Merkel-Debatte bei Jauch: Redeschwall einer Untergangsprophetin

Von Mathias Zschaler

Lothar de Maizière blickte versteinert, Ursula von der Leyen war offenkundig fassungslos: Bei Günther Jauch ließ Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler wieder Suaden gegen die Kanzlerin los. Die vielleicht interessanteste Frage wurde aber nur gestreift.

Autorin Höhler bei ihrer Buchvorstellung: "Ungewöhnlicher Furor" Zur Großansicht
DPA

Autorin Höhler bei ihrer Buchvorstellung: "Ungewöhnlicher Furor"

Es ging um Angela Merkel, aber eigentlich ging es um Gertrud Höhler. An der Frage, was es mit der Kanzlerin der Deutschen und mächtigsten Frau des Planeten eigentlich auf sich habe, "wie sie tickt", arbeiten sich bekanntlich seit längerem Exegeten und Kritiker aller Gewichtsklassen und Couleur ab. Bei Günter Jauch ergab sich insofern eine neue Lage, als sich der Zuschauer bisweilen bei der Frage ertappte, wie denn wohl eine Merkel-Gegnerin von bis dato ungekanntem Großkaliber ticken mag, die dieses Genre gewissermaßen in eine neue Dimension befördert, indem sie sich selbst zur ultimativen Kassandra stilisiert.

Wer der Publizistin Höhler folgt, muss nämlich aufgrund des Wirkens der Kanzlerin Merkel, wenn nicht mit dem unmittelbaren Untergang des Abendlandes, so doch zumindest mit der Abschaffung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland rechnen.

"Die Patin", wie Höhler die Kanzlerin in ihrem neuen Buch tituliert, betreibe ausschließlich Macht- und keine Sachpolitik, und das mit den Mitteln eines "autoritären Sozialismus", der schlagartig Gesetze kippe, Entscheidungen als alternativlos deklariere und auf Staatswirtschaft aus sei statt auf Wettbewerb und freie Entfaltung. Mit den bundesrepublikanischen Werten gehe die Frau aus dem Osten lediglich situativ um, da ihr die westlichen Grundideen wegen ihrer DDR-Sozialisation fremd geblieben seien. Und die Bürger bekämen von dieser schleichenden Gefahr nicht einmal etwas mit.

So klang der duster-drohende, fast abgründig intonierte Grundakkord, den Höhler in mancherlei Variationen anschlug - egal, von welcher Seite Annäherungsversuche an das Thema unternommen wurden. Und wie er den anderen Gästen in den Ohren klang - allesamt übrigens CDU-Mitglieder -, das war auch an deren Mienen abzulesen.

Offenkundige Fassungslosigkeit

Lothar de Maizière, der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR, bei dem Frau Merkel einst als Sprecherin begann und der sie Helmut Kohl für sein Kabinett empfahl, blickte meist wie versteinert. Er murmelte mehrfach etwas von Empörung über die Diskriminierung der Ostdeutschen und brachte vorsichtig Joachim Gauck ins Spiel sowie die preußischen Tugenden, die ja doch wohl beispielhaft von Frau Merkel verkörpert würden.

Was in Ursula von der Leyen vorging, der Arbeitsministerin und Stellvertreterin Merkels an der CDU-Spitze, war leicht zu erahnen, vor allem, wenn ihr Gesicht groß ins Bild kam. Immerhin schaffte sie es, ihre offenkundige Fassungslosigkeit und noch ein paar andere nicht sehr freundliche Empfindungen so weit zu überwinden, dass sie tapfer und mit Verve gegenhalten konnte. Ob Wehrdienstabschaffung, Energiewende, Bildungs- und Familienpolitik, Mindestlöhne - auf Feldern wie diesen habe die CDU den neuen Anforderungen einer sich wandelnden Welt Rechnung getragen und damit letztlich auch das Notwendige getan, um Volkspartei zu bleiben. Im übrigen handele es sich beispielsweise bei der Kernkraft oder dem Wehrdienst nicht um Werte, sondern um Instrumente, um Mittel zum Zweck.

Doch solch eine Argumentation passte eindeutig nicht in das Szenario von Frau Höhler, die darauf gleich wieder zu einer Suada in ihrem speziellen Sound ausholte und der Partei im allgemeinen sowie Frau von der Leyen besonders vorwarf, sie hätten lediglich "Themen der Sozis ins Angebot übernommen". Auch die Beteuerung der Ministerin, es werde bei und mit der Kanzlerin sehr wohl diskutiert, ließ sie nicht gelten; da musste stattdessen an die lange Riege der Geschassten von Merz bis Röttgen erinnert und auf all die vielen verwiesen werden, die sich nicht mehr aufzumucken trauten mit der geballten Faust in der Tasche.

Nur einmal schien die schmallippig lächelnde Härte ein bisschen aufzuweichen. Das war, als von der Leyen ihr zunächst eine gute Beobachtungsgabe, jedoch "ungewöhnlichen Furor" und die Verwendung "abstruser Begriffe" bescheinigt hatte, um Höhler dann sichtlich erregt entgegenzuschleudern, wie schlimm sie es finde, dass in dem Buch die Rede von der "Fremden aus Anderland" sei.

Leichter Touch ins Surreale

Die Antwort Frau Höhlers lautete, dies sei durchaus sympathisch, ja mitfühlend gemeint mit Blick auf das "Herantasten" Frau Merkels an all das Neue. Es blieb nicht die einzige Szene des Abends mit einem leichten Touch ins Surreale.

