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Talkrunde im Knast: Maischberger bei Menschen

Von Barbara Bollwahn

Wenn die Talkgäste nicht anreisen können, kommt die Moderatorin ins Haus: Sandra Maischberger war im Knast, um sich dort mit den Insassen über "Schuld, Sühne und Reue" zu unterhalten. Die Gefangenen hätten sicherlich viel zu erzählen gehabt - doch leider wollte die Fernsehfrau ihnen nicht zuhören.

Was Sandra Maischberger so von Gefangenen wissen will: "Wird man auch mal aggressiv?" Zur Großansicht
WDR

Was Sandra Maischberger so von Gefangenen wissen will: "Wird man auch mal aggressiv?"

Es passiert nicht oft, dass Moderatoren ihre Studios verlassen und sich in die Welt derer begeben, um die es in der Sendung geht. In der jüngsten Vergangenheit hat das Johannes B. Kerner gemacht, als er im Dezember 2010 sein Studio in Hamburg gegen ein Militärcamp im nordafghanischen Masar-i-Scharif tauschte, um eine Talkshow mit dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Soldaten aufzuzeichnen. Nun hat es ihm Sandra Maischberger gleichgetan. Sie ist raus aus ihrem Studio in Köln und rein in den Alltag ihrer Gäste.

Auch sie will Unkenntnis Aufklärung entgegensetzen. Maischberger war in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl bei Dortmund, die als "härtester Knast Deutschlands" gilt. Dort ging sie der Frage nach: "Hinter Gittern: Strafe, Sühne, Reue?"

Das ist ein Novum und ein Experiment. Bisher wurden auch bei Maischberger die unterschiedlichsten Diskussionen im Studio aufgezeichnet: Hartz IV, Arbeitswelt, Altwerden, Alkohol. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde in der Sendung "Hassfigur Autofahrer" eine demolierte Fahrzeugkarosserie ins Studio gerollt, um Nähe zu demonstrieren. Ist man wirklich näher dran, wenn die Kameras hinter Gittern laufen und die Gesichter echter Knackis filmen? Oder stehen die sechs Meter hohen Mauern, die Beobachtungskanzeln und elektronischen Alarmzäune der gut hundert Jahre alten Anstalt mit mehr als 800 schweren Jungs - Mörder, Vergewaltiger, Drogendealer, 160 Lebenslängliche - allenfalls für eine ausgefallene "Location"?

Keine Angst vor der Einlasskontrolle

In der Haftanstalt wurde nach Angaben der Redaktion gedreht, um auch mit Häftlingen sprechen zu können. Das leuchtet ein, schließlich können die weder in ein Studio noch sonst wohin kommen. Weil die ARD nicht RTL II ist, überrascht es auch nicht, dass Sandra Maischberger weder ängstlich vor meterhohen Eisentüren auf Einlass wartete, noch zu sehen war, wie sie gefilzt wurde. Hinter ihr fiel nur eine strahlend blaue Gittertür im Innern der Anstalt ins Schloss. Dann sagt sie: "Sie sehen, es ist außergewöhnlich, wir senden heute aus einem Gefängnis." Die blau-rot-gelb-grün gemusterte Wand im Erdgeschoss erinnerte an einen Zauberwürfel, die Häftlinge im Publikum trugen vorwiegend bequeme Sweatshirts, einige Mützen, und verhielten sich ruhig. Über den Köpfen der Talkrunde hingen riesige Netze, Relikte von früher, um zu verhindern, dass sich Insassen in die Tiefe stürzen.

In kurzen Einspielerfilmchen wurde der Gefängnisalltag gezeigt, der viel unspektakulärer ist als mancher draußen sich das vorstellt. Oft hatte man das Gefühl, die Kameras wollten bloß nicht zu viel zeigen, sich nicht dem Vorwurf des Voyeurismus aussetzen. So wechselten die Bilder ab aus schmalen Zellen, von der Essensausgabe, von tätowierten Oberarmen, drei Topfpflanzen, einem "Justiz"-Aufnäher einer Uniformjacke, langen Gängen und blauen Gitterstäben. Dazu wurde immer wieder "aus der Haftanstalt Werl" eingeblendet. Und Sandra Maischberger ergänzte: "Während wir senden, passiert hier das, was sonst auch passiert."

Zu viele erwartbare und oberflächliche Fragen

Vielleicht lag es ja an den Netzen über den Köpfen, dass die Moderatorin nicht die Gunst der Stunde nutzte und mit den gesprächsbereiten Inhaftierten wirklich redete. "Menschen bei Maischberger" muss nach der Sendung aus dem Knast jedenfalls nicht in "Maischberger bei Menschen" umbenannt werden - dafür hat sie zu viele zu erwartbare und oberflächliche Fragen gestellt. "Hier sind nur schwere Jungs, kann man das so sagen?", "Kann man wegen guter Führung früher rauskommen?", "Wie lange dauert es, bis man sich daran gewöhnt, drin zu sein?" "Was ist mit Besuch?" "Wird man auch mal aggressiv?"

Dabei hätten ihre Gesprächspartner sicher viel zu erzählen gehabt. Da saß ein Lebenslänglicher, der seine Ex-Frau und zehn Jahre später seine Ex-Freundin erstochen hat und Insassensprecher ist. Da saß ein Ex-"Hells Angel", ein ehemaliger Zeitsoldat, der drei Villenbesitzer überfallen hat und zu neuneinhalb Jahren verurteilt wurde und im Gefängnis eine Kochlehre macht. Da saß ein 40-jähriger Häftling mit einer dreijährigen Haftzeit wegen schwerer Körperverletzung, der mit 18 Jahren das erste Mal im Knast war.

Ergänzt wurde die Runde von Michael Skirl, einem Juristen mit Vollbart und dickem Bauch, der die JVA Werl seit zwölf Jahren leitet, und dem glatzköpfigen Gefängnisarzt mit Schnauzbart Joe Bausch, der im Kölner "Tatort" den Gerichtsmediziner spielt. Zum Schluss setzte Maischberger einen ehemaligen Insassen samt Lebensgefährtin an ihre Seite, der wegen zahlreicher Banküberfälle gesessen hat, zuletzt in der JVA Werl in der Sicherungsverwahrung, und dem sie mit seinem weißen Haarkranz, dem kecken roten Halstuch, den weißen Schuhen und den weißen Socken so gar nicht glauben wollte, dass er fast die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht hat.

Wer passt eigentlich gerade auf die Gefangenen auf?

Die Gespräche plätscherten dahin, und Maischberger fragte nicht nach, wenn die Gefangenen von sich aus Interessantes erzählten. Als der "LL" in der Runde, LL wie lebenslänglich, erzählte, dass er von Mitgefangenen belächelt wurde, als er eine Therapie gemacht hat, sagte Sandra Maischberger nur ganz überrascht: "Echt?" Reichlich blauäugig auch ihre Frage an den Gefängnisdirektor zur Sicherheit während der Sendung: "Sie haben jetzt aber nicht alle Sicherheitsbeamten hier, oder?"

Fragen nach Reue oder Sühne, so lautete schließlich das Thema der Sendung, wurden allenfalls gestellt, nicht beantwortet. Als Maischberger dann auch noch den Leiter der JVA nach dem Sinn von Haft fragte und ob dazu "innere Läutung" gehöre und sie ein zweites Mal "Läutung" statt Läuterung sagte, glaubte man sich doch irgendwie bei RTL II. Dazu passte auch ihr Hinweis "Wenn man was hört, ist es tatsächlich Gefängnisalltag". Na so was.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Uncool
favela lynch 20.04.2011
Wird diese Gesprächsleiterin jemals ihr Klassensprechertum besiegen können? Ich fürchte nein. Denn es ist nichts außer diesem Klassensprechertum. Das war schon im Schlachthof so uncool. Aber immerhin: Sie pflegt ihre Marke, die wohl eher eine Masche ist.
2. Nicht überraschend
el-gato-lopez 20.04.2011
Oberflächlich menschelnder Befindlichkeitsjournalismus - Maischberger ist m.E. keine Polit-Talkshow, die diesen Namen verdient - trifft auf Realität, pardon Reality... Kann nicht gut gehen, vor allem beim Stil, den diese Dame pflegt.
3. Lass es knacken, Sandra ...
KHJ, 20.04.2011
Heute morgen rief mich ein Freund an, der in der JVA Köln arbeitet, ob ich gestern Abend fernsehen geschaut habe? Ich fragte ihn zurück: meinst du die Simpson? Nein, sagte er, ich meine: Maischberger im Ersten. Worauf ich wieder antwortete: Ich fand die Simpson aber lustiger und ehrlicher. Zu Gast bei den Knackis in Werl - war wie bei einer Selbsthilfegruppe - in einer sozialen Abteilung der Caritas. Die Realität, bei der Auswahl der Gäste, erinnerte mich an einer Vorstellung im Schauspielhaus mit einem Stück von Shakespeare. In Köln sind zwischen 60 und 70% Ausländer bzw. Menschen mit Migrahi in der JVA. Es wäre schön gewesen, wenn auch diese Gruppe mal zu Wort gekommen wäre. Stattdessen herrschte Harmonie wie beim Musikantenstadl der ARD. Schöner geht's nimmer. Nächste Woche berichtet dann S. Maischberger über das Innenleben eines Puff. Viel Spaß dabei.
4. Doof wie immer
moe.dahool 20.04.2011
Unabhängig davon, dass die meisten (Poltit)talkrunden inzwischen zum Junkfood-TV gehören, insbesondere die Mädels unter den Moderatoren m.E. eher selbstgefällig, anbidernd und langweilig sind, ist der weibliche Lanz, Maischberger, die Essenz all der vorab genannten Attribute. Über 3000 Euro/Sendeminute Kosten für diese Form des Flachschippen-TV's empfinde ich als dreist. Ich ärgere mich, dass ich mit Steuern & GEZ die Portemonaits dieser inzwischen amgestumpften Talkerriege fülle. WER von all den Talkern ist wirklich investigativ, WER hat den Mut wirklich kritische Fragen zu stellen, WER legt sich auch mal mit den Politikern an? A.Will? Dass ich nicht lache. Illner? Manchmal gehts. Maischberger? Harharhar! Madame möchte doch gefallen... Da schau' ich mir lieber Britt auf RTL an, die hat nämlich schöne Augen ;-)
5. Keine Wahlen gewonnen
matthias schwalbe, 20.04.2011
Mit dem Thema Strafvollzug werden nun mal "keine Wahlen gewonnen"! Und eigentlich, im Großen und Ganzen, ist dieses Thema viel zu speziell, dass es dem Ottonormalverbraucher auch wirklich interessiert. Freiwillig in ein Gefängnis möchte ja auch niemand. Tja, es sei denn es passiert etwas Spektakuläres, wie z.B. eine Geiselnahme etc. Die ggfl. evtl. hohe Erwartungshaltung, dass ein Gefangener aufrichtig und realistisch über "...Schuld, Sühne und Reue..." berichtet- ist dann auch in der Tat zu HOCH. Aber man hat halt mal wieder drüber gesprochen...
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