ARD-Doku "Superfrauen" Tätschel, tätschel, toll

Eine halbe Stunde "Superfrauen", kurz vor Mitternacht: Mit dieser Doku zeigt die ARD in ihrer Themenwoche "Gerechtigkeit" unfreiwillig, wie wenig sich bei den Sendern in Sachen Gleichberechtigung tut.

BR

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Schon der Titel kommt daher, als wär's ein Roman von Hera Lind aus den Neunzigerjahren. Aber nein: "Superfrauen" ist eine Fernsehdoku über "die weibliche Seite des deutschen Films", genauer: eine "Bestandsaufnahme".

Zugegeben, es ist billig, sich über einen Titel zu mokieren. Denn, ja, die komplexen Verpackungsstrategien im Öffentlich-Rechtlichen können dazu führen, dass ein Film für die Verkaufe etwas gefällig und stereotyp dekoriert wird, der Inhalt selbst aber differenzierter ist. Auch wegen der Protagonistinnen in diesem Fall: Produzentin Regina Ziegler, die Regisseurinnen und Autorinnen Margarethe von Trotta, Doris Dörrie und Anika Decker, die Schauspielerin Iris Berben, "Toni Erdmann"-Produzentin Janine Jackowski, die Präsidentin der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen Bettina Reitz und Filmförder-Chefin Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin-Brandenburg - eine meinungsfreudige Truppe.

In der Tat ist dieser Film eine "Bestandsaufnahme". Nur anders als beabsichtigt, trotz der wortgewandten Interviewpartnerinnen: Er zeigt den ganzen irren Abgrund, in dem die Branche festhängt. Willkommen in der ARD-Themenwoche "Gerechtigkeit". 30 Minuten über Frauen. Nachts um 23.35 Uhr.

Das zeigt sich schon nach 40 Sekunden, als Autor Heiko Rauber das Exposé für die kommende halbe Stunde formuliert: "Frauen im Filmbusiness: Sie holen Preise. Sie sorgen für Aufsehen. Und: Sie machen tolle Filme." Moment, echt jetzt? "Sie machen tolle Filme"?!

Ein Wort wie ein Auf-den-Kopf-Tätscheln

Genau diese Haltung steckt in "Superfrauen": ein Wort wie ein Auf-den-Kopf-Tätscheln. Als müsste der Autor die Regisseurinnen, Produzentinnen, Schauspielerinnen, Autorinnen überlebensgroß machen, damit sie überhaupt zählen. Dabei wollen sie doch nur eines: Lasst uns unseren Job machen. Wie die Männer auch.

Wäre dieser Film vor anderthalb Jahren ausgestrahlt worden, als die senderübergreifende Studie "Audiovisuelle Diversität: Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland" vorgestellt wurde mit all den völlig vorgestrigen Zahlen, wegen der alle Senderverantwortlichen sofort alles Bisherige hätten über Bord werfen müssen, oder vor einem knappen Jahr, als sich Pro Quote Film als Gewerke-übergreifender Lobbyverein aufstellte - ok, gerne, "Bestandsaufnahme".

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ARD-Doku "Superfrauen": Gleicher Einsatz, ungleiche Gage

Doch heute wirkt dieser Film ein wenig angegammelt. Als reichte es, diese erfahrenen, zu Recht von der Ungleichheit genervten Frauen einfach noch einmal sagen zu lassen, was längst den Status von Binsenweisheit hat. Ohne einen einzigen neuen Gedanken hinzuzufügen. Ohne zu thematisieren, was allein seit 2017 in der Branche passiert ist, nach den Erkenntnissen über die jahrzehntelang geduldeten sexuellen Übergriffe von Regisseur Dieter Wedel, nach der Entlassung von WDR-Filmchef Gebhard Henke. Ohne Programmverantwortliche erzählen lassen, ob und wie sie sich nun eine Quote verordnen bei der Vergabe von Aufträgen. Ohne mit einer Silbe zu thematisieren, wie sich diese Machtstrukturen noch zeigen, außer dass eine Schauspielerin weniger verdient - etwa wieso es nun, huch, eine Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt für die Filmbranche gibt.

