Jauch-Talk zu NSU-Morden: Manchmal ist es besser zu schweigen

Von Mathias Zschaler

Waren die deutschen Sicherheitskräfte im Fall der NSU-Morde blind? Die Antwort auf diese Frage fiel den Gästen bei Günther Jauch schwer. Vielleicht war das Thema zu gewichtig und zu groß für eine Sonntagabend-Talkshow.

Journalist Thomas Kuban mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) Zur Großansicht
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Journalist Thomas Kuban mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU)

Worte können auf so schreckliche Weise falsch sein, dass ihre Entlarvung einen Schock auslöst - weil die Wirklichkeit danach eine andere geworden ist. Das Wort von den "Döner-Morden" war ein solches, bis im November 2011 ruchbar wurde, dass sich nicht Menschen mit Migrationshintergrund gegenseitig im Zuge krimineller Machenschaften umgebracht haben. Sondern braune Terroristen über Jahre hinweg ein beispielloses Werk tödlichen Hasses vollbracht hatten - unbehelligt von Fahndern und Sicherheitsbehörden.

Von allen Skandalen, die in den vergangenen Jahrzehnten die Republik erschütterten, gehören das Treiben der Zwickauer Terrorzelle NSU und die bis heute beklemmend erfolglosen Aufklärungsbemühungen zu den schlimmsten und gravierendsten. Schon deswegen war es richtig, dass Günther Jauch das Thema jetzt, ein Jahr nachdem die eigentlichen Zusammenhänge bekannt wurden, noch einmal auf seine Talkshow-Tagesordnung setzte.

Damit ist allerdings noch nichts über den Erkenntnisgewinn der Veranstaltung gesagt. Sehr groß konnte er nach Lage der Dinge schon deswegen nicht ausfallen, weil als Vertreter jener Staatsorgane, deren kollektives Systemversagen mittlerweile offenkundig ist, Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zugegen war. Der hat die Angelegenheit bekanntlich geerbt. Ihm bleibt jetzt nicht viel mehr, als auf vorgenommene strukturelle Verbesserungen in der Kommunikation der Sicherheitsbehörden zu verweisen und Verständnis dafür zu äußern, dass das Vertrauen vieler Menschen in den Rechtsstaat nachhaltig erschüttert wurde. Insbesondere bei jenen, deren Angehörige von den Rechtsterroristen ermordet wurden und die anschließend erleben mussten, wie man sie und die Opfer auch noch kriminalisierte.

Es wäre vielleicht übertrieben zu behaupten, dass der Minister irgendetwas beschönigte oder verharmloste. Aber übermäßig weit war er davon nicht entfernt, etwa wenn er das angeblich generell einwandfreie Wirken der bundesdeutschen Verfassungsschützer pries und vom weltweit anerkannten hohen Standard der hiesigen Behörden sprach. Und das trotz all der unsäglichen Pannen und Peinlichkeiten im Zuge dieser Affäre. Man denke an das Chaos im Thüringer Verfassungsschutz, an die Aktivitäten dubioser V-Leute oder an die Fälle von Aktenvernichtungen.

Zu gewichtig und zu groß

Grünen-Chef Cem Özdemir hatte es denn auch nicht schwer, im Ton berechtigter Empörung dagegenzuhalten. Er konterte die ministerielle Einschätzung von der "phantastischen Arbeit" der Verfassungsschützer mit einer weniger freundlichen Sicht der Dinge. Bei Özdemir lief es auf den Befund hinaus, dass die Verfassung des Verfassungsschutzes noch nie so "desaströs" gewesen sei. Was die Journalistin Mely Kiyak aus eigener Anschauung von den Vernehmungen im Untersuchungsausschuss beizusteuern wusste, komplettierte das bedenkliche Bild von Behörden, die eben gerade nicht in alle Richtungen ermittelten, sondern nur in eine - und das war nun mal nicht die rechtsextremistische.

Die eigentliche Kernfrage lag förmlich in der Luft: Gab es bei den Sicherheitskräften im Fall der NSU-Neonazis eine Art Blindheit oder zumindest eine Sehschwäche? Man hat das Gefühl, dass der Staat im Gefahrenfall irgendwie doch gewohnheitsmäßig nach links schaut. Moderator Jauch stellte diese Frage auch, und Özdemir pflichtete ihm sofort bei. Doch damit hatte es sich auch schon. Spätestens an dieser Stelle entstand beim TV-Zuschauer der Eindruck, dass ein Thema höchst wichtig und zugleich auch zu gewichtig und zu groß für eine Sonntagabend-Talkshow sein kann.

Denn es gab da - sozusagen als Leitidee - auch noch den Versuch, die NSU-Mordserie in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen und die Tiefe jenes braunen Sumpfs auszuloten, den es im deutschen Alltag gibt - rassistisch, bösartig, aggressiv. Was hierzu bei Jauch gesagt wurde, vor allem von dem Journalisten Thomas Kuban, der zehn Jahre undercover in der Szene unterwegs war, hätte gereicht, um eine Sendung zu bestreiten, die Unruhe auslösen müsste.

Es ist nämlich nicht der Untergrund, in dem sich all das abspielt. Es geschieht mittendrin und nicht einmal am Rande der Gesellschaft. Kuban, der sein Äußeres mit einer Verkleidung verbergen musste, sprach von rechtsfreien Räumen, die sich die Rechtsradikalen unter den Augen der Polizei erobern könnten, von Neonazis, die auch deswegen aus der Mitte der Gesellschaft kämen, weil sie inzwischen die Rolle des "Nachwuchses für die Stammtische" einnehmen könnten.

