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Bürgerkrieg in Syrien: 1001 Bilder des Horrors

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"Selbstporträt Syrien": Der Albtraum als Alltag Fotos
AFP

Leichen liegen auf den Straßen, den Häusern fehlen die Wände, selbst die Katzen sind vom Krieg gezeichnet: Der eindringliche Film "Selbstporträt Syrien" zeichnet mit verstörenden Amateurvideos die Geschichte des schrecklichen Konflikts nach.

Das Grauen beginnt in Daraa, einer Stadt im Süden Syriens, an der Grenze zu Jordanien. Ein paar Jugendliche hinterlassen nach Schulschluss regierungskritische Parolen an den Wänden. Ein Junge schreibt: "Das Volk will den Sturz des Regimes."

Sie werden erwischt, festgenommen, geschlagen und gefoltert. Dem Jungen werden die Fingernägel herausgerissen. Seine Eltern verlangen die Freilassung ihres Sohnes. Der zuständige Offizier antwortet ihnen: "Vergesst es. Macht ein neues Kind. Wenn ihr das nicht könnt, schafft eure Frauen hierher, wir helfen euch."

Dreieinhalb Jahre liegt es zurück, dass die Menschen in Daraa gegen dieses Vorgehen der Sicherheitskräfte aufbegehren. Die eröffnen das Feuer auf die Demonstranten und töten mehrere von ihnen. Die Proteste greifen auf andere Städte über, bald erschüttert ein Bürgerkrieg das gesamte Land, der bis heute andauert.

Der Nordosten des Landes steht inzwischen zu großen Teilen unter der Kontrolle der Terrogruppe "Islamischer Staat", die dort ein religiöses Schreckensregime errichtet hat. Inzwischen rücken die Dschihadisten auf Aleppo vor, die größte Stadt Syriens. IS-Einheiten haben die Metropole, einst das wirtschaftliche Zentrum des Landes, weitgehend eingekreist, die Lage für die gemäßigten Rebellen in Aleppo wird immer bedrohlicher.

Die Syrer, die noch nicht unter der Herrschaft des IS stehen, sind Zielscheibe des Assad-Regimes. Die Luftwaffe wirft mit Bomben gefüllte Fässer über Wohngebieten ab, die von der Opposition gehalten werden - erst in der vergangenen Woche kamen bei einem solchen Angriff auf einen Vorort von Damaskus Dutzende Menschen ums Leben.

Der syrische Filmemacher Oussama Mohammad beginnt seinen Dokumentarfilm "Selbstporträt Syrien" mit der Geschichte dieses einen Jungen. Mohammad zeichnet die Entwicklung Syriens in den vergangenen drei Jahren in wackeligen, unscharfen Bildern mit oft schlechtem oder fehlendem Ton neunzig Minuten lang nach; mit Handykameras aufgenommene Videos, die Mohammad auf YouTube gefunden hat. Er benutzt das unbearbeitete Amateurmaterial und schafft damit ein authentisches und eindrückliches Werk, das in Erinnerung ruft, dass die Lage in Syrien nicht erst seit dem Auftreten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) furchtbar ist. Es handele sich um "1001 Bilder" von "1001 Syrerinnen und Syrern", sagt Mohammad.

Immer mehr Blut

Zunächst sieht man noch friedliche Proteste. "Freiheit, Freiheit!" rufen die Demonstranten, "Gegen Unrecht, gegen Tyrannei!" oder "Lasst unsere Kinder frei!" Dann fallen Schüsse, immer mehr leblose Körper liegen auf den Straßen, immer mehr Blut fließt. Dazwischen Bilder von Folter: Soldaten, die junge Männer schlagen, treten, sich von ihnen die Stiefel küssen lassen, ihnen einen Stock in den Anus rammen. Trauerzüge, schreiende, weinende Menschen, später immer mehr tote Kinder, in Daraa, Homs, Damaskus, überall. Selbst die Katzen in Syrien sind fast alle vom Krieg gezeichnet, mal fehlt ihnen ein Bein, mal sogar der halbe Schädel. Die Menschen filmen all das und stellen es ins Netz.

Und all das baut Mohammad in seinen Film ein, dessen roter Faden ein virtuell geführter Dialog zwischen ihm und der kurdischen Filmemacherin Wiam Simav Bedirxan ist. Sie unterhalten sich über ihr geliebtes Syrien und was daraus geworden ist, er aus seinem Pariser Exil, sie in ihrer Heimatstadt Homs, unterwegs mit einer Kamera zwischen Ruinen in menschenleeren Häuserschluchten, Leichen auf den Straßen. Homs sieht aus, als hätte es Trümmersteine geregnet.

Mohammad, der Macher des Films, ist am 9. Mai 2011, drei Monate nach den Ereignissen in Daraa, nach Frankreich geflüchtet, zunächst nach Cannes. Dort, bei den Filmfestspielen, berichtete er ohne Film, aber mit den schrecklichen Bildern im Kopf, was in seinem Land geschah, und kritisierte das Regime von Baschar al-Assad. Trotz allem vermisste er Syrien, sehnte sich nach seiner Heimat und schaute sich aus der europäischen Ferne YouTube-Videos an, die Syrer ständig hochluden. So entstand die Idee zum "Selbstporträt Syrien".

Poetisch, oft grausam, meist tieftraurig

Der Film ist in Teilen poetisch, oft grausam, meist tieftraurig und angenehm frei von Ich-war-vor-Ort-und-der-Gefahr-so-nah-Heldentum - ein leises, eindrückliches Zeugnis, das den Zuschauer manchmal zu wenig an die Hand nimmt, Ereignisse nicht einordnet. Man merkt dem Film die Liebe Mohammads für Syrien an - und dass er offensichtlich unterschätzt, wie wenig andere Menschen sich für Syrien und das Schicksal der Syrer interessieren. Manches - wie zum Beispiel die Bedeutung von Daraa als Ausgangspunkt des Konflikts - bleibt daher unerklärt.

Dennoch geht der Film nah, zum Beispiel das Schicksal des Jungen Omar, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Sein Vater kam im Bürgerkrieg um. Die Kamera folgt ihm zum Grab, dort spielt er einen Dialog mit seinem Vater nach. Schwer zu ertragende Bilder. Und doch müssten viel mehr Menschen hinsehen, um zu verstehen.

"Geht es dir gut Papa?", fragt Omar. Er antwortet sich selbst mit verstellter Stimme: "Sehr gut, mein Kleiner." "Was hast du zu essen, Papa? Tomaten?" "Ja." Dann legt er Blumen auf das Grab.

Später spaziert Omar mit seiner Mutter durch das zerstörte Homs, die Füße in Plastiksandalen, im Arm ein Spielzeuggewehr. "Wo sollen wir langgehen?", fragt er seine Mutter. "Egal, wo du willst." Er zeigt nach vorne und sagt: "In dieser Richtung ist ein Heckenschütze." Dann biegt er nach rechts ab. Der Film ist diesem kleinen Jungen gewidmet.


"Selbstporträt Syrien", Montag, 15. September 2014, 23.15 Uhr, Arte

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1. leider hat der Artikel
bumminrum 15.09.2014
eine sehr einseitige und verkürzte Sichtweise auf die Ereignisse. Unabhängig von den Methoden der Assad Polizei als ggf. Aus?öser stehen hier auch grundlegende ethnische Konflikte in der gesamten Region und die Einmischungen von Außen im Fokus. Das ganze wäre ohne diese Fakten niemals so eskaliert. Heute haben alle verloren, ein kaputtes Land und der Terroristen auf dem Vormarsch. Derzeit gibt es keine Lösungen zur politischen Einbindung der Kurden und Sunniten. Nur neue Bomben von Außen und keine Verhandlungen unter Einbeziehung des Iran. Das wird niemals aufgehen.
2. Wir meinen immer,
fiftysomething 15.09.2014
wir wären zivilisiert.... Seit 5000 Jahren morden sich Menschen wegen irgendeiner Idee oder Religion durch die Welt... Es ändern sich die Waffen, die Ideen nicht. Warum die Weltgemeinschaft es nicht schafft, kompakt gegen jeglichen Terror anzugehen, kann nur heißen, dass die Erträge durch den Krieg im Moment noch höher als die Kosten sind. Solange die Vermögen der Nutznießer nicht angetastet werden, trifft es ja nur die wehrlosen Menschen. Super Geschäftsmodel. Einfach einen Konflikt entfachen und dann an die Kontrahenten Waffen verkaufen. Alle, die dafür verantwortlich sind, müssten gezwungen werden, sich den Film anzusehen.
3.
amana 15.09.2014
War ja klar dass sich hier sofort Assadversteher tummeln. Es steht ausser Frage dass sich der Gouverneur von Daraa, uebrigends ein Verwandter vom beruechtigten Augenarzt in Damaskus, heute wohl wuenschen wuerde hier 2011anders reagiert zu haben. Nur hat das Regime genauso reagiert wie immer, mit unmenschlicher Gewalt. Mag sein dass sich auch der eine oder andere Aktivist wuenschen wuerde dass alles was in den letzten Jahren ein boeser Alptraum war.
4.
efkay 15.09.2014
@1 - Der Iran ist einbezogen. Iranische Soldaten und Kommandeure unterstützen das Assad-Regime. Wer ein Unterdrücker-Regime unterstützt, welches zugleich eine sehr kleine Minderheit des Landes ausmacht, disqualifiziert sich als Vermittler.
5. Kein Zufall
neugierchen 15.09.2014
daß Syrien nur noch ein Trümmerfeld ist; geostrategische Interessen äußerer Mächte haben dazu geführt. Syrien war mal ein funktionierender Staat, und über zwei Drittel der Bevölkerung standen voll hinter Assad. Das mag keine Demokratie im westlichen Sinne gewesen sein, aber was ist heute davon übrig, und vor allem, wer trägt Verantwortung für das Elend? Wer selber denken kann, wird sich das unschwer beantworten können.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki; Imad Khamis (designiert)

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