Kandidaten-Talk bei Anne Will: Steinbrück in der Dauerwerbesendung

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75 Minuten lang versuchte Anne Will in ihrer Talkshow, dem Klartext-Politiker Peer Steinbrück beizukommen - es gelang ihr nicht. Der SPD-Kanzlerkandidat nutzte jedes Stichwort für gekonnte Selbstdarstellung. Ihren Tiefpunkt erreichte die Sendung aber aus anderen Gründen.

Steinbrück, Will: Fragwürdige Einspielfilme gegen den Kandidaten Zur Großansicht
NDR

Steinbrück, Will: Fragwürdige Einspielfilme gegen den Kandidaten

Berlin - Die ARD hat sich einen kleinen Trick ausgedacht, um ihre vielen Talkshows auch für jene unterscheidbar zu machen, die nur gelegentlich vorbeischauen. Bei Anne Will zum Beispiel ist der Titel der Sendung am linken unteren Bildrand eingeblendet - die ganze Zeit.

Am Mittwochabend allerdings kam der Schriftzug einer Irreführung gleich. Denn eigentlich hätte da "Dauerwerbesendung" stehen müssen. Will hatte den für seine klaren Worte bekannten SPD-Politiker Peer Steinbrück eingeladen, um gemeinsam mit ihm der Frage nachzugehen, wie viel Klartext die Republik verträgt. Steinbrück, der solche Auftritte normalerweise meidet wie der Teufel das Weihwasser, nutzte diesmal seine Chance.

Ein besseres Forum hätte er sich auch nicht wünschen können. 75 Minuten lang gab ihm Anne Will die Gelegenheit, seine Positionen darzustellen und auch den einen oder anderen Fehler der Vergangenheit einzuräumen. Die Frage-und-Antwort-Spiele auf Wahlkampfveranstaltungen laufen nicht viel anders ab.

Möglicherweise trug auch das Studiopublikum dazu bei, den Eindruck eines Heimspiels für Steinbrück zu stärken. Die Kamera, die die Gäste immer wieder aufdringlich zeigte, bildete nur zustimmende Mienen ab. Missfallen oder Ablehnung waren nicht auszumachen. Sechs Monate tingelt der Kandidat nun durch Kommunalzentren, Gemeindehallen und unregelmäßig bespielte Stadttheater - an diesem Abend dürfte er mehr Zuschauer erreicht haben, als bei allen Auftritten zusammen.

Ob er die Zahl seiner Anhänger steigern konnte, muss sich indes noch zeigen. Vor allem SPD-Linke dürften sich von seiner offensiven Verteidigungsrede für die Agenda 2010 in ihrer Skepsis bestätigt fühlen. "Diejenigen, die durch ihre Sozialbeiträge Solidarität üben, dürfen erwarten, dass sich die, die davon profitieren, gehörig anstrengen, um dem System möglichst kurz zur Last zu fallen": Solche Sätze erwartet man eher von CDU-Konservativen statt von einem SPD-Kanzlerkandidaten.

Steinbrück mit Schalke- und Dortmund-Schal

Vor wenigen Tagen, als Steinbrück gemeinsam mit SPD-Chef Sigmar Gabriel das Wahlprogramm der Sozialdemokraten präsentierte, klang das übrigens noch anders. Dort sind die Zumutungen, die die Agenda 2010 für die Betroffenen bereithält, weitgehend ausgespart. Im Mittelpunkt stehen dagegen Themen wie die Einführung des Mindestlohns, eine garantierte Untergrenze für Renten, die Stärkung der kommunalen Finanzen und Investitionen für Bildung, finanziert durch Steuererhöhungen für Gutverdiener. Wie einer, der noch vor kurzem mit solchen sozialen Wohltaten nicht viel anfangen konnte, seinen drastischen Schwenk erklärt, wäre interessant gewesen zu erfahren. Doch danach fragte Will nicht.

Für den Zuschauer ärgerlich waren zwei Einspieler, die es an journalistischer Sorgfalt mangeln ließen. Zuerst beim Thema Steuererhöhungen: Als Kritiker der SPD-Pläne kam ein Experte vom Steuerzahlerbund zu Wort, der fleißig spekulierte, wer im Falle der Anhebung des Spitzensteuersatzes wohl alles mit zusätzlichen Belastungen rechnen müsste. Er zeichnete ein wahres Horrorszenario. Noch schlimmer werde es nur, wenn auch die Grünen wieder in die Regierung gewählt würden. Einen Beleg dafür, dass die Rechnungen auf konkreten Plänen der SPD beruhten, blieb er allerdings schuldig. Und Will räumte anschließend immerhin ein, dass der Mann der CDU nahesteht.

