Neue ProSieben-Show "Studio Amani" Jetzt darf die Vollbluttussi ran

Enissa Amani spricht in einem Atemzug über Gangsterrap und den Porsche-Vorstand, über Handtaschen und die Flüchtlingskrise. Dass der Auftakt ihrer neuen Show trotzdem misslingt, liegt auch an Meerschweinchen und Torten.

Enissa Amani
ProSieben/ Boris Breuer

Enissa Amani

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Peinlich berührt vergräbt Comedian Enissa Amani den Kopf in den Sofakissen, während im Hintergrund alte Aufnahmen ihrer einstigen Karriere als QVC-Homeshopping-Moderatorin laufen. "Echt, echt, echt" sei dieses Segment ihrer neuen ProSieben-Sendung "Studio Amani", quietscht sie in die Kamera. Und auch echt schade: Denn die "Ich war jung und brauchte das Geld"-Szene lädt nicht annähernd so sehr zum Fremdschämen ein wie die restlichen 48 Minuten der Show. Der Check.

Die Moderatorin: Plötzlich war sie überall. 2014 gab Enissa Amani ihr Debüt in der deutschen Comedy-Szene. Ein Auftritt bei "TV Total" machte sie nahezu über Nacht zum Star. Bisheriger Höhepunkt der Humorkarriere: 2015 erhielt Amani den Deutschen Comedypreis als beste Newcomerin.

Das Erfolgsrezept der Deutschiranerin ist die Gratwanderung zwischen Politik und Proletariat, Glamour und Gosse, "Chanel und Che Guevara" (so der Name ihrer Deutschlandtournee). Amani hat kein Problem damit, sich selbst den Stempel "Vollbluttussi" aufzudrücken. Sie steht zur millimeterdicken Make-up-Schicht, zur operierten Nase, zu den großen Brüsten und den 18-Zentimeter-Absätzen. Wenn Amani in einem Atemzug über Gangsterrap und den Porsche-Vorstand, über Handtaschen und die Flüchtlingskrise spricht, und dabei zwischen Straßenslang und Hörsaaljargon wechselt, zeigt sie: Auch eine wunderschöne Frau kann Wörter wie "Hurensohn" benutzen, auch eine intelligente Frau darf Wert auf Oberflächlichkeiten legen. Und nur weil jemand Selfies auf Instagram postet, heißt das noch lange nicht, dass er keine Nachrichten liest.

Die Sendung: Knapp drei Monate nach dem "TV Total"-Aus ersetzt Amani Stefan Raab auf dem montäglichen 23.15-Uhr-Sendeplatz. "Studio Amani" heißt die Show, in der Amani wochenaktuelle Themen humoristisch aufbereitet. Das Studio ist eine Kreuzung aus Wohnzimmer und Klub: klein, gemütlich, mit riesiger Couch, DJ am Teppichrand und Publikum im Off. Mittendrin Amani. ProSieben habe ihr eine eigene Show gegeben und ihr gesagt, sie könne machen, was sie möchte, sagt die Komikerin zu Beginn der ersten Sendung.

Die Gäste: Schauspieler Antoine Monot, Jr., den meisten als Tech-Nick aus der Werbung bekannt. Er darf Zuschauerfragen beantworten, wie: "Was findest du sexy?" Oder: "Was sagst du, wenn du böse bist?" Und: "Was machst du mit Essensresten im Bart?" Die Antworten: Genauso banal wie die Fragen.

Monots Bart ist nicht der einzige Flausch-Content der Sendung: Die Meerschweinchen Trumpi und Héctor Valdez Villa Real García dürfen in ihr Gehege einziehen, stellvertretend für US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump und seine mexikanischen Nachbarn. Interessante Wendung: Héctor Valdez Villa Real García macht es sich direkt im Papp-Trump-Tower bequem. Das könnte noch böse enden.

Die Themen: "Studio Amani" hat Vieles, nur kein Konzept. Perfekt gestylt versucht Amani alles, was den jungen, gesellschaftsinteressierten, internetaffinen Zuschauer irgendwie interessieren könnte, in eine Sendung zu quetschen. Sie springt von Thema zu Thema: Migranten, der Super Tuesday, neue Facebook-Features, schlechte TV-Werbespots. Zwischendurch noch ein Tweet der Woche, ein paar alte Internetfotos, ein Spiel, in dem Zuschauer mit Torten beworfen werden, ein paar Hip-Hop-Beats und ein bisschen Stand-up-Comedy. Zwar dominieren die Themen, mit denen Amani auch bei ihren Bühnenauftritten glänzt - Rassismus, Vorurteile, kulturelle Unterschiede. Doch keines der wenigen interessanten Segmente erhält genug Zeit, um zu zünden.

Der Tiefpunkt: Ein Zuschauer, eine Aufgabe: Erzähle die interessanteste Geschichte, die du zu bieten hast. Derweil sitzen Amani und ihr Gast am Hebel. Sobald die beiden von der Geschichte des Zuschauers gelangweilt sind, ziehen sie am Hebel, und der Erzähler bekommt per Katapult eine Torte ins Gesicht gepfeffert. Bei der Sendungsplanung scheint sich leider niemand Gedanken darüber gemacht zu haben, welchen Unterhaltungswert es tatsächlich hat, wenn langweilige Geschichten erzählt werden - noch dazu ohne Pointe.

Der Höhepunkt: Die letzten paar Minuten der Sendung gehen für einen Stand-up-Comedy-Battle der Kulturen drauf: Polen gegen Iran, Marek Fis gegen Enissa Amani. Abwechselnd dissen die beiden Comedians die Herkunft des anderen. Hier, befreit von Skript und Studiosofa, zeigt sich endlich Amanis Stärke: Sie teilt derbe aus, scheut nicht davor, unter die Gürtellinie zu gehen, und macht sich dabei sämtliche kulturellen Klischees zunutze.

Die Zukunft: Amani fängt da an, wo Stefan Raab aufgehört hat: an der Seitenlinie des Humors. So wird das nichts. Man kann Amani mögen oder nicht, lustig finden oder nicht, belächeln oder beklatschen. Fakt ist: Sie ist Trägerin des Comedypreises, weil sie gekonnt mit Klischees spielt, nicht, weil sie so schön Meerschweinchen tragen kann. Weniger Internetfundstücke, mehr Politik; weniger Klamauk, mehr Comedy, die wehtut: Wenn das funktioniert, kann man zwischendurch auch mal einen Tortenwurf ertragen.



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