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01. Januar 2013, 17:16 Uhr

Selbstversuch als Talkgast

Mein Leid bei Lanz

Von Ralf Grauel

Pah! In Talkshows gut aussehen kann doch jeder! Oder nicht? Wir wagten bei "Markus Lanz" den Selbstversuch. Wer bei Deutschlands neuem Starmoderator bestehen will, sollte sich Drogen-Anekdoten und Widerworte sparen. Lebenswichtig sind dagegen: lachen. Und Kärtchen am Po.

Es gibt da diesen schmalen Gang im Studio. Man steht im Dunkeln, man sammelt sich, links eine Wand, rechts die Rückseite der Zuschauertribünen. Hier warten: Comedy-Star Bernhard Hoëcker, Kabarettist Jochen Busse, TV-Moderatorin Anne Gesthuysen, FDP-Politiker Martin Lindner und ich. Um uns herum Menschen mit Kopfhörern und Klemmbrettern. Und vor uns Markus Lanz - der umstrittenste TV-Moderator des Jahres 2012, der Mann, dessen Arbeitsantritt bei "Wetten, dass..?" die Fernsehnation erregt hat wie sonst gar nichts.

Bevor Lanz ins Licht des Studios tritt, um sein Publikum zu begrüßen und uns einen nach dem anderen in die Show zu rufen, dreht er sich um, nimmt mich in den Arm und drückt mich wie einen Kumpel. Er sagt: "Nicht nervös sein. Keine Angst!"

11. Minute

Nervös werde ich nicht, aber langsam ungeduldig. Sitze auf dem schlechtesten Platz - außen rechts, am Rand. Es ist hell, Studio und Sitzgruppe sind deutlich enger, als es zu Hause vor dem Fernseher immer den Anschein hat. Direkt neben mir sitzt Bernhard Hoëcker, seine Nähe ist angenehm. Vor der Sendung waren wir sofort per Du, haben uns im Backstage-Bereich über mein Buch unterhalten - "Deutschland verstehen". Deswegen bin ich hier, ein Wimmelbuch für Erwachsene, voller Schautafeln und Infografiken.

Hoëcker ist auch wegen eines Buches da, es handelt von Neuseeland. Direkt neben Lanz sitzt Jochen Busse, er tourt gerade mit seiner Soloshow durchs Land. Neben Busse: ARD-"Morgenmagazin"-Moderatorin Anne Gesthuysen, auch sie hat ein Buch zu verkaufen, auch sie supersympathisch. Daneben sitzt Martin Lindner, inhaltlich eine Katastrophe, aber auch er backstage ein guter Typ.

Während wir Gäste in der Garderobe menschlich vorglühten, war Lanz noch mit der "Frühaufzeichnung" beschäftigt - die Show, die am selben Abend ausgestrahlt wird. Wir sind die "Spätaufzeichnung", die Ausstrahlung erfolgt eine Woche darauf. "Bitte keine Verweise auf Datum oder Uhrzeit", mahnt ein Mitarbeiter.

18. Minute

Zwei Aufzeichnungen macht Lanz am Tag, dazu kommt der Stress mit "Wetten, dass..?" - das straffe Pensum merkt man ihm nicht an. Hellwach, konzentriert, energetisch sitzt er auf der Sesselkante, hat Kärtchen und Gäste im Griff.

Eigentlich ist vereinbart, mich bereits in der vierten Minute einzubeziehen, "sehr wahrscheinlich zum Alkoholkonsum der Deutschen", sagte ein netter Redakteur. Eine halbe Stunde vorher hat er mir einen Artikel in die Hand gedrückt: neue Studie, ob ich mir die noch schnell merken könnte?

Unter meiner rechten Pobacke klemmt das Kärtchen, auf dem ich mir die Fakten notiert habe. Da klemmen noch andere Kärtchen: Sex, Mülltrennung, Ost-West, Fußball, Wirtschaft, lauter Themen aus meinem Buch. "Für Bücher gibt es nichts Besseres als Lanz", sagte Hoëcker vor der Show. Er meinte damit natürlich Verkäufe und machte dazu ein Gesicht, als habe er gesagt: "Das Brot fällt nun mal immer auf die gebutterte Seite."

20. Minute

Markus Lanz scheint gefangen in einem Aufmerksamkeitstunnel, an dessen anderem Ende einzig Lindner strahlt, der eine "längst fällige, wichtige, nationale Debatte über die Legalisierung von Drogen angeschoben" habe, wie Lanz in der Anmoderation sagte. Tatsächlich wird hier aber eine Mischung aus Niveaulimbo und Anekdotenroulette veranstaltet. Es geht um: Kiffen und Camping (Gesthuysen), Weinbrand und Zigarettenqualm (Busse), Zigarre-Rauchen in Papas Auto (Hoëcker). Der Einzige, der bei seinem Thema bleibt, ist Lindner, der ziemlich dreist versucht, vom Kiffen (Legalize it!) eine Brücke zur FDP (Liberalismus!) zu schlagen.

Wie sag ich in dieser Runde was, ohne als Spaßverderber dazustehen? Krawall ist nicht angesagt. Das hier ist Unterhaltung. Lanz gucken die Leute vorm Zähneputzen. Oder dabei.