Beim zweiten Einspielfilm ging es um die Frage, wie eindeutig sich ein Kanzlerkandidat bekennen muss. Ein Reporter ihrer Redaktion befragte dafür Dortmunder und Schalker Fußballfans, was sie von Steinbrück halten und zeigte ihnen Fotos, die den SPD-Politiker einmal mit Schalke-Schal und einmal auf dem Podium einer Vereinssitzung der Borussia zeigen. Nur einer hielt seine Zustimmung aufrecht, nachdem er das Foto mit Steinbrück im Umfeld des jeweiligen Gegners gesehen hatte, die anderen reagierten entrüstet. Dass zwischen beiden Aufnahmen mehrere Jahre liegen und der Schalke-Besuch ein offizieller Termin war, den Steinbrück als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wahrgenommen hatte, behielt der Reporter für sich.

Nach diesen Patzern hätte Steinbrück durchaus noch einmal übermütig vom Leder ziehen können, niemand hätte es ihm übelgenommen. Aber er ließ es - vielleicht ist er ja lernfähiger, als viele Skeptiker denken.

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insgesamt 251 Beiträge
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1. Beide waren besser als
restauradores 14.03.2013
Zitat von sysopDPA75 Minuten lang versuchte Anne Will in ihrer Talk-Show, dem Klartext-Politiker Peer Steinbrück beizukommen - doch es gelang ihr nicht. Der SPD-Kanzlerkandidat nutzte jedes Stichwort für gekonnte Selbstdarstellung. Die Moderatorin verspielte ihre Glaubwürdigkeit mit journalistischen Fouls. http://www.spiegel.de/kultur/tv/talk-bei-anne-will-steinbrueck-in-der-dauerwerbesendung-a-888775.html
Jauch und seine Kumpanen (Wagenknecht ausgeschlossen). Jauch - zahm, lauwarm, wie immer, immer mit Antworten zufrieden Will - ruhig, bestimmend, mehrfach nachhakend wenn ausgewichen wurde, mutig Steinbrück - seit Monaten bestes Bild abgegeben. Es kommt eben doch darauf an jemanden mal länger zu hören, kennen zu lernen und nicht nur Halbsätze über die Medien über ihn zu hören. Will hat ihn aber auch 2-3 mal in hartnäckig in die Ecke getrieben. Am Ende hat er sich doch konkret auf die Frage eingelassen. Seinen Sympathiewerten, seiner Akzeptanz und Glaubwürdigkeit, hat der Auftritt sicherlich gut getan. Er ist sogar mal humorvoll und dabei nicht "zynisch" rüber gekommen. Seine Aussagen zu Merkels Nichtssagen, Planlosigkeit für die Zukunft hat er voll getroffen.
2. - es gelang ihr nicht
verantwortung 14.03.2013
Naja, was gelingt und gelang Anne Will in ihren Sendungen? Selten führt sie die Diskussion und selten fragt sie wirklich gekonnt nach. Allein der "investigative" Blick, wenn eine für den Befragten heikle Frage aufkommt, sogt für Spannung, jedenfalls so lange, bis die Frage raus ist. Guter Journalismus ist heute Mainstream und sehr glatt, Ecken, Kanten und ansatzweise Kritik gehören da nicht hin. Es könnte ihr helfen, wenn sie sich selbst nicht so ernst nehmen würde.
3. optional
Medienkenner 14.03.2013
"Zur Last" fällt "dem System" allenfalls ein Herr Perlusconi, jedoch nicht der Bürger, der Soz-Vers-Beiträge gezahlt hat und dann auf SPD-Hartz4 gedrückt wird. Im übrigen braucht kein Mensch Anne Wills Sendung.
4. Jetzt wird es affig
Verändert 14.03.2013
Wenn Steinbrück Klartext redet, fallt Ihr über ihn her, weil er sich zu weit aus dem Fenster lehne. Tut er es nicht, fallt Ihr auch über ihn her, weil er jetzt ein Selbstdarsteller sei. Langsam wird es störend. Ich halte mich mit Kritik an SPON üblicherweise zurück, ich nutze ihn ja als Nachrichtenquelle und erwarte nicht, stets mit ihm einer Meinung zu sein. Aber das Steinbrück-bashing hat mit journalistischer Arbeit nichts mehr zu tun.
5. Horrorszenario
sponsep2012 14.03.2013
In der Tat war die Art wie Steinbrück über Steuererhöhungen geredet hat, äußerst autoritär. Das erinnert sehr an Schröder. Wie doktrinistisch ist die SPD?
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