Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Suizid-Debatte bei Plasberg: Selbstmord als Stilfrage

Von

Gunter Sachs tötete sich selbst - vier Tage später nahm nun "Hart aber fair" das Tabuthema auf: Darf ein Mensch über das Ende seines Lebens selbst bestimmen? Frank Plasbergs Diskussionsrunde gelang ein pietätvoller Balanceakt, der dem heiklen Thema absolut angemessen war.

Gunter Sachs: Mutiger Mann oder falsches Vorbild? Zur Großansicht
dapd

Gunter Sachs: Mutiger Mann oder falsches Vorbild?

Im Vorfeld der Sendung stellte die Redaktion von "Hart aber fair" einen Vote auf ihre Web-Seite, der ein äußerst eindeutiges Meinungsbild erbrachte. "Haben Sie Verständnis für den Freitod von Gunter Sachs?" wurde da gefragt, und im Laufe des Mittwochs bewegte sich die Zustimmung stets um 80 Prozent und mehr. Alles klar also?

Nicht so ganz. "Mutig" habe sie die Selbsttötung von Gunter Sachs gefunden, sagte eingangs die Journalistin Inga Griese, die man als Freundin von Sachs eingeladen hatte: Sie wolle das aber nicht Selbstmord nennen, "sondern Freitod, das passt auch besser zu diesem Mann".

Zustimmender Applaus. Ist Selbstmord also eine Stilfrage?

Neben Griese saßen Tilman Jens, Sohn des dementen Walter Jens, Renate Schmidt als Ex-Familienministerin, Peer Juhnke als Arzt und Sohn des dement verstorbenen Harald Juhnke sowie der Theologe und Journalist Stephan Kulle, der nach einem Unfall selbst über mehrere Jahre eine schwere Behinderung erlebte.

Unabhängig von Perspektiven, Erfahrungen und Weltanschauungen berührt die Frage nach Suizid und Sterbehilfe, nach Tod und Würde alle Menschen auf die gleiche Weise - als potentiell Betroffene. So ergab sich für den Beginn der Diskussion eine seltsame Konstellation: Die individuelle Entscheidung zum Selbstmord respektierten alle Diskutanten als Möglichkeit - wenn auch womöglich als falsches Vorbild.

Was macht einen Suizid "richtig"?

Denn was Griese schwärmerisch als mutig und stilvoll empfindet - das Leben zu verlassen, bevor eine Krankheit die Persönlichkeit möglicherweise verändert und auslöscht - empört den Arzt Juhnke, weil der finale Kopfschuss von Sachs auf einer Selbstdiagnose beruhte. Die Art des Suizids habe zudem nichts Stilvolles, sekundierte Kulle: Der Kopfschuss sei eine zusätzliche Zumutung für den, der den Toten finde, eine emotionale Grausamkeit gegenüber den Hinterbliebenen. Sachs habe sein Leben weggeworfen, meinte auch Schmidt, ein Leben mit Krankheit könne doch lebenswert sein. Gleich mehrmals fragte Plasberg nach der Gefahr des Werther-Effekts, des Nachahmungssuizids, den es immer wieder einmal gibt, wenn sich Prominente töten.

Damit war alles genannt: Selbstmord und Sterbehilfe, aktive und passive, die Frage nach dem Wert eines Lebens in Krankheit, nach Verantwortung gegenüber Dritten auch im Leiden. Gefangen zwischen persönlichen Perspektiven und Betroffenheiten hätte das nun pietätvoll mäandern können. Dem fast unsichtbaren Plasberg und seiner Redaktion gelang es jedoch, durch wenige subtile Eingriffe das ganze Dilemma erst richtig zu offenbaren - und das ohne die in diesem Kontext sonst üblichen Leidensgeschichten.

Ein kurz eingeblendetes Zitat des Journalisten Michael Jürgs, der die Meinung vertritt, dass aktive Sterbehilfe für einen dementen Menschen auch durch Beschluss eines "Familienrates" eingeleitet werden sollte, lockte Tilman Jens aus der Reserve. Ja, sagte er, von Juhnke und Kulle entsetzt beobachtet, er hätte das für seinen Vater getan, wenn der das "wirklich gewollt hätte".

Ist das der Maßstab? Das Selbst-Wollen? Kann das genug sein?

Ein weiterer Einspieler der Redaktion zeigte Ausschnitte aus einer Schweizer Dokumentation über einen psychisch kranken Mann, der sich mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation das Leben nimmt. Allgemeine Empörung: Körperlich gesund und heiter erschien der Mann, "nur" zum Selbstmord entschlossen. Eine Therapie hätte der gebraucht, fachärztliche Hilfe, meinte Schmidt. Für Juhnke stellte sich auch die Frage der Verantwortlichkeit der Mitwisser: Auch die Dokumentarfilmer hätten den Mann ja einweisen lassen können.