24. Minute

"Das macht Lanz immer so", hatte meine PR-Agentin erzählt, "er lädt sich einen Politiker ein. Der dominiert dann die Sendung. Die anderen sind Beilage." Auf dem Monitor rasen die Minuten und Sekunden einer digitalen Stoppuhr dem gefühlt nahen Ende der Sendung entgegen. Immer noch nichts gesagt. Panik steigt auf! Schließlich wollen die anderen auch noch ihre Bücher und Shows verkaufen.

26. Minute

"Augenblick mal! Es kann doch hier nicht darum, gehen, wer wann wo wie viel gekifft hat. Ich habe auch schon alles Mögliche ausprobiert. Ich habe sogar schon Crack geraucht", sage ich. Es sei keine Frage der Legalität, ob jemand süchtig werde, sondern eine der persönlichen Vorgeschichte. So in etwa geht mein erster Wortbeitrag im deutschen Fernsehen vor eineinhalb Millionen Zuschauern.

Und er geht in die Hose.

Das kann ich an den versteinerten Gesichtern ablesen. "Nachfragen, nachfragen", ruft der Produktionsleiter in Lanz' Ohrstöpsel. Das wird er mir nach der Sendung erzählen, als ich ihn bitte, meinen Einwurf rauszuschneiden. Denn der Hinweis auf meine Crack-Erfahrung - ich hatte Anfang der neunziger Jahre eine süchtige Freundin - bleibt ohne den Zusammenhang unverständlich. Und Markus Lanz fragt nicht nach.

30. Minute

Zweiter Anlauf! "Also es geht doch hier nicht um die Drogenpolitik der FDP", sage ich, "es geht doch hier darum, dass Herr Lindner sich eine neue Zielgruppe erschließt." - "Oh, nein, nein", sagt Lanz, mich väterlich tadelnd, Martin Lindner setze sich in Berlin seit Jahren für eine moderne Drogenpolitik ein, er müsse da eine Lanze für ihn brechen.

Der Stich sitzt. Macht eure Talkshow doch alleine, denke ich, setze mich gerade hin und versuche dabei so auszusehen, als würde ich den anderen zuhören. Zwei Stunden nach der Show fällt mir ein, was ich zu Lindner hätte sagen sollen: "Sie wollen doch nur Marihuana legalisieren für Menschen, die sie vorher auf die Verliererschiene setzen. Heute 'Legalize it!" rufen und am Freitag fürs Betreuungsgeld stimmen. Erst Verliererbiografien schaffen und dann Drogenkarrieren anbieten."

Drei Stunden später fällt mir ein: Auch diese Bemerkung hätten die Redakteure geschnitten. Weil ich einen Zeitbezug eingebaut hätte. In dem Moment beginne ich die volle Bedeutung des Begriffs "Show" in "Talkshow" zu erahnen.

52. Minute

Markus Lanz wendet sich Jochen Busse zu, der gerade mit einer Show über das Altwerden tourt. Er wirft ihm ein Stichwort nach dem anderen zu, Busse verwandelt sie gekonnt in Kostproben.

62. Minute

Lanz leitet zu Anne Gesthuysen über, redet mit ihr die ersten fünf Minuten über ihre Ehe mit ARD-Moderator Frank Plasberg, dann über ihr Buch. Anschließend stellt Lanz Hoëcker die Frage, wie viele Stunden ein Mensch durchschnittlich in seinem Leben schlafe.

Mein Einstieg!

Hoëcker beantwortet die Frage inhaltlich richtig, jedoch zu kompliziert. Lanz sagt: "Herr Grauel, lösen Sie auf bitte."

Die restlichen zwölf Minuten gehören mir. Ich genieße jede Sekunde. Die Redaktion hat Pappen vorbereitet, vergrößerte Doppelseiten aus dem Buch. Beim Schaubild: "Wie viel Zeit wir von 80 Jahren Lebenszeit wofür verbringen" erkläre ich, dass wir im Durchschnitt zwei Wochen unseres Lebens ununterbrochen reden. Lindner wirft ein, er als Politiker komme auf deutlich mehr. "Und was Sie zu viel reden, das geht bei anderen von der Zeit ab", sage ich. Lanz lacht. Busse, Hoëcker, das Publikum, Gesthuysen, Lindner, alle lachen. Herrlich! Hach, wie schön das Leben doch ist!

Dann unterhält sich der Moderator noch mit Hoëcker über dessen Neuseeland-Trip, ein Filmchen wird gezeigt, die Sendung treibt dem Ende entgegen. "Ein Dankeschön für diese interessante und spannende Runde", sagt Lanz.

Nach der Show

Backstage, alle trinken Bier oder Wein, ich geselle mich zu Hoëcker. Er ist geknickt. "Lanz hat mich gar nicht zu meinem Buch gefragt." Ihm ist quasi das Gegenteil dessen widerfahren, was mir passierte. Hoëcker zuckt mit den Schultern, ganz Profi: "Morgen bin ich bei Riverboat. Mal gucken, was da so geht."

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