Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Maischberger-Talk: Machtlos gegen die Altrocker

Von

Rocker-Talk bei Maischberger: Django unbescholten Fotos
WDR

Schlägereien, Schutzgelderpressung, Drogenhandel - es gibt wenige Straftaten, in die Hells Angels nicht verwickelt sind. Zwei Rocker setzten sich bei Sandra Maischberger auf den heißen Stuhl. Doch der Diskussionsrunde gelang es nicht, den beiden beizukommen.

Eigentlich hätte nur noch gefehlt, dass Sandra Maischberger den Hells Angel angestupst hätte. "Komm, Django, sag die Wahrheit. Du und deine Freunde - ihr seid böse Buben." Und der hätte daraufhin reumütig den Blick gesenkt und gesagt: "Stimmt. Aber wir machen es nicht wieder." Man hätte sich in die Arme genommen, und alles wäre wieder gut.

Ach - die Welt könnte so schön sein. So friedlich. Einer hilft dem anderen, und wenn man etwas falsch macht, dann - in Gottes Namen - entschuldigt man sich dafür und versucht sich zu bessern.

Nun sind wir von solchen paradiesischen Verhältnissen noch ein Stück weit entfernt, das wurde auch in der Talkshow von Sandra Maischberger wieder einmal deutlich. Ein Polizeigewerkschafter, ein Experte für Organisiertes Verbrechen und ein Innenminister versuchten gemeinsam mit der Moderatorin eineinhalb Stunden lang, zwei martialisch aussehenden Rockern beizukommen und ihnen das Eingeständnis abzuringen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn man mit Drogen handelt und Leute krankenhausreif schlägt.

Macht er ja auch nicht, betont Lutz Schelhorn ein ums andere Mal. Aber wenn er es dreimal sagen muss, wenn ihm einer blöd kommt, dann haut er ihm eben eine. Ist doch ganz normal unter Männern. Klingt harmlos, so wie der Chef des Stuttgarter Hells-Angels-Charters das sagt. Eben wie die Jungs auf dem Schulhof, die ja auch nicht gleich petzen gehen, wenn einer dem anderen den Mars aus dem Ranzen geklaut hat.

Mal ehrlich. Glaubte die Maischberger-Redaktion wirklich, dass sie "Django", der bürgerlich Rudolf Triller heißt, und Schelhorn eine öffentliche Beichte entlocken könnten? Das sind zwei ausgeschlafene Burschen, der eine 35, der andere 25 Jahre fest etabliert in der Szene und trainiert im Umgang mit der Öffentlichkeit. So blöd sind auch die Rocker nicht, dass sie da zwei Leute hinschicken, die bei der ersten Verbalattacke die Nerven verlieren.

Fotostrecke

12  Bilder
Rocker: Die brutale Welt der Banden
Die Vorhaltungen von Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) lächeln sie tapfer weg und berufen sich auf Verfahrenseinstellungen und Freisprüche. Auch die Ausführungen von Erich Rettinghaus, dem nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, verwiesen sie kurzerhand ins Reich der Fabel. "Wenn die Hells Angels eine organisierte Bande wären, hätte die Justiz uns schon verurteilt." Natürlich gebe es Einzelfälle, die aber hätten mit dem Club nichts zu tun.

Selbst die Provokation von Jürgen Roth locken die beiden nicht aus der Reserve. Der Journalist und Buchautor schmäht die beiden als kleinbürgerliche Spießer, die verquere Ideale postulierten, dabei aber nur rücksichtslos ihre eigenen Interessen verfolgten. Lächeln.

Verkappte Drohungen an ein Opfer

Nur einmal blitzt "Djangos" Mr. Hyde kurz auf: Als die ehemalige Pub-Besitzerin Ute Johannsen von ihren Erfahrungen mit Hells Angels berichtet. Die hatten ihren Laden jahrelang als ihr Wohnzimmer betrachtet, als Türsteher Unsummen kassiert, Schlägereien angezettelt und nur in Ausnahmefällen die Zeche bezahlt. Als Johannsen sich wehrte, brannten ihr Haus und ihr Auto ab.