Stattdessen zwar wahrhaftige, starke, aber eben redundante Sätze wie: "Es ist immer noch eine Männer besetzte Branche, ja", "Das ist kaum nachvollziehbar", "Frauen haben es nach wie vor schwerer, bei höher budgetierten Filmen gefördert zu werden." Dazwischen Ausschnitte aus Filmen jener Frauen, die vor allem Frau-und-Mutter-Sein thematisieren.

Und vor allem: Ohne einen einzigen Mann zu Wort kommen zu lassen. Keiner von denen, die in den jeweiligen Machtpositionen sitzen bei ARD, ZDF, Arte und dem ganzen Rest. Keiner derjenigen, die darüber reflektieren, dass und warum sich etwas ändern muss. Oder jene, die in die Kamera sagen, nöö, ist doch alles prima, also Diskriminierung können sie nicht feststellen.

Mediokre Filme

Machen wir doch spaßeshalber mal einen Test bei den Filmen, die im Rahmen der Themenwoche in der ARD gezeigt werden: Das Mittwochsdrama "Keiner schiebt uns weg" erzählt zwar vom Kampf für Lohngerechtigkeit, hat zwar eine Hauptdarstellerin, ist geschrieben von einem Mann-Frau-Duo, ist produziert von einer Frau. Aber. Regie: Mann. Kamera: Mann. Szenenbild: Mann. Herstellungsleitung: Mann. Produktionsleitung: Mann. Und dann läuft zum Anfang der Themenwoche ausgerechnet ein "Polizeiruf 110" aus Rostock - jene Filiale, in der Anneke Kim Sarnau für ihre Hauptrolle lange weniger Gage bekommen hat als ihr Partner Charly Hübner (Regie: Mann; Buch: Mann-Frau-Duo).

"Unverwechselbarkeit: So kann man Männern die Show stehlen", ist Raubers unverwechselbar flaches Argument. Dürfte also wirklich nicht so schwer sein, schaut man sich seinen eigenen Film an. Bei ihm haben Frauen "sich behauptet in der Männerdomäne Filmbusiness", "führten einen Kampf gegen Windmühlen", "schwimmen gegen den Strom", "wissen, wie es ist, gegen Wände zu laufen" und "dass Klappern zum Handwerk gehört".

Sie habe keine Angst vor mediokren Filme von Frauen, formuliert es Produzentin Janine Jackowski am Schluss treffend: "Es gibt auch genügend mediokre Filme von Männern."

"Superfrauen. Die weibliche Seite des deutschen Films". ARD, 11.11., 23.35 Uhr


Offenlegung: Die Autorin ist Mitglied bei Pro Quote Medien.

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Onkel Drops 10.11.2018
1. tja Deutschland
in UK haben zwei Frauen sehr großen Einfluss gehabt. die Direktorin Verity Lambert und im Hintergrund zauberte Delia Derbyshire aus schnöden Noten dann elektronische sounds heraus. ein Nischenprodukt fürs Kinderfernsehen anno 1963. heute steht die Hauptfigur zum ersten mal als Frau ihren Mann und das ist gut so. bei gleicher Gage wie Peter Capaldi der es zuvor spielte!!! 55 Jahre Doctor Who und ohne Frauen undenkbar... was nützt der beste Regisseur/Kameramann/Beleuchter ohne Maske/ Kostüme und anderes. ich hatte im Theater genug weibliche Mitarbeiterinnen neben uns Kerlen. Vorurteile gabs da auch: defekter Vorhang alle Näherinnen ohne Zeit - und oh Wunder ein Bühnentechniker der selbst die Nähmaschine bedienen kann ( und hetero war ich auch noch lach ). da kann man fünfmal sagen ich weiß was ich mache, geglaubt hat es keine bis ich fertig war. ja manchmal muss man die Tür einrennen, das bringt aber einiges. mutig voran Mädels...
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