"Tatort"-Abräumer Liefers und Prahl: Miese Zote, riesige Quote

Wundersame Welt des deutschen Fernsehkrimis: Die Qualität des Münsteraner "Tatorts" sinkt, die Zuschauerzahlen steigen. Krimikolumnist Christian Buß sorgt sich: Entwickelt der WDR trotz Quotenrausch keine Zukunftsstrategie, hat sich das einst so grandiose TV-Revier inhaltlich bald selbst erledigt.

Quotenwunder Münster-"Tatort": Mord und gute Manieren Fotos
WDR

Der Kartoffel-Kaiser feiert Geburtstag, und alle sind da. Wer Geld und Einfluss besitzt oder einfach nur der richtigen Familie entstammt, darf ran an die Champagnerkübel vom Lebensmittelindustriellen, der Bürgermeister säuft selbstverständlich auch mit. In Münster kennt nun mal jeder jeden.

Das macht das Ermitteln anstrengend, wenn man nicht aus der Stadt stammt, so wie der norddeutsche Quadratschädel Frank Thiel (Axel Prahl), der sich - "Moinsen" - mit zerknittertem St.-Pauli-Totenkopf-Shirt durch Münsters feinere Gesellschaft nölt. Nach der Feier beim Kartoffel-Kaiser ist einer der anwesenden Geschäftsleute ermordet worden, jetzt läuft Thiel mal wieder gegen allerlei verschlossene Türen.

Erschwert wird die Geschichte dadurch, dass sein Kollege, der Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers), der sonst mit Intimkenntnissen über die Münsteraner Haute volée glänzt, mit eigenen Problemen kämpft. Offensichtlich hat der Schnösel Steuerprobleme, man munkelt von dubiosen Cabrio-Fahrten in die Schweiz. Und noch mal erschwert werden die Untersuchungen durch den Umstand, dass die zuständige Staatsanwältin ebenfalls bestens bekannt ist mit Kartoffel-Kaiser und noch immer schwer verkatert von dessen Feier: Als Thiel sie auf den Fall anspricht, weist Wilhelmine Klemm (der schönste Bariton des deutschen Fernsehens: Mechthild Großmann) den kleinen Kommissar mit noch düsterer Stimme als sonst in die Schranken.

Wütbürger? Kaviarwürger!

Der St.-Pauli-Proll Thiel, der Bildungsbürgerspross Boerne, die Paragrafen-Amazone Klemm: In der Regel bilden die drei ein prima Gespann, um das alteingesessene Münsteraner Honoratiorentum vorzuführen. Wutbürger? Nein, in dieser Stadt regieren Kaviarwürger. Morden und schlemmen gehören irgendwie zusammen.

Man ermittelt zwischen Kartoffelfabrikanten, Spargelkönigen und Keksbäckerei-Patriarchen, also in den angesehensten Familien der Provinzmetropole. Und wenn mal auf einer Baustelle ein brutal zu Tode gekommener Corpus aus der Zeit vor dem Westfälischen Frieden ausgegraben wird, dann kann man sich sicher sein, dass er anhand der DNS in Verbindung gebracht werden kann zu einem der ehrenwerten großbürgerlichen Clans der Stadt.

Der morbide und rückständige Charme der Bourgeoisie: In seinen guten Momenten erinnert der Münsteraner "Tatort" an die eleganten Provinz-Sittengemälde von Claude Chabrol ("Süßes Gift"). In seinen schlechten an grobschlächtige öffentlich-rechtliche Fernsehpossen. Das Blöde ist: In letzter Zeit überwiegen die schlechten Momente.

Guttenberg lässt grüßen

Regelmäßig werden Prahl und Liefers in Umfragen zu den beliebtesten Fernsehkommissarin gewählt, ihre "Tatort"-Episoden fahren sensationelle Quoten ein. Das hat die Verantwortlichen beim WDR offensichtlich ein wenig selbstgefällig werden lassen.

Man muss sich nur noch mal den letzten Münsteraner "Tatort" in Erinnerung rufen. "Spargelzeit" hieß der, und auf dramaturgisch ungeschickteste Weise wurden da Zoten zu Frühlingstrieben mit einem Missbrauchsfall zusammengebracht. Was als frivoles Spiel geplant gewesen sein mag, kam als obszöne Krimi-Gaudi daher. Ungerechter Lohn für das Schundstück: gigantische 10,49 Millionen Zuschauer. Eine Quote wie aus den seligen Zeiten, als sich "Tatorte" noch nicht gegen die private Konkurrenz behaupten mussten.

