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Schöner fernsehen

TV-Experiment "Supernerds" "Aber es ist nicht der BND, oder?"

WDR-Experiment: Die Supernerds Fotos
WDR

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Ferngesteuerte Schnappschüsse der Zuschauer zu Hause, gehackte Smartphones der Menschen im Publikum, dazu Tanztheater, klassische Einspieler und eine Prise "Galileo" - mit dem multimedialen Spektakel "Supernerds" wagte sich der WDR an das Thema der Totalüberwachung.

"Wann fing das an?", will Bettina Böttinger wissen. Wann fing das an mit der totalen Überwachung? Die Moderatorin steht auf der Bühne des Kölner Theaters, und während sie noch fragt, weicht sie schon seitwärts den Schauspielern aus, die als "Julian Assange", "Chelsea Manning" oder "Daniel Ellsberg" von 9/11 erzählen. Während die Figuren von ihren Erinnerungen berichten, befragt Böttinger vor einer virtuellen Flimmerwand hinter der Bühne bereits die Regisseurin Angela Richter, die das ganze Spektakel recherchiert und konzipiert hat, nach deren Begegnungen mit einer ganzen Reihe von Whistleblowern, während der Journalist Richard Gutjahr hinter seinem Laptop wie eine James-Bond-Bösewicht-Version von Ranga Yorgeshwar die ersten digitalen "Angriffe" auf das Publikum drinnen im Saal erklärt und in die Wege leitet. Eine ambitionierte Choreografie.

Wann immer aber im deutschen Fernsehen "das Internet" zum Thema wird, verabschieden sich irgendwann die Server - sei's beim "Quizduell" mit Jörg Pilawa oder bei "Supernerds", wo die Panne gewissermaßen den Gegenstand der Sendung dementierte, das Internet sei ein gefährlicher Ort. "Aber es ist nicht der BND, oder?", fragt Bettina Böttinger, die alles andere als ein "Supernerd" ist und damit die diffus beunruhigte, ansonsten aber weitgehend ahnungslose Zielgruppe dieses Überwachungs- und Aufklärungsabends verkörpert.

Die Zuschauer im Schauspiel Köln wie vor dem Fernseher oder Laptop konnten sich zuvor mit Name, Mobilfunknummer und E-Mail-Adresse anmelden, um entweder Opfer der Überwacher zu werden oder sie selbst interaktiv in die Wege leiten zu können. Schon im Vorfeld der Sendung wurden die "Testpersonen" mit kryptischen Anrufen oder Postkarten verunsichert - eine Art Re-Enactment des vermutlich paranoiden Lebensgefühls eines Whistleblowers. Nun bedeutet Paranoia bekanntlich nicht, dass niemand hinter uns her ist. Ziel des Projekts war weniger, vor der Überwachung zu warnen, als vielmehr unsere weitgehend besinnungslose Verwandlung in wandelnde Datenpakete aus Glas überhaupt sinnlich erfahrbar zu machen.

Während der Sendung konnten die User online bestimmen, inwieweit dem akkreditierten Publikum im Theater mit den Taschenspielertricks der digitalen und telekommunikativen Ausspähung "auf den Zahn gefühlt" werden solle. Wer wohnt auf dem linken, wer auf dem rechten Rheinufer? Wie sieht es mit der Bonität aus? Den sexuellen Vorlieben? Unversehens konnte man damit auf der heimischen Couch zum Überwacher werden. Begleitet wurden diese sanften Varianten des Stanford-Prison- oder des Milgram-Experiments hinter der Bühne von Interviews mit der Autorin Yvonne Hochstetter ("Sie wissen alles") oder dem Snowden-Anwalt Wolfgang Kaleck.

Wer das nicht sehen wollte, konnte unter supernerds.tv umschalten und weiter dem Geschehen auf der Bühne folgen, wo, wahrscheinlich aus symbolischen Gründen, der Geschlechtsumwandlung von Bradley Manning in Chelsea Manning viel Raum eingeräumt wurde. Der klassische Fernsehzuschauer informierte sich derweil weiter über Phänomene wie das Privatsphärenparadoxon, aggregierte Kreditanfragen oder Bit Data. Um etwa die Tücken des "Internets der Dinge" zu illustrieren, schaltete sich Richard Gutjahr live in unverschlüsselte Baby-Kameras ein.

Bevor dergleichen in ein "Telekolleg NSA" abgleiten konnte, kamen die interaktiven Elemente wieder in Spiel, wurden an den Smartphones des Theaterpublikums oder an den Laptops der Zuschauer die Kameras aktiviert. Überhaupt waren es Theater und virtueller Raum, die erst die gesellschaftliche Sphäre aufspannten, die auf dem Spiel steht und um die es "Supernerds" ging. In einer finalen Volte tauchte schließlich Julian Assange höchstpersönlich auf, aus der ecuadorianischen Botschaft in London als Live-Hologramm nach Köln projiziert. Im Gespräch mit Bettina Böttinger warnte er bei exponentiellem Wachstum der Überwachungsindustrie vor einem tödlichen "Geheimdienstkrebs" für unsere Gesellschaft.

Da spielte es dann schon keine Rolle mehr, ob man - je nach Vorwissen - das mal bemühte, mal betuliche Experiment nun als gescheitert oder als geglückt bewerten sollte. Dass #Supernerds phasenweise sogar #GNTM in den "Trending Topics" bei Twitter überholen, dass ein solches Wagnis überhaupt unternommen werden konnte, war an sich schon ein Gewinn. Und ein Triumph für das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

21 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
janix_ 29.05.2015
PapaRozzi 29.05.2015
kinngrimm 29.05.2015
martin_t. 29.05.2015
erik93_de 29.05.2015
stezo 29.05.2015
grenoble 29.05.2015
stezo 29.05.2015
silverhair 29.05.2015
vantast64 29.05.2015
t dog 29.05.2015
grenoble 29.05.2015
dr._seltsam 29.05.2015
grenoble 29.05.2015
grenoble 29.05.2015
dr._seltsam 29.05.2015
youdontwannaknow 29.05.2015
Hochbeet 29.05.2015
grenoble 29.05.2015
t dog 30.05.2015
j.schiffmann 30.05.2015

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