Er will das Grauen des syrischen Bürgerkriegs festhalten und reist mit einer Digitalkamera durchs Land. Die Bilder will Anwar an Menschenrechtsorganisationen weiterleiten. Er will "das Ausland" wachrütteln, denn seine Hoffnung hat er noch nicht verloren: Die Dinge könnten sich zum Guten wenden.
Das war 2012. Ein Jahr später steht Anwar mit einer Kalaschnikow in der Hand in den Straßen von Aleppo und versorgt die Rebellen mit Nachschub. Vom Ausland erwartet der 28-Jährige nichts mehr. Anwar hat einen anderen Weg gewählt. Anwar hat sich den Islamisten angeschlossen.
Die Dokumentation "Vergießt keine Tränen mehr - Wie Anwar radikal wurde", die der Westdeutsche Rundfunk an diesem Montagabend ausstrahlt, fängt Anwars Wandel ein, erklärt ihn. Sie zeichnet scheinbar nebenbei ein ebenso intimes wie bedrückendes Bild von der Lage der Menschen in diesem zerrissenen Land. Intim, weil der Kriegsreporter Kurt Pelda, der auch für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE berichtet, seinem Protagonisten kaum von der Seite weicht. Er filmt Anwar dabei, wie er sein Baby herzt, wie er über seinem Laptop hockt oder rauchend im Auto sitzt.
Pelda zeigt, wie er an Kundgebungen teilnimmt, wie er über seinen Vater lacht, der Assad hymnisch den Tod wünscht und dabei mit seiner Pistole fuchtelt. Der Zuschauer sieht Anwar, wie er morgens Kaffee für die Islamisten zubereitet, denen er Unterschlupf gewährt, wie er an einer Straßenecke linkisch an seinem Sturmgewehr nestelt.
Alle Menschen wirken auf ihre Art sympathisch
Bedrückend ist die Dokumentation, weil die persönliche Perspektive die Bandbreite menschlichen Handelns im Angesicht des Krieges sichtbar macht: Ausgelassene Kundgebungen im Schutz der Dunkelheit. Kinder schwenken fröhlich Fahnen des "freien Syrien". Aus Kampfjets lösen sich Bomben. In zerstörten Häusern wühlen Menschen mit bloßen Händen nach Opfern. Ein überlebender Angehöriger verdammt unter Tränen den Diktator. Frauen und Kinder suchen am Rande eines Lagers nach verrottenden Oliven. Menschen tanzen oder spielen ausgelassen Fußball auf einem Gehsteig.
Doch auch die Rebellen lässt er nicht aus dem Blick: Stolz erklären die Aufständischen, mit welchen Sprengsätzen die Panzer des Regimes zu knacken sind und wie man aus alten Pepsi-Dosen Handgranaten bastelt. Geradezu surreal wirkt eine Sequenz über den Häuserkampf an einer Straße in Aleppo: Ein Krieger setzt seelenruhig seinen dressierten Sittich auf eine Motorhaube, verlässt für ein paar Feuerstöße die Deckung und nimmt bei der Rückkehr zärtlich das Tier wieder auf. Dann spaziert er gemächlich davon.
Pelda gibt dem Alltäglichen des Krieges ein Gesicht. Er zeigt etwa, wie durstige Rebellen auf der anderen Seite der Straße mit einem Eisblock versorgt werden, den sie an einem Strick durchs Schussfeld ziehen. Wie Einheimische ihre Einkäufe durch den Kugelhagel schleppen und einer von ihnen in den Arm getroffen wird. Kurz darauf braust Anwar mit dem Verletzten ins Krankenhaus.
Alle Menschen wirken auf ihre Art sympathisch. Die gefangenen Soldaten der Regierung haben, mit Handschellen an Schulbänke gefesselt, die gleiche ratlose Angst in den Augen wie die Rebellen, wenn Bomben fallen. Gut und Böse sind nicht mehr sauber zu trennen.
Warum die Fahne des "freien Syrien" durch die schwarze Flagge mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis verdrängt wird, erklärt Anwar: "Der Hauptgrund dafür, dass wir uns den Islamisten angeschlossen haben, ist die Tatsache, dass die Revolution zu lange dauerte und die Welt uns im Stich gelassen hat."
Peldas Held ist ein Verzweifelter, er sucht Halt in einer anderen, in einer festen Gemeinschaft. "Die Islamisten verlassen sich nur auf sich selbst. An ihren Regeln können wir uns festhalten. Sie geben uns Rückhalt", sagt er.
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