Der Kartoffel-Kaiser feiert Geburtstag, und alle sind da. Wer Geld und Einfluss besitzt oder einfach nur der richtigen Familie entstammt, darf ran an die Champagnerkübel vom Lebensmittelindustriellen, der Bürgermeister säuft selbstverständlich auch mit. In Münster kennt nun mal jeder jeden.
Das macht das Ermitteln anstrengend, wenn man nicht aus der Stadt stammt, so wie der norddeutsche Quadratschädel Frank Thiel (Axel Prahl), der sich - "Moinsen" - mit zerknittertem St.-Pauli-Totenkopf-Shirt durch Münsters feinere Gesellschaft nölt. Nach der Feier beim Kartoffel-Kaiser ist einer der anwesenden Geschäftsleute ermordet worden, jetzt läuft Thiel mal wieder gegen allerlei verschlossene Türen.
Erschwert wird die Geschichte dadurch, dass sein Kollege, der Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers), der sonst mit Intimkenntnissen über die Münsteraner Haute volée glänzt, mit eigenen Problemen kämpft. Offensichtlich hat der Schnösel Steuerprobleme, man munkelt von dubiosen Cabrio-Fahrten in die Schweiz. Und noch mal erschwert werden die Untersuchungen durch den Umstand, dass die zuständige Staatsanwältin ebenfalls bestens bekannt ist mit Kartoffel-Kaiser und noch immer schwer verkatert von dessen Feier: Als Thiel sie auf den Fall anspricht, weist Wilhelmine Klemm (der schönste Bariton des deutschen Fernsehens: Mechthild Großmann) den kleinen Kommissar mit noch düsterer Stimme als sonst in die Schranken.
Wütbürger? Kaviarwürger!
Der St.-Pauli-Proll Thiel, der Bildungsbürgerspross Boerne, die Paragrafen-Amazone Klemm: In der Regel bilden die drei ein prima Gespann, um das alteingesessene Münsteraner Honoratiorentum vorzuführen. Wutbürger? Nein, in dieser Stadt regieren Kaviarwürger. Morden und schlemmen gehören irgendwie zusammen.
Man ermittelt zwischen Kartoffelfabrikanten, Spargelkönigen und Keksbäckerei-Patriarchen, also in den angesehensten Familien der Provinzmetropole. Und wenn mal auf einer Baustelle ein brutal zu Tode gekommener Corpus aus der Zeit vor dem Westfälischen Frieden ausgegraben wird, dann kann man sich sicher sein, dass er anhand der DNS in Verbindung gebracht werden kann zu einem der ehrenwerten großbürgerlichen Clans der Stadt.
Der morbide und rückständige Charme der Bourgeoisie: In seinen guten Momenten erinnert der Münsteraner "Tatort" an die eleganten Provinz-Sittengemälde von Claude Chabrol ("Süßes Gift"). In seinen schlechten an grobschlächtige öffentlich-rechtliche Fernsehpossen. Das Blöde ist: In letzter Zeit überwiegen die schlechten Momente.
Guttenberg lässt grüßen
Regelmäßig werden Prahl und Liefers in Umfragen zu den beliebtesten Fernsehkommissarin gewählt, ihre "Tatort"-Episoden fahren sensationelle Quoten ein. Das hat die Verantwortlichen beim WDR offensichtlich ein wenig selbstgefällig werden lassen.
Man muss sich nur noch mal den letzten Münsteraner "Tatort" in Erinnerung rufen. "Spargelzeit" hieß der, und auf dramaturgisch ungeschickteste Weise wurden da Zoten zu Frühlingstrieben mit einem Missbrauchsfall zusammengebracht. Was als frivoles Spiel geplant gewesen sein mag, kam als obszöne Krimi-Gaudi daher. Ungerechter Lohn für das Schundstück: gigantische 10,49 Millionen Zuschauer. Eine Quote wie aus den seligen Zeiten, als sich "Tatorte" noch nicht gegen die private Konkurrenz behaupten mussten.
Die aktuelle Episode "Herrenabend" (Buch: Magnus Vattrodt) kommt nun wieder ein wenig aufgeräumter daher. Boerne und Thiel, der Prof und sein Patachon, geben mal wieder ein eingespieltes Team, das in schneller Taktung Boshaftigkeiten austauscht. Regie-Routinier Matthias Tiefenbacher ( "Freilaufende Männer") beherrscht das Ganze mit gutem Timing und lässt den überheblichen Schöngeist Boerne bei der Steuerprüfung schwitzen wie Karl-Theodor zu Guttenberg bei der Prüfung seiner Doktorarbeit.
Schade nur, dass hinter diesem Charakter-Hickhack mal wieder der eigentliche Fall um Steuerflucht, Briefkastenfirmen und Subventionspolitik verschwindet. Inhalte spielen in dem Krimi aus Münster eben schon lange keine Rolle mehr. Dem WDR sei angeraten, trotz Quotenrauschs ernsthafte Strategien für die Zukunft seines Erfolgsreviers zu entwickeln. Sonst verkommt sein "Tatort" irgendwann zu dem, was er als Großbürger-Sittengemälde anfänglich doch so kunstvoll auf die Schippe nahm: zum gesellschaftlichen Anachronismus.
"Tatort: Herrenabend", Sonntag 20.15 Uhr, ARD
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