Debattenkultur Lob auf die Schwatzbude

Reden ist Gold? Unser Autor kämpft sich regelmäßig durch berechenbare, aufgeblasene, überreizte Polittalkshows. Hier erklärt er, weshalb die medialen Miniaturparlamente trotz allem ihre Berechtigung haben.

DPA/ NDR

Ein Beitrag zur Themenwoche "Debattenkultur" von


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

"Gut, dass wir darüber geredet haben!"

Hinter jeder Diskussion, so fruchtbar oder fürchterlich sie auch gewesen sein mag, steht diese freundliche Floskel. Sie ist Amen und Axiom zugleich. Was wir im Licht der Öffentlichkeit besprechen, das verschweigen wir nicht. Schweigen schadet. Reden ist Gold. Auf diesem unausgesprochenen Grundsatz, der nicht weiter bewiesen werden muss, beruhen Reiz und Relevanz der Talkshow. Woher also das Unbehagen an der ritualisierten Dauerdebatte?

Woche für Woche werden hier die großen gesellschaftlichen Themen nicht verschwiegen. 2016 war mehr als die Hälfte aller Sendungen auf ARD und ZDF den Themen "Flüchtlingspolitik", "Islam und Gewalt" sowie, als Reaktion darauf, dem "Rechtspopulismus" gewidmet. 2017 ging es sogleich mit "Islam und Gewalt" (Übergriffe an Silvester, der Fall Amri) weiter, gefolgt von der flüchtlingspolitischen Folgefrage nach der Leitkultur ("Beethoven oder Burka?") und dem "Rechtspopulismus" (Le Erdotrump).

Im Prinzip scheint bei Anne Will, Maybrit Illner, Sandra Maischberger und Frank Plasberg die antike Idee des Forums bewahrt. Ihre Sendungen verstehen sich idealerweise als Marktplätze für Ideen, manchmal auch Gerichtsstände. Seriöse Orte, an denen "das Volk" sich versammelt, um an der gemeinsamen Sache zu partizipieren. Reine Quellen, die der mündige Bürger wenigstens hin und wieder aufsuchen sollte, will er sich "eine Meinung bilden", wie es so schön heißt.

Weil aber auch konkurrierende Marktplätze sich halten müssen, bekommt die Auswahl der Themen eine verdächtige Schlagseite. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, die Währung ihrer Ökonomie ist die Quote. Ein Forum, auf dem gebrüllt und geschimpft wird, versammelt in der Regel mehr Leute als eines, auf dem Experten in aller Ruhe über Energie- oder Arbeitspolitik diskutieren. Nicht, dass Dröges in der Talkshow bewusst verschwiegen würde. Es ist einfach als Thema nicht so populär, wie Blut, Wut und Tränen es sind.

Die Politdebatte in den Zoo der Talkshows verschleppt

Das Dilemma der Talkshow besteht darin, dass sie zunächst Erregungsangebote unterbreiten und diese Erregung dann in 60 oder ein paar Minuten mehr wegmoderieren muss - das heißt dann "Einordnung" oder "Fakten-Check". Was diesen (oder anderen) journalistischen Angeboten lautererweise nicht zum Vorwurf gemacht werden kann. Sie können selten besser sein als die Gesellschaft, aus der und über die sie berichten.

Ein anderer Vorwurf lautet, die politische Debatte sei ihrem natürlichen Habitat der Parlamente entrissen und in den Zoo der Talkshows verschleppt worden. Na und? Lebendiger wird im Bundestag auch nicht debattiert und entschieden noch immer in Ausschüssen und Hinterzimmern. Nichts spricht dagegen, das Sprechen über Politik in mediale Miniaturparlamente auszulagern - mit paritätischer Verteilung der Meinungen auf die üblichen Politiker, Expertinnen, Betroffenen.

Ganz gleich, wo es wieder geknallt hat - die Talkshow ist als ambulante Heilanstalt mit Bekakelungstherapie immer schon zur Stelle. Dabei repräsentiert, wie der Philosoph Daniel-Pascal Zorn schreibt, die Runde der Diskutanten "die Gemeinschaft derer, die auf das Gemeinsame achtet", diese Gemeinsamkeit symbolisch überhaupt erst herstellt. In dieser gemeinschaftlich geteilten Redesituation sei das Äußern einer Meinung nicht zu verwechseln mit ihrer Geltung.

Talkgäste, die sich in einstudierten Bewegungsabläufen umtanzen

Daher die reflexhaften Aufwallungen, sobald in dieser ausgewogenen Runde der Gemäßigten mal Verwirrte ihre Vollverschleierung vorführen oder Deutschlandfähnchen entrollen. Solche Abweichungen stören das Gemeinschaftsstiftende der Talkshow mehr, als jede Rede es könnte - und stellen es in der nachträglichen Empörung darüber zugleich wieder her. Weshalb die Talkshow auch nicht so ernst genommen werden muss, wie sie sich als erzbürgerliche Bildungsveranstaltung selbst gern nimmt.

Gediegenenfalls geht sie als biederes Meinungskonzert über die Bühne, mit widerstreitenden Stimmen und dem Moderator als Dirigenten. Geht es krawalliger zu, erinnert sie in ihrer Choreografie an Wrestling, wo die Kontrahenten sich mit maximalem Bohei und minimaler Berührung in einstudierten Bewegungsabläufen umtanzen. Beides, Konzert wie Kampf, folgt festen Ritualen. Es wäre denn auch ihre formale Fantasielosigkeit das Einzige, was man der politischen Talkshow in Deutschland generell zum Vorwurf machen könnte.

Das Spektrum der Möglichkeiten ist breiter, als die planwirtschaftliche Beackerung virulenter Themen hierzulande ahnen lässt - es reicht von der verschwenderischen Opulenz einer mehrstündigen Sendung wie "On n'est pas couché" in Frankreich über die lässige Intimität von "La Tuerka" in Spanien bis zur Öffnung des Talks zu einem repräsentativen Publikum ("Question Time" in England).

Das eigentliche Problem der Talkshow könnte das Publikum sein. Weniger der Mob, der abseits des Forums in den digitalen Seitengassen von Twitter oder Facebook die Sau rauslässt. Sondern die Idealzuschauer, beflissen genug, nach einem harten Arbeitstag noch die Sau begutachten zu wollen, die gerade durchs Dorf getrieben wird. Niemand wird annehmen, dass hier ab 22.30 Uhr noch "Meinung gebildet" wird. Die Kraft reicht gerade, die eigene Meinung wahlweise von Wolfgang Bosbach oder Heiko Maas vertreten zu sehen, Sahra Wagenknecht arrogant und Michael Wolffsohn smart zu finden - oder umgekehrt.

Über das Gelächter vom Band in US-Sitcoms bemerkte Slavoj ŽZizžek einmal, dass es uns nicht zum Lachen an den richtigen Stellen auffordere - sondern uns von der Anstrengung des Lachens entbinde, indem das Fernsehen an unserer Stelle lacht. Es genüge die Illusion, dass andere das Geschehen witzig finden, um sich am Ende selbst gut unterhalten zu fühlen.

Möglicherweise erfüllt die Talkshow einen ähnlichen Zweck, und möglicherweise rührt daher das allgemeine Unbehagen daran. Es genügt die Illusion, dass andere zu jedem nur denkbaren politischen oder gesellschaftlichen Thema einen Standpunkt haben, um sich am Ende diskursiv grundversorgt zu fühlen - ohne sich die Mühe machen zu müssen, die eigene Haltung zu formulieren, geschweige denn zu verteidigen.

Wir haben nicht mehr selbst welche, wir teilen die Meinungen anderer Leute. Gut, dass sie darüber geredet haben.



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
epiktet2000 24.07.2017
1. Genau!
Da bin ich doch glatt mal Ihrer Meinung, lieber Spiegel!
eriatlov 24.07.2017
2. Blödsinn
In Deutschland wird auf allen Ebenen viel gelabert - aber wenig gehandelt. Denn trotz der allseits bekannten Probleme bleibt alles, wie es ist.
heinz-aus-fo 24.07.2017
3. Sehr gut erkannt
In der Tat schön, dass immer andere Leute drüber reden, was für uns gut ist. Da fühlt man sich gut aufgehoben. Andererseits: Die Alternative sind Foren. Und da wird man auch oft genug einfach weg gefiltert. Es ist halt wie's ist. Dem kleinen Mann steht nicht vie Mitspracherecht zur Vergügung. Ist so und bleibt so.
geschädigter5 24.07.2017
4.
Mir tut Herr Frank leid. Ich sehe mir diese von vielen und immer wieder eingeladenen Talkgästen , die nur Selbstdarsteller sein wollen, schon lange nicht mehr an. Es fehlt erheblich an Vielfalt und kompetenten Gästen.
TLB 24.07.2017
5.
Talkshows im Fernsehen habe drei Funktionen: Bühne für Selbstdarsteller, die im Nebenberuf Politiker sind; Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Moderatoren und drittens und das ist das Allerwichtigste, muß der Bekanntheitsgrad der Moderatoren Plasberg und Gesthuysen (und anderer) ausreichend hoch gehalten werden, damit diese in albernen Rateshows mit dem lustigen Mediziner ihr schmales Gehalt aufbessern können. Und der gemeine Bürger ist gezwungen, diesen Unsinn zu bezahlen. Vergessen Sie ihre Argumentation da oben, das sind pure Euphemismen
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