Talk bei "Beckmann" Der Weise und der Zyniker

Zwei alte Bekannte diskutierten bei "Beckmann" den Tod Osama Bin Ladens: Peter Scholl-Latour gab den gemütlichen Machiavellisten, Helmut Schmidt räsonierte über Völkerrecht und die Weltpolizisten-Rolle der USA - mit Understatement natürlich.

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Schmidt (vorn); Scholl-Latour bei "Beckmann": "Fragen Sie Herrn Westerwelle"
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Schmidt (vorn); Scholl-Latour bei "Beckmann": "Fragen Sie Herrn Westerwelle"


Warum sich so viele Deutsche auf Helmut Schmidt als Gewissen der Nation einigen können? Vielleicht liegt es ja an der Vieldeutigkeit seiner greisen Gesichtszüge. Als Moderator Reinhold Beckmann zu Beginn seiner Sendung am späten Montagabend nach der Erschießung Osama Bin Ladens fragte, war wieder so ein klassischer Schmidt-Moment gekommen. Ein Schleier senkte sich über den Blick des Altkanzlers, ein Schnaufen entfuhr ihm, und er erklärte in seiner unnachahmlich norddeutschen Art: Es habe sich doch dabei allemal um einen "Verstoß gegen das Völkerrecht" gehandelt.

Nun ist anzunehmen, dass der 92-Jährige den Tod Bin Ladens ähnlich wenig bedauert wie der nur fünfeinhalb Jahre jüngere Peter Scholl-Latour, Beckmanns zweiter Gast. "Ich habe ihm keine Träne nachgeweint", so Scholl-Latour.

Andererseits: Der meistgesuchte Top-Terrorist der Welt, von US-Elitetruppen aufgespürt, abgeknallt und einfach stante pede ins Meer geworfen? Helmut Schmidt, der einzige Erdenbürger, der im deutschen Fernsehen rauchen darf, nahm einen tiefen Zug seiner Kippe und verwies auf das islamische Gebot, dass Tote binnen 24 Stunden bestattet werden müssten. Um dann en passant zu ergänzen: "Doch möglicherweise war das Motiv ein ganz anderes."

Huch! Welches denn? Haben die Amis womöglich ein halbes Rind ins Meer geworfen? Und Bin Laden schlürft in einem Luxus-Ressort auf Hawaii Cocktails? Nein, für Verschwörungstheorien ist Schmidt natürlich nicht zu haben. Aber einfach glauben, was die Amerikaner sagen - das kommt auch nicht in Frage.

Einwände gegen die Weltpolizist-Politik der US-Freunde artikuliert Schmidt mit der ihm eigenen trockenen Indignation. "Bei mir bleiben Zweifel an der Vorstellung, dass der Präsident eines Verfassungsstaats den Auftrag gibt, einen Menschen umzubringen in einem anderen Land", erklärt er, als Beckmann ihn um eine Beurteilung der Rede Obamas zum Tode des Top-Terroristen bittet.

Und die Erstürmung der entführten Passagiermaschine im Jahre 1977 in Mogadischu? "Das war in einer Hinsicht anders: Wir haben auf somalischem Boden mit dem Einverständnis der somalischen Regierung gehandelt", konterte Schmidt.

Da seien die Deutschen aber auch "besonders tugendhaft", gab Scholl-Latour zu bedenken, der offensichtlich bei der außergerichtlichen Hinrichtung eines Terroristen weniger Skrupel hat: "Wenn man das mit Gaddafi auch machen könnte, wären wir manche Sorge los", kommentierte er den Tod Bin Ladens.

"Ein er-s-taunliches Papier"

Der good guy und der bad guy: Scholl-Latour, der den Deutschen seit den Sechzigern Afrika, China, die arabische Welt und überhaupt all die Weltgegenden fassbar macht, die sie nicht kennen, gab bei "Beckmann" den gemütlichen Machiavellisten und Zyniker. Helmut Schmidt dagegen beharrte auf den Prinzipien des Völkerrechts und der Nichteinmischung, die mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes immer mehr durchlöchert und aufgeweicht worden seien.

Stattdessen habe sich die sehr flexible Ideologie einer "responsibility to protect" durchgesetzt, einer frei interpretierbaren internationalen Verantwortung für Schutzbefohlene - "wobei sich immer eigene ökonomische Gründe einschleichen, und es ist eine wunderbare Entschuldigung, zu sagen: Das machen wir aus Gründen der humanitas, der Menschlichkeit". Weder in Bosnien noch im Kosovo, bekannte Schmidt, hätte er sich deshalb seinerzeit für eine militärische Einmischung ausgesprochen.

Als Beckmann auf die Revolutionen in der arabischen Welt und den aktuellen Fall Libyen zu sprechen kam, geriet die Sendung zu einer kräftigen Abreibung für die deutsche Außenpolitik. Zunächst echauffierte sich der Altkanzler (mit Understatement und spitzem "S" natürlich) über das Uno-Mandat für den Einsatz gegen Gaddafi. Das sei "ein er-s-taunliches Papier" so Schmidt: "Es soll die Tötung von ziviler Bevölkerung verhindert werden - aber das von Flugzeugen und von Schiffen aus."

Ob man das Mandat denn ausweiten müsse, wollte Moderator Beckmann wissen, worauf Schmidt eine seiner typischen Volten schlug: "Es tut mir herzlich leid, aber ich bin nicht gewillt, mich in diese Diskussion einzumischen", erklärte er - aber die Schelte konnte er nicht lassen: Die beteiligten Regierungen handelten im Falle Libyen nicht konsequent, so Schmidt, "und am wenigsten die deutsche".