Dem ZDF-Journalisten Wolfgang Herles ist zu verdanken, dass es nicht noch mehr wurden. Er schaffte es nämlich immer mal wieder vorzuführen, dass konservative Kritik am Merkel-Kurs auch eine Nummer kleiner zu haben ist. Dem höhlerschen Schreckensbild von der machtgierigen, egomanen Systemveränderin hielt er den eher schnörkellosen Befund entgegen, dass dieser Regierung ziemlich viele handwerkliche Fehler unterlaufen seien.

Man müsse zwar die Herkunft von Politikern nicht tabuisieren, und klar sei auch, dass die Kanzlerin keine Ahnung vom wahren Liberalismus der alten Bonner Republik habe und den Kommunismus der 68er mit dem Sozialismus der DDR verwechsele, so Herles. Aber zu einer "Dämonisierung" Merkels gebe es nun wirklich keinerlei Grund. Wenn sie nach wie vor und zumal in der Euro-Krise das Vertrauen im Volk genieße, dann liege dies eben auch an ihrer Gabe, die Dinge zu entdramatisieren und pragmatisch anzugehen.

Doch mit dem Entdramatisieren ist das so eine Sache, wenn eine Untergangsprophetin erst mal richtig in Fahrt gekommen ist. Dass Gastgeber Jauch an diesem Abend manchmal etwas ratlos wirkte, konnte man fast verstehen. Erst ganz gegen Ende rang er sich zu der Frage durch, ob denn da womöglich zwischen Frau Höhler und Frau Merkel "irgendetwas Persönliches" sei, was natürlich bestritten wurde. Und die vielleicht interessanteste Frage wurde nur kurz gestreift, aber leider nicht weiter vertieft: ob Schmidt, Kohl und Schröder tatsächlich weniger für ihre Macht und deren Sicherung getan haben als die derzeitige Amtsinhaberin.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 341 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Frau Höhler hat mit ihrer Kritik an der Patin vollkommen recht.
dasdunkelschaf 27.08.2012
Abschaffung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland scheint neben der alternativlosen Bankenrettung durchaus eines der Primärziele von Merkel zu sein. Das Ermächtigungsgesetz ESM ist das beste Beispiel für Merkel Pläne zur Abschaffung nicht nur der parlamentarischen sondern der Demokratie als solches. Sollte Merkels Plan gelingen haben wir in Kürze eine europäische Zentraldiktatur. Natürlich mit der "großen Führerin" Merkel an der Spitze und ihren Amogos aus den Banksterkreisen in
2. Man nennt das Durchsetzungsfähigkeit...
hans-rai 27.08.2012
..., was Angela Merkel´s Werken und Wirken ausmacht. Das geht nich ohne "Macht". Eigentlich eine abstruse Einlassung von Frau Höhler, sie in dieser Weise einzuordnen. Ein neuer Beweis für das Gefasele bei Jauch am Sonntagabend.
3. man mag...
wg2310 27.08.2012
der Demokratie-Untergangsstimmung von Frau Höhner vielleicht nicht in allen Punkten folgen wollen... Die Beobachtung, bzw. der Eindruck wie bei Merkel Politikentscheidungen entstehen trifft den Nerv bei mir und hoffentlich auch bei anderen. Man hat tatsächlich den Eindruck, man können "Merkel" für alles wählen, da Sie mittlerweile für alles steht, was auch nur annähernd Kernthemen anderer Parteien sein könnten. Das mag für die Opposition ärgerlich sein, für die Koalition wird es zum Genickschuss am kleinen Partner. Aber damit entledigt sich Frau Merkel zuguterletzt Ihrer Macht...nächstes Mal gibt es in Form einer großen Koalition wieder den REALEN Konsensschwurbel.
4. Man kann...
dreihundertsechziggrad 27.08.2012
... ja das Gebahren der Kanzlerin durchaus kritisch und sehr kritisch sehen, das tue ich auch. Dennoch erweckt Frau Höhler den Anschein, dass sie einfach tödlich beleidigt ist, weil sie als Beraterin in der Regierung nicht gefragt ist. Zudem frage ich mich: Welches Mandat hat Frau Höhler überhaupt noch? Sie mag ja in den 90ern noch angesagt gewesen sein, aber jetzt mit solchen gewagten Thesen wieder aufzutauchen, finde ich schon ziemlich peinlich.
5. Der Zweck heiligt die Mittel
wibo2 27.08.2012
Zitat von sysop"Die Patin", ... die Kanzlerin ... betreibe ausschließlich Macht- und keine Sachpolitik, und das mit den Mitteln eines "autoritären Sozialismus", der schlagartig Gesetze kippe, Entscheidungen als alternativlos deklariere und auf Staatswirtschaft aus sei statt auf Wettbewerb und freie Entfaltung.
Der Zweck ist das Wichtige, und nicht, welche Mittel man dafür eingesetzt hat; Auf das Ergebnis kommt es an, nicht, auf welchem Wege man es erreicht hat; Um etwas Gutes zu erreichen, darf man auch etwas Schlechtes tun. Frau von der Leyen bringt es auf den Punkt, sie sagt, dass Frau Höhler die Begriffe Zweck, Ziel und Mittel durcheinanderbringe. Insbesondere verwechsle sie Merkels Zwecke und Mittel. Ist die Verarmung des gemeinen Volkes und die Kastration des Bundestages Zweck oder Mittel zum guten Zweck? Gibt es ein Ziel, das alles rechtfertigt, was man auf dem Weg dahin macht? Nach Merkel und Schäuble scheint die "sogenannte Eurorettung" ein solches hehres, edles und unbedingt zu verfolgendes Ziel zu sein. Daüber kann man geteilter Meinung sein. Oder etwa nicht?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Televisionen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 341 Kommentare