Standpunkte entpuppen sich als fallabhängig

Wie muss sie also beschaffen sein, die Krankheit, die den Suizid, die Sterbehilfe rechtfertigt? Unheilbar? Schmerzhaft? Tödlich? Die Persönlichkeit vernichtend? Wann treten wir pietätvoll zurück und respektieren den Todesentschluss, wann stellen wir uns schützend vor den Kranken, wann schützen wir ihn vor sich selbst?

Ein weiterer Einspieler über eine Dementen-WG glücklicher, "tüddeliger Damen" inspirierte Inga Griese, die so viel Verständnis dafür hat, dass Sachs der bloßen Möglichkeit der Demenz mit ballistischen Mitteln entfloh (Plasberg nennt es einmal einen "Hemingway-Tod"), zu einer Anekdote darüber, wie schön und rührend und lustig die Kennedys mit dem dementen Robert Sargent Shriver umgegangen seien. Ist Selbstmord also nur eine stilvolle Möglichkeit von mehreren, mit Demenz umzugehen?

Die Widersprüche mehren sich, Schluss ist mit 80 Prozent Zustimmung, mit konsistent vertretenen Meinungen. Natürlich ist das so: Es gibt keine einfachen Antworten auf so komplexe Fragen.

Renate Schmidt kann eine individuelle Entscheidung zum Freitod respektieren, nicht aber als generelles Urteil darüber, ob das Leben mit einer bestimmten Krankheit lebenswert ist oder nicht. Das ist konsequent: Was für den einen richtig sein mag, muss für den anderen nicht stimmen. Aus Sachs' Freitod lässt sich keine Anleitung für den Umgang mit Alzheimer ableiten, das wäre aberwitzig. Was eingangs so klar schien, endet in scheinbar unbefriedigender Ambivalenz.

Das zeigen auch die ausgewählten Zuschauerreaktionen am Ende. Der eine ist dafür, der andere dagegen - aber alle in Bezug auf völlig verschiedene Dinge. Schade, dass Plasberg den 80-Prozent-Vote nicht zumindest im Publikum wiederholt: "Haben Sie Verständnis für den Freitod von Gunter Sachs?"