Der Rocker antwortet direkt. Mit schneidendem Tonfall rückt er die Frau in ein schlechtes Licht, wie man es von Anwälten in amerikanischen Filmen kennt. Die Botschaft ist eindeutig: "Wir kennen dich und dein Privatleben genau - und wir wissen, wo deine Kinder wohnen."

Wenn man den Kerl hätte festnageln wollen, dann wäre an dieser Stelle die Gelegenheit gewesen. Doch der Pranger führt ohnehin zu nichts, außer, dass die Hells Angels alles abstreiten und sich sogar noch als unschuldig Verfolgte hinstellen, deren Rechte angeblich permanent mit Füßen getreten werden.

Dabei hätte es durchaus Möglichkeiten gegeben, Schelhorn und Triller einzubinden, um die zentrale Frage der Sendung zu beantworten, ob von den Rockerclubs in Deutschland eine Gefahr ausgeht. Denn, das wurde auch deutlich, beide gehören inzwischen zur zivileren Spezies der Szene. Inspiriert vom Lebensgefühl der "Easy Rider"-Generation, mit vermeintlichen Idealen von Ehre, Verlässlichkeit und Treue - auch wenn diese Werte in einen ganz eigenen Kosmos eingebettet sind, fernab unserer Gesellschaft.

Die Neuen in den Clubs scheren sich wenig um Loyalitäten

Man hätte zum Beispiel fragen können, wie sie die Veränderungen beurteilen, die in der jüngsten Vergangenheit in den einzelnen Ortverbänden der verschiedenen Rockerclubs zu beobachten sind. In den Rockerbanden haben immer häufiger ehemalige Mitglieder brutaler Straßengangs das Sagen, die aus den Problemvierteln der Ballungsgebiete stammen und in die Clubs aufgenommen wurden, weil man sie nicht als Gegner haben wollte.

Leute wie Schelhorn und Triller haben in diesem Gefüge nach Erkenntnissen von Experten immer weniger Einfluss, denn die Neuen in den Clubs scheren sich kaum um althergebrachten Loyalitäten und Hierarchien. Sie definieren sich vielmehr über ihre Herkunft, Familie, Ethnie - der Clan ist ihnen wichtiger als die Gang.

Auch die Hells Angels sind davon betroffen, davor verschließen die Club-Ältesten auch nicht die Augen, wie ein vertrauliches Strategiepapier belegt, das nun erstmals in dem neuen SPIEGEL-Buch "Rockerkrieg" veröffentlicht wird. "Wir denken, dass wir stark sind", heißt es darin, "aber in Wirklichkeit werden wir jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr schwächer und schwächer." Es gebe immer mehr Rocker, "die nicht so leben, wie sie sollten, nämlich gemäß unseren Wegen und Traditionen".

An dieser Stelle hätte es interessant werden können. Zwei eingeweihte Altvordere hätten Einblicke gewähren können, in die Strukturen der Rockerbanden von heute, und Erkenntnisse liefern können über die wirklichen Gefahren, abseits der von ihnen beschworenen Motorradromantik und ein paar Raufereien. Aber Halt. "Hätte und wennste" beschreiben Wunschdenken. Die Wirklichkeit ist anders. Und die der Hells Angels auch. Sandra Maischberger ist ihnen nicht auf die Schliche gekommen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ist das die wahrheit?
berater123 06.03.2013
alles schön. es ist auch klar, dass bei den 81er nicht nur brave jungs sind. aber, es gab nun sehr viele durchsuchungen von clubs und wohnungen, wo sind den die angesprochenen viele hohe geldbeträge und wertsachen dieser clubs und members. in frankfurt hätten ja millionen gefunden werden müssen. die frage ist jedoch, muss der staat mit den ganzen aktionen von etwas viel größerem ablenken? hier ist einmal ein blick auf die verfahren der nsu und der npd zu blicken, akten verschwinden, ermittlungen werden gestört und unterbunden.... auch der fußball ist in den blickpunkt zu richten. jedes wochenende das gleiche bild um die fußball-veranstaltungen. zudem wettskandale, schiebereien... und tote gab es auch schon! wie nennt man eigentlich dass, wenn mehrere parteiangehörige, gelder verstecken, auf auslandskonten lagern, einen stromkonzern hin- und her schachern... ist das nicht eine kriminelle orga?
2. wer hat die Wahrheit erwartet? Sendungen ohne Sinn... Outlwas
motul 06.03.2013
Wer erwartet denn hier, dass die HA mit der Wahrheit rausrücken und sich selbst somit an den Pranger stellen bzw. der Justiz ausliefern? Natürlich ist klar, dass die Outlaws (egal ob HA oder Bandidos - nicht alle - aber Chapter in Großzentren) eben dort den 3 "illegalen" Geschäftszweigen Sex, Drogen und Waffen nachgehen. Hier gibt es einen (Schwarz-)Markt und irgendjemand versorgt ihn eben... In diesen illegalen Geschäftsfeldern unterwegs zu sein bedeutet eben auch illegale Methoden einzusetzen... und in "diesem" Milieu "wirkt" die Polizei eben nicht und die "Outlaws" sorgen dort für "die Regeln"... Und dass hier, nach der Öffnung der östlichen Grenzen, sehr viel Konkurrenz "auf den Markt" drängt, ist doch klar... die Justiz bekommt es nicht in den Griff - wer sorgt dann in dieser "Schattenwelt" für (s)eine Ordnung? Der Markt ist da - jemand wird/muss ihn kontrollieren - und sorry, dass jetzt eine Parallele zur Politik kommt: lieber das kleinstel Übel wählen!! Da sehe ich "in den Outlaws" weniger Gefahr als in den Banden, welche aus Balkan und Osteuropa unsere Schattenwelt übernehmen wollen... . in gewissen Großstädten haben die Outlaws "aufgeräumt" und es gibt seit dem "Ruhe im Milieu" Und wenn sich die Outlaws gegenseitig abschlachten wollen, dann sollen sie es... Kollateralschäden gibt es bei allen Auseinandersetzungen - traurig aber wahr... Am traurigsten aber ist, dass man in einer Talkshow denkt, dass "die Wahrheit" ans Licht kommt...und es ist doch egal ob da ein HA oder Politiker sitzt... man wird doch nur noch belogen... traurig aber Realität :(
3. Subkultur
kenterziege 06.03.2013
Zitat von sysopDPASchlägereien, Schutzgelderpressung, Drogenhandel - es gibt wenige Straftaten, in die Hells Angels nicht verwickelt sind. Zwei Rocker setzten sich bei Sandra Maischberger auf den heißen Stuhl. Doch der Diskussionsrunde gelang es nicht, den beiden beizukommen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/talk-bei-maischberger-machtlos-gegen-die-rocker-a-887119.html
Ohne diese Darstellung funktioniert wohl eine Sendung , wie die von Maischberger nicht. Aber zwei Typen, die ihre erheblichen Jugendsünden in bester Pressemanier als Subkultur verkaufen, das ist schon schlimm. Diese Brüder machen krumme Geschäfte, stecken ihren Claim ab und agieren mit primitiver Gewalt. Wenn ich in der 30er Zone 10 km zu schnell bin, dann trifft mich das Gesetz mit voller Härte. Diese Burschen sitzen max. Mal so 2 bis 3 Jahre. Das ist doch unverhältnismäßig. Man sollte sich für die Burschen bei Herrn Putin in Magnetogorsk ein Camp Mieten und den Brüdern die Flötentöne beibringen lassen!
4. Warum soll´s den Rockern besser gehen als ...
snowman64 06.03.2013
... dem Rest der Gesellschaft? Die Rocker werden von Kulturfremden zersetzt? Hahahahahaha, selten so gelacht! Dabei schreibt ihnen niemand vor, wen sie als Mitglieder aufzunehmen haben. Wenn sie´s trotzdem tun, sind sie selber schuld. Anders als die Gesamtgesellschaft, die nicht gefragt wurde, ob sie mulitikulturell bereichert werden möchte.
5. Schön verklausuliert...
Juergen_Spaeth 06.03.2013
"Sie definieren sich vielmehr über ihre Herkunft, Familie, Ethnie.." Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Man fragt sich schon allerdings, was ein Intensivstraftäter aus dem Wedding an den Rockern gutfindet, wenn es nicht um den passenden Rahmen geht, seine Gewaltgelüste auszuleben. Frau Roth, übernehmen Sie.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige

Die großen Rockerklubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradklubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradklub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: