BER-Talk bei Jauch: "Entweder das Ding fliegt, oder ich fliege"
Erst Günther Jauch, dann der Landtag: Der brandenburgische Ministerpräsident Platzeck stellt sich heute wegen der Baupannen am Flughafen BER der Vertrauensfrage - am Abend noch talkte er in der ARD zum selben Thema. Die Sendung lieferte wenig neue Informationen, dafür aber einen klaren Sieger.
Die Fernsehmacher haben es nicht leicht dieser Tage, vor allem die in den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Zuerst bestimmte die leidige Debatte um den neuen Rundfunkbeitrag die vergangenen Wochen, dann brachten SPIEGEL-Recherchen um Schleichwerbeverträge der Gottschalk-Brüder im Zusammenhang mit Deutschlands prominentester Fernsehshow "Wetten, dass..?" das ZDF in Rechtfertigungsnot. Plötzlich steht die Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand.
Glaubwürdigkeit könnte durchaus auch ein Thema für die ARD sein. Etwa, wenn man mal genau nachschaut, was denn Sinn und Zweck der Talkrunde von Günther Jauch vom Sonntagabend gewesen sein könnte. Der Ankündigung zufolge hatte Deutschlands zweitprominentester Showmaster Günther Jauch der Frage auf den Grund gehen wollen, ob Politiker nicht besser die Finger von öffentlichen Großprojekten lassen sollten. Denn, so der implizite Vorwurf, sie fahren die Sache sowieso nur gegen die Wand - bestes Beispiel dafür ist der neue Hauptstadtflughafen in Schönefeld.
Ein gutes Thema eigentlich. Man hätte herausarbeiten können, was unsere Volksvertreter als Aufsichtsräte bei solchen Projekten leisten müssen, und an welcher Stelle man zu viel von ihnen verlangt. Und wer stattdessen wohl besser in der Lage wäre, zum Gelingen solcher Projekte beizutragen.
Jauch war froh, einen Punchingball gefunden zu haben
Doch schon die ersten Minuten Sonntagstalk ließen Zweifel daran aufkommen, ob Jauch überhaupt nach einer Antwort suchen wollte. Mit Matthias Platzeck hatte er einen Politiker geladen, der derzeit um seine politische Karriere kämpft, weil er gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und Bundesbauminister Peter Ramsauer die Sache mit dem Hauptstadtflughafen verbockt hat. Die einzige Rolle, die der Mann derzeit in solchen Runden spielen kann, ist die des Punchingballs, auf den der Rest mit Wonne eindreschen kann.
Jauch war offensichtlich froh, dass Platzeck sich dafür hergab, denn er listete eine Reihe von Kandidaten auf, die seine Anfrage ignoriert hatten. Ramsauer wollte nicht, sein Staatssekretär auch nicht. Und Wowereit erst recht nicht. Auch Platzeck dürfte lange über eine Zusage nachgedacht haben. Schließlich steht ihm an diesem Montag die Vertrauensfrage ins Haus. PR-Berater raten in solchen Fällen zum radikalen Abtauchen und nur pathologisch Selbstbewusste wie ein Peer Steinbrück ignorieren solche Ratschläge.
Es kann aber auch sein - und hier kommt wieder die aktuelle Glaubwürdigkeitskrise der Öffentlich-Rechtlichen ins Spiel -, dass der brandenburgische Ministerpräsident von vornherein wusste, dass er allenfalls eine laue Sparringsrunde zu befürchten hatte. Denn die Gästeliste ließ schon ahnen, dass die Attacken wohl kaum echte Schlagkraft entfalten würden. Am Umtriebigsten war noch die Grünen-Politikerin Renate Künast, die auf das Chaos bei den Planungen hinwies und immer wieder die Frage stellte, wie denn der Aufsichtsrat so lange über die Zustände im Unklaren bleiben konnte. "Bild"-Kolumnist Hugo Müller-Vogg, sonst durchaus für polarisierende Statements zu haben, wies in einem seiner wenigen Beiträge lediglich auf eine politische Verantwortung hin, die die Beteiligten zu tragen hätten - für Platzeck das Stichwort, sein Versprechen zu erneuern: "Entweder das Ding fliegt, oder ich fliege".
Platzecks Betroffenheit scheint echt
Einen Moment lang kamen die Diskutanten tatsächlich auf die ursprüngliche Fragestellung der Sendung zurück: Ob man öffentliche Großprojekte besser von Profis managen lassen sollte. Künast gab das Stichwort dazu, als sie Platzeck vorwarf, es sei ein Fehler gewesen, den Baukonzern Hochtief nicht als Generalunternehmer beauftragt zu haben. Im Prinzip ein Elfmeter ohne Torwart, den dieser gerne verwandelte: mit einem Verweis auf die Hamburger Elbphilharmonie. Dort hätten sich die Kosten vervierfacht und von einem Fertigstellungstermin spreche keiner mehr, obwohl just der angesprochene Hochtief-Konzern die Geschicke leite. Und bei Arcandor oder ThyssenKrupp hätten hoch bezahlte Top-Manager Aufsicht geführt und nicht verhindert, dass Milliardenbeträge in den Sand gesetzt worden seien.
Wer solche Angreifer hat, braucht keinen Verteidiger.
Eine interessante Rolle nahm der ehemalige Air-Berlin-Chef Joachim Hunold ein, der doch eigentlich besonders erbost über das Versagen der Verantwortlichen beim Bau des Hauptstadtflughafens sein müsste. Schließlich verliert die zweitgrößte deutsche Fluglinie jeden Monat, den die Arbeiten später zum Abschluss kommen, gleich mehrere Millionen Euro. Trotzdem sprang der Manager in seinem einzigen echten Redebeitrag an diesem Abend Platzeck zur Seite und lieferte ihm ein wichtiges Argument, um das Chaos wenigstens zum Teil zu erklären. Ansonsten beschränkte er sich auf kurze nebensächliche Einwürfe.
Klaus Grewe schließlich lieferte noch einen guten Rechtfertigungsgrund für die Zögerlichkeit der Flughafentruppe, einen neuen Eröffnungstermin zu nennen. Man benötige rund ein Jahr, um sich überhaupt einen Überblick über ein so umfangreiches Projekt zu verschaffen. Der Mann muss es wissen. Als Projektmanager hat er erfolgreich die Stadien und Quartiere für Olympia in London gebaut.
Selbst die emotionalste Passage der Sendung - als eine Unternehmerin zu Wort kam, die durch das Flughafenchaos in die Insolvenz getrieben wurde, vermochte Platzeck dann nicht mehr aus dem Tritt zu bringen. Seine Betroffenheit schien echt und er versicherte, sich zu kümmern.
Die Erleichterung am Schluss der Sendung war ihm anzusehen. Überzeugender hätte ein Plädoyer für eine Mehrheit bei der Vertrauensfrage nicht ausfallen können. Die Talkrunde von Günther Jauch geriet so zur Dauerwerbesendung für den brandenburgischen Landesvater. Dessen Ansehen in der Öffentlichkeit dürfte gestiegen sein. Das der ARD hingegen hat eher gelitten.
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- Montag, 14.01.2013 – 08:36 Uhr
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