr im Bett über das Urheberrecht, und zwar kontrovers.

Stuckrads politisches Motto: Jetzt gucken wir mal ganz anders drauf als im Presseclub. Wir lassen mal die Luft raus aus den Sprachballons und suchen die Wahrheit in schlampiger Beiläufigkeit. Wenn er Bärbel Höhn ein lebendiges Huhn vorsetzt und mit ihr über Käfighaltung und das Grüne Programm redet oder sich vom SPD-Gesundheitsexperten Lauterbach auf Herz und Nieren abhören lässt, hat das jenen schönen Irrsinn, den das Cabaret Voltaire vor knapp 100 Jahren gehabt haben muss, als es DaDa erfand.

In Zürich 1916 wollte man die stürzende Bürger-Welt aus den Angeln treten. Das Angenehme an Stuckrads Sendung allerdings ist, dass sie Sympathien für eine mittlerweile prekär gewordene Bürgerlichkeit hegt. Sie nimmt Politiker nicht nur als Gegner wahr, als Agenten einer falschen Weltanschauung. Sie ist mit einem Wort: konterrevolutionär, und sie schämt sich nicht mal dafür.

Das Prinzip seiner Sendung: Kaputtmachen um aufzubauen. Images, Rollenbilder, Gewissheiten durch den Fleischwolf drehen. Auch die eigenen. Ja, das unterscheidet Stuckrad von all den überanstrengten Hipstern und Szene-Avantgardisten und verkrampften Gehässigkeitskünstlern: Er hat Selbstironie. Er hat Abstand zu sich selbst. Er nimmt sich nicht so wahnsinnig wichtig. Er ist auf eine nette Art eitel.

Von Maschmeyer bis Muppet-Show

Glück ist natürlich, dass er diese Leute aus Christian Ulmens Produktionsfirma um sich hat. Da sich das ZDF diese digitalen Spielplätze für neue Ideen, neue Shows leistet, sind Reparaturen und Nachbesserungen keine Staatsaktion. Stuckrad ist kein Kabarettist wie der jetzt von Sat.1 verabschiedete Harald Schmidt, sondern Journalist, Reporter, einer der besten, weshalb er nun, für die zweite Staffel, auf den Eröffnungsmonolog verzichtet. Gute Idee, denn er pflegte sich dabei vor Aufregung sämtliche Hemden durchzuschwitzen.

Stattdessen nun als Entree ein Kurzschauspiel zum Thema der Woche: Zapfenstreich, Klarsfeld-Ohrfeige, Maschmeyer-Lesung. Ansonsten das lockere Gespräch, die schlagfertige Intervention.

Weiterhin: Die beiden Kommentatoren, Hajo Schumacher und General Schönbohm, die das Geschehen aus einer entfernten Loge kommentierten, sind mit der neuen Staffel näher herangerückt. Besser, denn nun greifen sie leichter ein. Übrigens sind die beiden eine geniale Idee, eine Anleihe an Waldorf und Statler aus der "Muppet Show", zwei Grantler, die sich gegenseitig nicht grün sind und die allerschönsten Nebenkriegsschauplätze bilden. In letzter Zeit springt Nikolaus Blome von der "Bild" für den erkrankten Generalleutnant Schönbohm ein. Und für Schumacher Kollege Feldenkirchen. Das Ergebnis war: Ein wunderbar komisches Gehacke zwischen SPIEGEL und "Bild".

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Sendung verschlankt worden. Die Einspieler des Außenreporters, die nur mäßig witzig waren, sind ebenso unter den Tisch gefallen, wie die nicht unkomischen Begriffserklärungen von Ulmens "Uwe Wöllner", aber auch ihr Wegfall ist kein großer Verlust.

Man probiert, man sieht, was klappt, das Übrige lässt man raus, die Stärken baut man aus, das ist das Fernsehen als work in progress, unverkrampft, gegen die Apparate, Programm mit einer Hand in der Tasche, die Guerilla-Haltung zum Medium. Diese Guerilla-Haltung fasst Benjamin von Stuckrad-Barre in einem Interview mit Katrin Bauerfeind so zusammen: "Darum geht's ja, dass man etwas herstellt, und im Zweifel, wenn darauf reagiert wird, man schon wieder wo ganz anders ist."

Doch im nächsten Jahr ist erst mal Bundestagswahl - ohne "Stuckrad Late Night" gar nicht machbar!


