Von Mathias Zschaler
Zunächst das Positive: Deutschland ist ein reiches Land. Und nachdem sich in diesem reichen Land die Debatten jahrelang fast immer nur darum drehten, ob die Sozialsysteme womöglich von den Armen - die es eben auch gibt - missbraucht werden, geht es neuerdings andersherum. Jetzt stehen die Wohlhabenden unter Rechtfertigungsdruck. Sie müssen sich fragen lassen, wie sie es halten mit dem Gemeinwohl, ob sie genug abgeben an jenen Staat, dem sie misstrauen, obschon er die Grundlagen für ihren Reichtum garantiert. Sie müssen erklären, weshalb sie Millionen und Milliarden am Fiskus vorbei auf Schwarzgeldkonten im Ausland parken.
Dieser neue Diskurs ist notwendig. Hier geht es um Kernfragen der sozialen Gerechtigkeit und damit um die Glaubwürdigkeit unserer Gesellschaft. Deshalb kann man Günther Jauch immerhin attestieren, dass er bei seiner ersten Talkshow nach der Sommerpause thematisch nicht daneben gelangt hat.
Über den Verlauf der Sendung lässt sich Ähnliches allerdings nicht sagen.
Denn was bringt das beste Thema, wenn es bei der Besetzung der Gästeliste hapert. So saßen bei Jauch lauter Leute, von denen keiner über genügend intellektuelles Temperament verfügte, um jenseits all des finanztechnokratischen Kleinkleins wenigstens einmal den Versuch zu unternehmen, die moralischen Maßstäbe zu formulieren, an denen sich solch eine Diskussion orientieren müsste.
Wenn sich dann auch noch der Moderator, der ohnehin selten durch stringente Gesprächsführung auffällt, in derart lustloser Form präsentiert, kann eine Stunde sich wie eine gefühlte halbe Ewigkeit hinziehen.
Eine Veranstaltung ohne Musik
Am Anfang hielt Jauch eine der ominösen CDs mit den Daten von Steuerhinterziehern ins Bild und orakelte gequält humorig, dort sei "keine Musik drauf". Da ahnte der Zuschauer noch nicht, dass in der ganzen Veranstaltung auch keine Musik drin sein würde. Spätestens nach der Hälfte der Zeit setzte sich diese Erkenntnis durch. Bis dahin nämlich hatten sich die Beteiligten in eine für einen normalen Menschen kaum nachvollziehbare Auseinandersetzung über das Für und Wider des geplanten Steuerabkommens mit der Schweiz verstrickt.
So viel immerhin wurde klar: Im linken Bereich des politischen Spektrums - diesmal vertreten durch den biederen Norbert Walter-Borjans, SPD-Finanzminister von NRW, sowie Katja Kipping von der Linkspartei - wird dieses Abkommen abgelehnt. Ebenso von jemandem wie dem einstigen Steuerfahnder Frank Wehrheim, der heute aparterweise Steuerberater ist. Die Begründung lautet, dass dadurch Steuerhinterziehung praktisch nachträglich legalisiert und künftige Ermittlungsarbeit erschwert werde.
Auf der Gegenseite hatten sich ein seltsam fahrig wirkender Wolfgang Kubicki von der FDP, der Unternehmer Thomas Stelter sowie der Schweizer Botschafter Tim Guldimann zusammengefunden, die nicht nur das Abkommen guthießen. Sie mokierten sich auch über den Ankauf von Steuer-CDs, ohne dass ihnen jemand wirklich etwas entgegensetzte. Wehrheim, immerhin, sprach von "Notwehr" der Steuerbehörden.
Der abendliche Niveau-Tiefpunkt
Aber weshalb äußerte niemand einen Gedanken etwa der Art, dass es doch ziemlich sonderbar anmutet, wenn sich manche Leute über die Methoden der Verfolgung von Straftaten mehr erregen als über die Delikte selbst? Fast entschuldigend verwies Minister Walter-Borjans darauf, dass ja nicht nur CDs gekauft würden, sondern auch mit anderen Mitteln gefahndet werde.
Irgendwann landete man dann auf dem Umweg über die unvermeidlichen Schautafeln mit Zahlen und Statistiken zur Vermögensverteilung bei der Frage, wer denn nun als reich zu gelten habe. Und das war erwartungsgemäß der Moment, in dem Frau Kipping etwas stärker in den Mittelpunkt rückte. Die Manier freilich, in der dies geschah, stellte zugleich den abendlichen Niveau-Tiefpunkt dar.
Gastgeber Jauch führte ein albernes Einspielfilmchen vor, für das der Marilyn-Monroe-Klassiker "Wie angele ich mir einen Millionär?" als Vorlage verwendet worden war. Der Streifen sollte offenbar als lustig verstanden werden - und vor allem dem Zweck dienen, die steuerpolitischen Pläne der Linkspartei zur Schröpfung der Reichen ins Lächerliche zu ziehen.
Selbstverständlich ist es nicht besonders schwer, beispielsweise die Absicht, Monatseinkommen über 40.000 Euro mit hundert Prozent zu besteuern, wie das Frau Kipping vorschwebt, als naiv und weltfremd und schädlich für die Gesamtwirtschaft abzutun.
Doch wenn das mit einem allgemeinen Lamento darüber verbunden wird, dass der Staat überhaupt zu viel Steuern verlange und "seine Macht missbraucht", wie es vom Unternehmer Stelter zu hören war, klingen die Einwände schon nicht mehr ganz so überzeugend.
Und wenn die berechtigte Frage, um ein Wievielfaches ein Managergehalt das Durchschnittseinkommen eines Beschäftigten übersteigen darf, ohne dass es absurd wird, einfach verpufft, weil niemand der Anwesenden das offenkundig interessant genug findet, dann wird es regelrecht ärgerlich.
Grenze für Arroganz
Kommt dann auch noch ein Kubicki daher und erklärt unumwunden, bei solch einer Einkommenslimitierung, wie sie die Linke wolle, würden viele wichtigen Leute nur noch zwei Stunden pro Tag arbeiten, weil ihnen dann die Motivation fehle, dann darf ein Normalverdiener sich fragen, ob es nicht auch eine Grenze für von einem Mandatsträger zur Schau getragene Arroganz geben müsste. Aber Kubicki konnte das so sagen, ohne dass sich jemand daran stieß.
Das war bezeichnend für diese Sendung, in der viel geredet, aber nicht viel gesagt und auch nicht viel zugehört wurde. Das war wiederum verständlich, weil es größtenteils einfach nicht lohnte. Es blieb bei einer blutleeren Debatte. Der beste Satz des Abends lautete, dass der Trieb der Deutschen zur Steuervermeidung offenbar stärker sei als ihr Sexualtrieb. Aber der stammt von Hans Eichel und wurde lediglich zitiert.
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