Die aktuelle Episode "Herrenabend" (Buch: Magnus Vattrodt) kommt nun wieder ein wenig aufgeräumter daher. Boerne und Thiel, der Prof und sein Patachon, geben mal wieder ein eingespieltes Team, das in schneller Taktung Boshaftigkeiten austauscht. Regie-Routinier Matthias Tiefenbacher ( "Freilaufende Männer") beherrscht das Ganze mit gutem Timing und lässt den überheblichen Schöngeist Boerne bei der Steuerprüfung schwitzen wie Karl-Theodor zu Guttenberg bei der Prüfung seiner Doktorarbeit.

Schade nur, dass hinter diesem Charakter-Hickhack mal wieder der eigentliche Fall um Steuerflucht, Briefkastenfirmen und Subventionspolitik verschwindet. Inhalte spielen in dem Krimi aus Münster eben schon lange keine Rolle mehr. Dem WDR sei angeraten, trotz Quotenrauschs ernsthafte Strategien für die Zukunft seines Erfolgsreviers zu entwickeln. Sonst verkommt sein "Tatort" irgendwann zu dem, was er als Großbürger-Sittengemälde anfänglich doch so kunstvoll auf die Schippe nahm: zum gesellschaftlichen Anachronismus.

"Tatort: Herrenabend", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Qualität?
Hubert Rudnick 29.04.2011
Zitat von sysopWundersame Welt des deutschen Fernsehkrimis: Die Qualität des Münsteraner "Tatorts" sinkt,*die Zuschauerzahlen steigen. Krimikolumnist Christian Buß sorgt sich: Entwickelt der WDR trotz Quotenrausch keine Zukunftsstrategie, hat sich das einst so grandiose TV-Revier inhaltlich bald selbst erledigt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,759038,00.html
Bei vielen Produktionen verzichtet man immer mehr auf die Qualität, man produziert nur noch leichte Unterhaltungskost. Um so blöder einer redet, um so mehr Zuschauer bekommt er, aber das ist ja nichts neues. Qualität ist oft mal sehr anstrengend und das nicht nur für die Filmemacher.
2. Riesige Quote
nettozahler 29.04.2011
Was für ein alberner Verriß. Der Zuschauer ist die belehrenden Krimis mit den PC-entsprechenden sozialerzieherischen und gesellschaftskritischen immer gleichen zeitgeistigen Betroffenheitsthemen ganz einfach Leid. Lieber mal ein auch etwas derberer Symbolscherz als der dauernde Steuerhinterzieher, Massenelends oder sexuelle Mißbrauchsquark.
3. atmosphäre statt substanz
oliveras999 29.04.2011
so richtig etwas vorzuwerfen hat spon dem münster-tatort offensichtlich nicht. so ziemlich jede stadt (ausser hamburg?) vorsichtshalber erstmal als "provinzmetropole" abzuqualifizieren, langweilt auf dauer einfah nur. wetten, dass der verfasser in einer eher unbedeutenden stadt geboren/ aufgewachsen ist?:-)
4. also, wenn ich die Wahl habe
bierus 29.04.2011
zwischen Thiel und Börne, Humbug aus Bremen oder Holzschnitten aus Leipzig fällt mir eben diese Wahl sehr leicht.
5. Oh je!
abo 29.04.2011
Langsam hat man es satt! Immer das gleiche Verhaltensmuster bei einigen Redakteuren des SPON oder einiger Foristen. Da läuft was im Fernsehen schon lange gut und ohje- auch noch erfolgreich, dann muss man es aber doch längst mal auf Teufel komm raus kritisieren! "Wo bleibt die Qualität?" Der Redakteur verzweifelt und der Forist dessen liebste Sendungsbeitrage zwischen Lifeübertragungen einer China-Oper oder die Selbstbefriedigung eines deutschen Autorenfilmers liegen, schlägt auf die große Qualitätswüste im deutschen (gerne im Öffentlich- Rechtlichen) ein. Ja es läuft viel Müll, aber das wissen wir alle. Ist wie Überall. In jedem Bereich der Kultur wird Müll produziert, da brauchen sich auch keine Opernhäuser, Gallerien und Theater ausnehmen! Aber hier geht es um einen Krimi, der teilweise lustig, mit nettem Wortwitz und amüsanten Figuren ausgestattet ist! Und darum nur geht es. Und in diesem Bereich ist der Tatort aus Münster sehr gut und auch toll besetzt! Also an alle Kulturpessimisten : auch Sonntags kann man umschalten oder gar nicht gucken. Aber dieses einfaltslose und arrogante Gemaule geht einem auf die Nerven!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Im Fadenkreuz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 57 Kommentare

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.