Der Moderator verzichtet sogar auf die sonst übliche Schlussrunde, "das schiene mir nicht angemessen". Er will nur wissen, was die Diskutanten aus dem Gespräch mitnehmen. Renate Schmidt sagt darauf, wichtig sei es doch, dass wir endlich einmal auch über unseren eigenen Tod nachdächten. Es wirkte wie das einzig mögliche Schlusswort.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 122 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
frubi 12.05.2011
Zitat von sysopGunter Sachs*tötete sich*selbst -*vier Tage später nahm nun "Hart*aber fair"*das Tabuthema auf: Darf*ein Mensch*über das Ende seines Lebens selbst bestimmen?*Frank Plasbergs*Diskussionsrunde gelang ein pietätvoller Balanceakt, der*dem heiklen Thema absolut angemessen war. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,762038,00.html
Ich war auch überrascht von der Qualität dieser Sendung und habe seit langem mal wieder eine HaF Sendung über die volle Distanz verfolgt. Es hat mich nur gestört, dass dieser schweizer Arzt aus der Doku als krank beschrieben wurde. Alles, was wir nicht wirklich begreifen können, wird sofort in eine Schublade gesteckt. Ich werde mir die Doku natürlich noch komplett ansehen. Mir fehlte zudem die Frage, wieso sich Sachs erschießen musste. Wieso gibt es in Deutschland keine Möglichkeit, freiwillig und friedlich aus dem Leben zu gehen? Hier spielt aber der christliche Einfluss eine Rolle und das muss sich dringend ändern.
2. Wiedergeburt ?
Paukenmeier, 12.05.2011
Zitat von frubiIch war auch überrascht von der Qualität dieser Sendung und habe seit langem mal wieder eine HaF Sendung über die volle Distanz verfolgt. Es hat mich nur gestört, dass dieser schweizer Arzt aus der Doku als krank beschrieben wurde. Alles, was wir nicht wirklich begreifen können, wird sofort in eine Schublade gesteckt. Ich werde mir die Doku natürlich noch komplett ansehen. Mir fehlte zudem die Frage, wieso sich Sachs erschießen musste. Wieso gibt es in Deutschland keine Möglichkeit, freiwillig und friedlich aus dem Leben zu gehen? Hier spielt aber der christliche Einfluss eine Rolle und das muss sich dringend ändern.
Bitte versuchen sie sich mal kurz in meine Lage zu versetzen. Danke. Ich glaube an die Wiedergeburt. Wenn man den Freitod wählt, dann zerstört man wohl den Körper, aber nicht den Geist. Wenn jemand eine solche Abneigung seinem eigenen Leben gegenüber empfindet, dann ist sein Geistiger Zustand auch sehr negativ. Ein friedliches Ausscheiden ist richtg und wichtig, aber ist es beim Freitod tatsächlich möglich? Ich glaube es ist sehr wichtig, wie man stirbt. Mit einem Freitod schafft man sich sehr ungünstige Bedingungen für das nächste Leben, denn der geistige Zustand am Ende eines Lebens ist der Zustand am Beginn des nächsten Lebens. Ich rate dringend vom Freitod ab, denn man schafft sich sehr viel mehr Leid, man löst das Problem nicht und zerstört nur den Körper. Von der Reaktion in der Familie ganz zu schweigen. Ich hoffe ich überfordere niemanden der dies liest und sollte es nicht akzeptabel sein, so ignorieren sie diesen Beitrag bitte. Der Tod ist ein Tabuthema, weil wir nichts darüber wissen. Wissen darüber ist aber Verfügbar, man muss sich nur bemühen. Ich kann verstehen, wenn man mit seinem Leben nicht zurechtkommt und es loswerden möchte. Mensch zu sein ist ein privileg, man sollte das nicht so einfach wegwerfen. Oftmals sind Depressionen Ursache für Freitod und diese Depressionen hängen stark von der eigenen Lebensweise ab und diese kann man selbst entscheiden und auch ändern. Ich danke für die Aufmerksamkeit. Wenn Sie diese Gedanken für unwichtig halten, dann vergessen Sie sie einfach.
3. Altz.
sfr 12.05.2011
Ich habe die Sendung nicht gesehen, da ich im Ausland bin! Habe aber Kommentare in manchen Zeitungen gelesen, die den Selbstmoerder kritisiert haben und ich glaube, sie haben voellig unrecht! Wer seine Eltern oder aeltere Verwandte im Zustand der geistigen Umnachtung fuer 5-6-7 jahre erlebt hat, weiss welche Last er seinen eigenen Kindern und Freunden mit einer eventuell eigenen geistigen Umnachtung aufbuerden wird. Gunter Sachs wird es gewusst oder stark vermutet haben! Nun, der Selbstmord durch Kopfschuss ist scheusslich - nur fuer die, die den Toten entdecken. Man sollte aber zeitig und fuer alle Faelle seine Ampulle parat halten.
4. Die Frage ist absurd und überflüssig!
president, 12.05.2011
Ein Mensch sollte die uneingeschränkte Souveränität über seinen Tod haben. Die einzige Problematik die ich darin sehe, ist die Verantwortung gegenüber Familie und Freunden. Aber das ist vielmehr ein egoistisches oder gesellschaftliches Problem. Ein Mensch, der fest entschlossen ist, sich umzubringen, wird es einfach tun und keiner wird es verhindern können. Was will man da im nachhinein noch diskutieren? Da helfen auch nicht der erhobene Finger der Kirche und irgendwelche ethischen Grundsätze und Gesetze, die ja der Mensch über die Natur und Evolution definiert und gesetzt hat. Unsere Gesellschaft ist hier gefordert, für ein besseres Leben - speziell im Alter - und ein Bewußsein für das Leben und die Verantwortung gegenüber anderen zu sorgen. Aber alles das wird es nicht verhindern können, dass es weiterhin viele Menschen geben wird, die aufgrund gesellschaftlicher Mißstände, psychischer und körperlicher Dauerbelastungen und die daraus resultierenden Zivilisationskrankheiten eine Entscheidung gegen das Leben fällen. Und das sollte man einfach tolerieren. Denn wenn das Leben in einer Gesellschaft nicht mehr als lebenswert empfunden wird, dann helfen auch keine Gesetze oder religiöse Moralpredigten mehr.
5. Die Frage ist absurd und überflüssig!
president, 12.05.2011
Ein Mensch sollte die uneingeschränkte Souveränität über seinen Tod haben. Die einzige Problematik die ich darin sehe, ist die Verantwortung gegenüber Familie und Freunden. Aber das ist vielmehr ein egoistisches oder gesellschaftliches Problem. Ein Mensch, der fest entschlossen ist, sich umzubringen, wird es einfach tun und keiner wird es verhindern können. Was will man da im nachhinein noch diskutieren? Da helfen auch nicht der erhobene Finger der Kirche und irgendwelche ethischen Grundsätze und Gesetze, die ja der Mensch über die Natur und Evolution definiert und gesetzt hat. Unsere Gesellschaft ist hier gefordert, für ein besseres Leben - speziell im Alter - und ein Bewußsein für das Leben und die Verantwortung gegenüber anderen zu sorgen. Aber alles das wird es nicht verhindern können, dass es weiterhin viele Menschen geben wird, die aufgrund gesellschaftlicher Mißstände, psychischer und körperlicher Dauerbelastungen und die daraus resultierenden Zivilisationskrankheiten eine Entscheidung gegen das Leben fällen. Und das sollte man einfach tolerieren. Denn wenn das Leben in einer Gesellschaft nicht mehr als lebenswert empfunden wird, dann helfen auch keine Gesetze oder religiöse Moralpredigten mehr.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: