Von Michael Kröger
Berlin - Die ARD hat sich einen kleinen Trick ausgedacht, um ihre vielen Talkshows auch für jene unterscheidbar zu machen, die nur gelegentlich vorbeischauen. Bei Anne Will zum Beispiel ist der Titel der Sendung am linken unteren Bildrand eingeblendet - die ganze Zeit.
Am Mittwochabend allerdings kam der Schriftzug einer Irreführung gleich. Denn eigentlich hätte da "Dauerwerbesendung" stehen müssen. Will hatte den für seine klaren Worte bekannten SPD-Politiker Peer Steinbrück eingeladen, um gemeinsam mit ihm der Frage nachzugehen, wie viel Klartext die Republik verträgt. Steinbrück, der solche Auftritte normalerweise meidet wie der Teufel das Weihwasser, nutzte diesmal seine Chance.
Ein besseres Forum hätte er sich auch nicht wünschen können. 75 Minuten lang gab ihm Anne Will die Gelegenheit, seine Positionen darzustellen und auch den einen oder anderen Fehler der Vergangenheit einzuräumen. Die Frage-und-Antwort-Spiele auf Wahlkampfveranstaltungen laufen nicht viel anders ab.
Möglicherweise trug auch das Studiopublikum dazu bei, den Eindruck eines Heimspiels für Steinbrück zu stärken. Die Kamera, die die Gäste immer wieder aufdringlich zeigte, bildete nur zustimmende Mienen ab. Missfallen oder Ablehnung waren nicht auszumachen. Sechs Monate tingelt der Kandidat nun durch Kommunalzentren, Gemeindehallen und unregelmäßig bespielte Stadttheater - an diesem Abend dürfte er mehr Zuschauer erreicht haben, als bei allen Auftritten zusammen.
Ob er die Zahl seiner Anhänger steigern konnte, muss sich indes noch zeigen. Vor allem SPD-Linke dürften sich von seiner offensiven Verteidigungsrede für die Agenda 2010 in ihrer Skepsis bestätigt fühlen. "Diejenigen, die durch ihre Sozialbeiträge Solidarität üben, dürfen erwarten, dass sich die, die davon profitieren, gehörig anstrengen, um dem System möglichst kurz zur Last zu fallen": Solche Sätze erwartet man eher von CDU-Konservativen statt von einem SPD-Kanzlerkandidaten.
Steinbrück mit Schalke- und Dortmund-Schal
Vor wenigen Tagen, als Steinbrück gemeinsam mit SPD-Chef Sigmar Gabriel das Wahlprogramm der Sozialdemokraten präsentierte, klang das übrigens noch anders. Dort sind die Zumutungen, die die Agenda 2010 für die Betroffenen bereithält, weitgehend ausgespart. Im Mittelpunkt stehen dagegen Themen wie die Einführung des Mindestlohns, eine garantierte Untergrenze für Renten, die Stärkung der kommunalen Finanzen und Investitionen für Bildung, finanziert durch Steuererhöhungen für Gutverdiener. Wie einer, der noch vor kurzem mit solchen sozialen Wohltaten nicht viel anfangen konnte, seinen drastischen Schwenk erklärt, wäre interessant gewesen zu erfahren. Doch danach fragte Will nicht.
Für den Zuschauer ärgerlich waren zwei Einspieler, die es an journalistischer Sorgfalt mangeln ließen. Zuerst beim Thema Steuererhöhungen: Als Kritiker der SPD-Pläne kam ein Experte vom Steuerzahlerbund zu Wort, der fleißig spekulierte, wer im Falle der Anhebung des Spitzensteuersatzes wohl alles mit zusätzlichen Belastungen rechnen müsste. Er zeichnete ein wahres Horrorszenario. Noch schlimmer werde es nur, wenn auch die Grünen wieder in die Regierung gewählt würden. Einen Beleg dafür, dass die Rechnungen auf konkreten Plänen der SPD beruhten, blieb er allerdings schuldig. Und Will räumte anschließend immerhin ein, dass der Mann der CDU nahesteht.
Beim zweiten Einspielfilm ging es um die Frage, wie eindeutig sich ein Kanzlerkandidat bekennen muss. Ein Reporter ihrer Redaktion befragte dafür Dortmunder und Schalker Fußballfans, was sie von Steinbrück halten und zeigte ihnen Fotos, die den SPD-Politiker einmal mit Schalke-Schal und einmal auf dem Podium einer Vereinssitzung der Borussia zeigen. Nur einer hielt seine Zustimmung aufrecht, nachdem er das Foto mit Steinbrück im Umfeld des jeweiligen Gegners gesehen hatte, die anderen reagierten entrüstet. Dass zwischen beiden Aufnahmen mehrere Jahre liegen und der Schalke-Besuch ein offizieller Termin war, den Steinbrück als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wahrgenommen hatte, behielt der Reporter für sich.
Nach diesen Patzern hätte Steinbrück durchaus noch einmal übermütig vom Leder ziehen können, niemand hätte es ihm übelgenommen. Aber er ließ es - vielleicht ist er ja lernfähiger, als viele Skeptiker denken.
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