Weiter ins Detail gehen wollte er nicht. "Das ist nicht mein Bier!", bügelte Schmidt die Nachfragen Beckmanns ab, oder "Das müssen Sie Herrn Westerwelle fragen und Frau Merkel!"

Hätten Merkel und Westerwelle den Einsatz Seite an Seite mit Briten, Franzosen und den USA befehligen sollen? Das hätte dem Grundsatz der Nichteinmischung, für Schmidt ein hohes Gut, widersprochen. Hätte sich die schwarz-gelbe Regierung gegen den Einsatz positionieren sollen, wie im Falle des Irak-Kriegs Rot-Grün unter Schröder? "Schröder hatte Glück, weil der französische Präsident damals dieselbe Entscheidung getroffen hatte", antwortete Helmut Schmidt sibyllinisch. Da war sie wieder, die unwiderstehliche Verbindung von Vieldeutigkeit und Altersweisheit.

Eigentlich sollte es bei "Beckmann" übrigens um "Verantwortung der großen Religionen für den Weltfrieden" und um "einen möglichen Kampf der Kulturen" gehen. Ging es auch ein wenig. "Ich möchte darauf hinweisen, dass die Masse der islamisch geprägten Völker arme Leute sind", erklärte der Altkanzler und plädierte dafür, die Unruhen in der arabischen Welt auf soziale und ökonomische Ursachen zurückzuführen.

Ein neues Miteinander zwischen den vom Christentum und vom Islam dominierten Weltregionen müsse vom christlichen Westen ausgehen, so Schmidt. Schon zu Anfang hatte er sich klar als Anti-Sarrazinist positioniert: "Tatsächlich haben wir unsere Mitbürger dazu erzogen, auf den Islam herunterzuschauen", bedauerte er.

Über das persönliche Verhältnis zur Religion sprach man auch noch. Keinesfalls hätten er und Loki aus religiösen Gründen geheiratet, so Schmidt. "Wir wussten ja: Der Krieg endet mit einer Katastrophe des deutschen Volks - und danach brauchen wir die Kirchen für Moral und Anstand." In seinem Leben habe der Glaube dann auch keine besonders große Rolle gespielt, bekannte der Altkanzler: "Für mich war die Kirchenmusik immer wichtiger als die Kirche."

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insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
Hubert Rudnick, 03.05.2011
1. Uninterssant
Zitat von sysopZwei*alte Bekannte*diskutierten bei "Beckmann" den Tod Osama Bin Ladens: Peter Scholl-Latour gab den gemütlichen Machiavellisten, Helmut Schmidt räsonierte über Völkerrecht und die Weltpolizisten-Rolle der USA - mit Understatement natürlich. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,760269,00.html
Die Sendung von Beckmann muss man sich nicht antun, es ist doch uninterssant was da die Leute sagen. Bin Laden ist tot und das ist gut so und mehr nicht. HR
vb_man, 03.05.2011
2. Beckmann
Zitat von Hubert RudnickDie Sendung von Beckmann muss man sich nicht antun, es ist doch uninterssant was da die Leute sagen. Bin Laden ist tot und das ist gut so und mehr nicht. HR
Den Herren Schmidt und Scholl-Latour zuzuhören ist durchaus empfehlemswert. Ich stimme Ihnen aber zu, dass man dies nicht notwendigerweise bei "Beckmann" tum muss.
archnase 03.05.2011
3. .
Und - bei aller sonstiger Wertschätzung für Helmut Schmidt, aber ich fürchte ihm steigt seine Rolle langsam zu sehr zu Kopf - brauchen wir uns nicht von steinalten Männern selbstgerecht sagen zu lassen, was alles falsch gemacht worden sei; ohne dass die auch nur ansatzweise in der Lage wären, in dieser Kritik eine einigermaßen konsequente Linie zu fahren. "Bei mir bleiben Zweifel an der Vorstellung, dass der Präsident eines Verfassungsstaates den Auftrag gibt, einen Menschen umzubringen in einem anderen Land". Aha, das klingt ja ganz toll, nur wenn man nachbohrt ist daran wohl doch garnichts schlimm, solange das Aufenthaltsland der Zielperson sein Einverständnis gibt. Nee, brauch man echt nichts drauf zu geben...
wm2006 03.05.2011
4. Großer Denker
Helmut Schmidt ist der letzte große Denker, den die Deutschen noch haben. Brilliant gestern, und das mit 92 Jahren! So mancher 40-Jährige sieht dagegen alt aus. Ich hoffe, dass er noch lange lebt. Wir haben zur Zeit keinen besseren Denker und Analysten in Deutschland. Noch ein langes Leben, Herr Schmidt, und auch Ihnen, Herr Scholl-Latour.
Satiro, 03.05.2011
5. °
Zitat von Hubert RudnickDie Sendung von Beckmann muss man sich nicht antun, es ist doch uninterssant was da die Leute sagen. Bin Laden ist tot und das ist gut so und mehr nicht. HR
Interessant jedoch worüber Chávez - Versteher Twickel nix berichtet: Das Demokratie- Verständnis der beiden alten Herren. Von Herrn Twickel hätten die beiden sich jedenfalls nicht interviewen lassen.
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