"Stuckrad Late Night", ZDFneo, immer donnerstags, 23:30 Uhr

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1.
niska 29.03.2012
Zitat von sysopWer braucht schon den geschassten Harald Schmidt oder Frank Plasberg? Mit "Stuckrad Late Night" bietet das ZDF die perfekte Mischung aus Wahnwitz und Polittalk. Zur Wahrheitsfindung wird hier Wodka eingesetzt - oder gleich eine Kettensäge. Eine Hommage an einen wahren Helden der Nacht. "Stuckrad Late Night"*auf ZDFneo: Der Kreuzverhörer mit*Kettensäge - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,824326,00.html)
Steht da tatsächlich Matussek über dem Artikel? Ich glaub ich fall vom Glauben ab. Dass ich mal einen Matussekartikel gut finden würde hätte ich nicht gedacht.
2. freifrau
zberg 29.03.2012
wieder so ein fall in dem rezensent und besprochenes subjekt die bewußtseinserweiternde eingebung teilen irgendwie werd ich den verdacht nicht los ,daß der SPIEGEL in der zwischenzeit zu großen teilen kulturmatze gehört und er sich deshalb hin und wieder in den internet auftritt einschleusen kann
3. Wahnwitz ja, Polittalk wo?
MisterGenius 29.03.2012
Die Mischung aus Wahnwitz und Polittalk ist durchaus gerechtfertigt! Leider gibt der Autor des Artikels nicht die grundsätzliche Menge des zu konsumierenden Alkohols an, um so viel Wahnwitz in permanenter Egomanie zu erzeugen, die einem die Sendung von Stuckrad ertragen läßt! Es handelt sich in meinen Augen um eine medial total überhöhte Person, deren Wert für die Gesellschaft kaum meßbar ist! So leid es mir für Herrn Schmidt tut, aber Herrn Stuckrad als positiven Erben zu bezeichen ist für erstern eine Strafe und für zweiteren schlicht zuviel des Lobes! Gemessen an dem ertragslosen Geplaudere des Herrn Stuckrad, bin ich gespannt, wie lange sich diese Wendung halten darf! Sicherlich ist die Verpackung peppiger, jedoch der Inhalt mitnichten gehalt- respektive sinnvoller! Auch die Herren Beisitzer (egal, in welcher Kombination) bewirken hier keine Hebung des Anspruches! Denn für alle Beteiligten ist es lediglich eine Selbstdarstellungsbühne! Und somit fällt auch diese Sendung in die Reihe von Anne Will, Maischberger und Co.! Gemein ist allen, dass diese Sendungen von einem angeblich höherem Horizont ausgehen! Jedoch ist seltenst auszumachen, oft nur verschwommen! Wie dem auch sei, es ist ein Kommen und Gehen, und die derzeitige Enwicklung lässt einen Hoffen, dass, wenn die einen gehen, endlich wirkliche Lichtgestalten kommen und bis dahin begnügen wir uns mit den mit Sparlampenlich ausgestatten Aktueren dieser heiteren Bühne!
4.
urbansonnet 29.03.2012
Zitat von sysopWer braucht schon den geschassten Harald Schmidt oder Frank Plasberg? Mit "Stuckrad Late Night" bietet das ZDF die perfekte Mischung aus Wahnwitz und Polittalk. Zur Wahrheitsfindung wird hier Wodka eingesetzt - oder gleich eine Kettensäge. Eine Hommage an einen wahren Helden der Nacht. "Stuckrad Late Night"*auf ZDFneo: Der Kreuzverhörer mit*Kettensäge - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,824326,00.html)
klingt gut! wenn nur der stuckrad nicht wäre. bei dieser selbstverliebten labertasche packt mich echt das kalte grauen und der fremdschäm-reflex. der kann sich im duett mit charlotte roche vor den spiegel stellen. das wäre für alle beteiligten das beste.
5. Zwischen "Zimmer Frei" und Krömer
tentakle123 29.03.2012
Wow, Rezzo Schlauch darf ne Gitarre kaputtmachen! Stuckrads Unterhaltungsshow bewegt sich formal irgendwo zwischen "Zimmer Frei" und Krömer. Nichts wirklich Neues und auch politisch uninteressant. Prominente die "menscheln", für 5 x 60 Sek. den Hampelmann machen und die man dafür liebhaben soll: Das war schon das Konzept von Dalli-Dalli.
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