Das waren Momente, in denen die anderen in der Runde schwiegen, auch der Minister. Und wenn Schweigen in diesem Fall auch gewiss nicht die Antwort sein kann, so ist es doch bisweilen besser als ein falsches, beschwichtigendes Wort. Ob der Schock, der vor einem Jahr ausgelöst wurde, doch noch eine dauerhaft heilsame Wirkung entfalten wird, ist wieder eine andere Frage.

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insgesamt 110 Beiträge
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1. Es ändert sich nix!
wrzlbrnft 29.10.2012
Die prinzipielle Grundeinstellung des "Auf dem rechten Auge blind" bleibt trotz aller schönen Worte des Innenministers bestehen. Die vielgerühmte Extremistendatei ist nur ein Feigenblatt für Aktivität, da die Einträge sehr restriktiv gehalten werden und niemand bei Herrn Jauch spricht diesen Missstand an. Bei den Behörden und bei der Justiz herrscht weiter eine latent rechte Grundstimmung vor, die Polizei geht lieber gegen bürgerliche Demonstranten als gegen Rechtsextreme vor. Von einer echten Umarbeitung der Pannen bei den NSU-Morden ist nichts zuspüren. Liest man dann noch Kommentare zur Sendung von Herrn Jauch auf der ARD-Seite, kann einem weiterhin Angst und Bange über die rechtsradikale Verseuchung werden - Weimar lässt Grüßen!
2. Na klar.
whiskey87 29.10.2012
Es ist so gut, wie wirklich ALLES was mit Jauch in Verbindung steht neuerdings vom Spiegel zerrissen wird. Da kommt natürlich nie der Gedanke, dass es sich um eine persönliche Fehde wegen beispielsweise verweigerter Interviews handelt. Nicht wahr, Herr Zschaler?
3. Widerliches Szenario
Benjowi 29.10.2012
Der rechte Terror hat in diesem Land -was den Schaden und den Verlust von Menschenleben angeht-locker zum Linksterrorismus aufgeschlossen und zwar einschließlich der sogenannten RAF-Morde. In letzterem Fall wurde bekanntlich die halbe Republik in den Ausnahmezustand versetzt. Schwerbewaffnete Polizeieinheiten machten verdachtslose Verkehrskontrollen und selbst nach fast 30 Jahrne werden noch gigantische Prozesse angestrengt. So weit so gut-was die rechte Szene angeht, die Bombenattentate mit verheerenden Perrsonenschäden, zweistellige Mordziffern über ein Jahrzehnt und etliche Banküberfälle aufzuweisen hat, hat man dagegen den schlimmen Eindruck, dass sie augenzwinkernd daneben stehen, wenn nicht sogar teilweise darin verstrickt sind. Allein dieser Unterschied bestätigt im Grunde alle Vorurteile über deutsche Sicherheitsbehörden und die deutsche Justiz und das nach der unendlich leidvollen Vorgeschichte, die wir diesem braunen Sumpf zu verdanken haben! Da wirken die Verharmlosungsversuche der Politiik peinlich, die so tut, als seien hier die Aufklärung einiger Ladendiebstähle außer Kontrolle geraten. Widerlich! Hier nämlich weht ein Hauch von Weimarer Republik mit, in der die Sicherheitsorgane ähnlich lax mit diesem Gesocks umgegangen sind.
4.
aguirre-zorn-gottes 29.10.2012
In der Tat wäre es sinnvoll gewesen, diese Talkshow erst gar nicht "in die Welt" zu setzen. Schweigen wäre meiner Meinung nach wohl das Beste gewesen, was man in diesem Fall hätte tun sollen. Mir scheint, dass diese rechtsextremen Verbrecher viel zu sehr in den Fokus des öffentlichen Interesses (Medienhype) gerückt wurden und auch noch weiterhin werden. (Ganz ehrlich, ich kann diese miesen Verbrecher-Visagen mittlerweile schon nicht mehr sehen ohne dass mir jedesmal das große Kotzen beim "Nachrichtenlesen und -gucken kommt) Leicht könnte man den Eindruck gewinnen, dass eine "unsichtbare" Macht im Lande, allem Widersinn zum Trotze, auch noch "HELDEN" aus diesen verruchten Mördern machen will. Frei nach dem Motto, die größte Aufmerksamkeit gehört nicht den Opfern, sondern den Tätern. Was sich seit Aufdeckung dieses Falles im Lande tut ist erbärmlich und beschämend für eine Gesellschaft, die sich vor den Rest der Welt mit den Federn der Rechtsstaatlichkeit und Demokratie schmückt. (vom Dilettantismus des Verfassungsschutz und einiger Minister etc. mal ganz abgesehen).
5. ...
deus-Lo-vult 29.10.2012
Zitat von sysopWaren die deutschen Sicherheitskräfte im Fall der NSU-Morde blind? Die Antwort auf diese Frage fiel den Gästen bei Günther Jauch schwer. Vielleicht war das Thema zu gewichtig und zu groß für eine Sonntagabend-Talkshow. Talk bei Günther Jauch über die NSU-Morde - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/talk-bei-guenther-jauch-ueber-die-nsu-morde-a-863923.html)
Ich hab abgeschaltet als es hieß, Frei.Wild seien eine Neonazi-Band. Da zeigte sich schon das Niveau dieser Sendung.
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