Von Mathias Zschaler
Worte können auf so schreckliche Weise falsch sein, dass ihre Entlarvung einen Schock auslöst - weil die Wirklichkeit danach eine andere geworden ist. Das Wort von den "Döner-Morden" war ein solches, bis im November 2011 ruchbar wurde, dass sich nicht Menschen mit Migrationshintergrund gegenseitig im Zuge krimineller Machenschaften umgebracht haben. Sondern braune Terroristen über Jahre hinweg ein beispielloses Werk tödlichen Hasses vollbracht hatten - unbehelligt von Fahndern und Sicherheitsbehörden.
Von allen Skandalen, die in den vergangenen Jahrzehnten die Republik erschütterten, gehören das Treiben der Zwickauer Terrorzelle NSU und die bis heute beklemmend erfolglosen Aufklärungsbemühungen zu den schlimmsten und gravierendsten. Schon deswegen war es richtig, dass Günther Jauch das Thema jetzt, ein Jahr nachdem die eigentlichen Zusammenhänge bekannt wurden, noch einmal auf seine Talkshow-Tagesordnung setzte.
Damit ist allerdings noch nichts über den Erkenntnisgewinn der Veranstaltung gesagt. Sehr groß konnte er nach Lage der Dinge schon deswegen nicht ausfallen, weil als Vertreter jener Staatsorgane, deren kollektives Systemversagen mittlerweile offenkundig ist, Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zugegen war. Der hat die Angelegenheit bekanntlich geerbt. Ihm bleibt jetzt nicht viel mehr, als auf vorgenommene strukturelle Verbesserungen in der Kommunikation der Sicherheitsbehörden zu verweisen und Verständnis dafür zu äußern, dass das Vertrauen vieler Menschen in den Rechtsstaat nachhaltig erschüttert wurde. Insbesondere bei jenen, deren Angehörige von den Rechtsterroristen ermordet wurden und die anschließend erleben mussten, wie man sie und die Opfer auch noch kriminalisierte.
Es wäre vielleicht übertrieben zu behaupten, dass der Minister irgendetwas beschönigte oder verharmloste. Aber übermäßig weit war er davon nicht entfernt, etwa wenn er das angeblich generell einwandfreie Wirken der bundesdeutschen Verfassungsschützer pries und vom weltweit anerkannten hohen Standard der hiesigen Behörden sprach. Und das trotz all der unsäglichen Pannen und Peinlichkeiten im Zuge dieser Affäre. Man denke an das Chaos im Thüringer Verfassungsschutz, an die Aktivitäten dubioser V-Leute oder an die Fälle von Aktenvernichtungen.
Zu gewichtig und zu groß
Grünen-Chef Cem Özdemir hatte es denn auch nicht schwer, im Ton berechtigter Empörung dagegenzuhalten. Er konterte die ministerielle Einschätzung von der "phantastischen Arbeit" der Verfassungsschützer mit einer weniger freundlichen Sicht der Dinge. Bei Özdemir lief es auf den Befund hinaus, dass die Verfassung des Verfassungsschutzes noch nie so "desaströs" gewesen sei. Was die Journalistin Mely Kiyak aus eigener Anschauung von den Vernehmungen im Untersuchungsausschuss beizusteuern wusste, komplettierte das bedenkliche Bild von Behörden, die eben gerade nicht in alle Richtungen ermittelten, sondern nur in eine - und das war nun mal nicht die rechtsextremistische.
Die eigentliche Kernfrage lag förmlich in der Luft: Gab es bei den Sicherheitskräften im Fall der NSU-Neonazis eine Art Blindheit oder zumindest eine Sehschwäche? Man hat das Gefühl, dass der Staat im Gefahrenfall irgendwie doch gewohnheitsmäßig nach links schaut. Moderator Jauch stellte diese Frage auch, und Özdemir pflichtete ihm sofort bei. Doch damit hatte es sich auch schon. Spätestens an dieser Stelle entstand beim TV-Zuschauer der Eindruck, dass ein Thema höchst wichtig und zugleich auch zu gewichtig und zu groß für eine Sonntagabend-Talkshow sein kann.
Denn es gab da - sozusagen als Leitidee - auch noch den Versuch, die NSU-Mordserie in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen und die Tiefe jenes braunen Sumpfs auszuloten, den es im deutschen Alltag gibt - rassistisch, bösartig, aggressiv. Was hierzu bei Jauch gesagt wurde, vor allem von dem Journalisten Thomas Kuban, der zehn Jahre undercover in der Szene unterwegs war, hätte gereicht, um eine Sendung zu bestreiten, die Unruhe auslösen müsste.
Es ist nämlich nicht der Untergrund, in dem sich all das abspielt. Es geschieht mittendrin und nicht einmal am Rande der Gesellschaft. Kuban, der sein Äußeres mit einer Verkleidung verbergen musste, sprach von rechtsfreien Räumen, die sich die Rechtsradikalen unter den Augen der Polizei erobern könnten, von Neonazis, die auch deswegen aus der Mitte der Gesellschaft kämen, weil sie inzwischen die Rolle des "Nachwuchses für die Stammtische" einnehmen könnten.
Das waren Momente, in denen die anderen in der Runde schwiegen, auch der Minister. Und wenn Schweigen in diesem Fall auch gewiss nicht die Antwort sein kann, so ist es doch bisweilen besser als ein falsches, beschwichtigendes Wort. Ob der Schock, der vor einem Jahr ausgelöst wurde, doch noch eine dauerhaft heilsame Wirkung entfalten wird, ist wieder eine andere Frage.
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