"Tatort"-Dämmerung in Köln und Frankfurt Sunday, Bloody Sunday

Willkommen zu einem besonders schwarzen "Tatort"-Sonntag. In Köln gibt Assistentin Franziska eine grausame Abschiedsvorstellung, in Frankfurt schleppt sich Alkoholiker Steier ramponiert über die vorletzten Meter. Ein Fernsehabend wie eine offene Wunde.

ARD

Von


Jeder Abschied tut weh, und je länger sich so ein Abschied zieht, desto doller tut er natürlich weh. Schon Ende vorletzten Jahres hatte der WDR bekanntgegeben, dass Tessa Mittelstaedt aus ihrer Sidekick-Rolle der Assistentin Franziska im Kölner "Tatort" aussteigen werde. Zuvor hatte man ihr zu Ehren eine Farewell-Folge mit dem Titel "Franziska" in Auftrag gegeben.

Dann zog sich die Ausstrahlung. Der Abschied war so gewalthaltig geraten, dass die Verantwortlichen nach Diskussionen mit dem Jugendschutzbeauftragten des WDR beschlossen, den "Tatort" erst um 22 Uhr zu zeigen. Es stellte sich aber als schwierig heraus, einen entsprechenden Sonntag zu finden. Mehrmals wurde der Krimi verschoben; ohne vor größerem Publikum gezeigt worden zu sein, erreichte er einen gewissen Legendenstatus - was seiner Wirkung nun entgegenkommt: Das Prinzip der ängstlichen Verzögerung, das Auskosten des grausamen Moments wird bei Mittelstaedts Abschiedsvorstellung kunstvoll auf die Spitze getrieben.

"Franziska" (Buch: Jürgen Werner, Regie: Dror Zahavi) ist ein klaustrophobischer Geisel-Thriller geworden. Als ehrenamtliche Bewährungshelferin trifft Mittelstaedts Franziska im Gefängnis auf den Sexualstraftäter Daniel Kehl (Hinnerk Schönemann), den sie zur Haftentlassung auf sein Leben in Freiheit vorbereiten soll. Kurz zuvor ist im Gefängnis ein Insasse erstochen wurden, Kehl soll die Tat begangen haben, der Verdächtige nimmt seine Bewährungshelferin als Geisel und legt ihr eine Schlinge um den Hals. Einmal ziehen, Franziska wäre tot.

Ein Sonntag der Abschiede

Ein plakatives Szenario - in dem die Hauptsdarstellerin Mittelstaedt allerdings beweisen darf, dass ihre Franziska trotz überschaubarer Präsenz in den 43 Kölner "Tatort"-Folgen zuvor über ein komplexes Eigenleben verfügt. Immer wieder brachte sie in der manchmal etwas mürrischen Männer-WG von Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) Empathie in die Ermittlungen. Wo die beiden älteren Herren ihre Empörung über Missstände gelegentlich auf Autopilot abspulten, da arbeitete sich Mittelstaedts Franziska ernsthaft an den Verhältnissen ab.

Fotostrecke

7  Bilder
Król-"Tatort": Zwischen Schmuddelkiez und Reihenhaussiedlung
In dem Knast-Thriller ist die Polizistin nun noch einmal radikal auf sich selbst zurückgeworfen. Wer ist mein Gegenüber wirklich? Warum denke ich, dass ich ihm helfen könnte? Kann ich die Welt tatsächlich besser machen? Der Sexualverbrecher fungiert hier nicht als eindeutige Figur, an der sich Pro-und-Contra-Therapiestrategien durchspielen lassen; die zwischen Helfersyndrom und Überlebensinstinkt hin- und hergerissene Polizistin wird radikal mit der eigenen Gesellschaftsvorstellung konfrontiert. Ein großer Auftritt für die vermeintlich kleine Darstellerin.

Eine schöne Geste des Respekts ist es da, dass die freigewordene Stelle von Franziska erst mal nicht fest besetzt wird, sondern dass wie im Münchner "Tatort" nach dem Abgang von Assistent Menzinger Gäste auftreten sollen. Einige Lücken lassen sich nicht füllen.

Lichter ausblasen, Erinnerung auslöschen

Eine schmerzhafte Erkenntnis, die noch dadurch verstärkt wird, dass wir in "Franziska" auch noch mal dem unnachahmlich resoluten Christian Tasche als Staatsanwalt von Prinz begegnen - Tasche ist im vergangenen Jahr überraschend verstorben. Drei Folgen mit ihm sind noch abgedreht, dann wird wohl auch sein Part erst mal unbesetzt bleiben.

Ein Sonntag der Abschiede also. Ein Eindruck, der durch den regulär um 20.15 Uhr ausgestrahlten Frankfurter "Tatort" noch verstärkt wird. Dessen Hauptdarsteller Joachim Król ist ja auch nur noch TV-Kommissar auf Abruf. Letztes Jahr war bereits seine Kollegin Nina Kunzendorf ausgestiegen, dann gab es ein zermürbendes Gerangel um deren Nachfolgerin, schließlich schmiss auch Król halb erschöpft, halb beleidigt hin. Eine weitere, schon fertige Folge mit ihm wird noch ausgestrahlt, im Februar starten die Dreharbeiten mit dem Nachfolgeteam Margarita Broich und Wolfram Koch.

Man hofft beim Hessischen Rundfunk auf eine längerfristigere und leichtere Kooperation. Andererseits: Eigentlich war der HR-"Tatort" immer dann besonders gut, wenn er der Verzweiflung abgerungen schien.

Die neue Folge "Der Eskimo", und das ist in Frankfurt durchaus vielversprechend, beginnt mit einem Mordskater. Króls alkoholkranker Kommissar Steier hat sich am Vorabend die Lichter ausgeblasen, jetzt wacht er im winterlichen Stadtpark auf einer Bank auf. Alles weg: die Erinnerung, die Lebenskraft, die sportliche Kollegin sowieso. Steier wird Zeuge, wie eine Joggerin einen Mann ersticht, zum Hinterherlaufen ist er natürlich zu zerstört.

Regisseur Achim von Borries ("Alaska Johansson") versucht die Depro-Grundstimmung in Frankfurt gar nicht erst aufzuhellen. Die Spur in dem Mordfall führt ausgerechnet zur letzten Person, die Alkoholiker Steier noch geblieben ist: seine Ex-Frau (Jenny Schily). In einem schmucklosen Plot geht es ein weiteres Mal zwischen Schwulen-Stripbars im Bahnhofsviertel und spießigen Reihenhaussiedlungen hin und her. Brian De Palmas Crossdresser-Thriller "Dressed To Kill" in der hessischen Variante. Ein schön schmuddeliges B-Movie, bei dem nur die junge Alwara Höfels ("Der Tatortreiniger") als Kommissarsanwärterin ein paar rührend lebensfrohe Akzente setzt.

Nächstes Mal ist sie aber schon wieder raus, nächstes Mal ist Steier dann ganz, ganz allein. Beim letzten Einsatz muss er sich, so viel sei verraten, wegen Trunkenheit vor Gericht verantworten und wird dann - "Franziska" lässt grüßen - als Geisel in ein Kellerloch gesperrt. Ausstieg aus dem "Tatort"? Gibt es nur auf die extrem schmerzvolle Tour.


"Tatort: Der Eskimo", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
"Tatort: Franziska", Sonntag, 22.00, ARD

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Stanley365 03.01.2014
1. Münsteraner Wohlfühl-Tatorte gibt's schon genug ...
... ein bischen provokativer und aggressiver darf's ruhig sein. 'Franziska' schau ich mir auf jeden Fall an.
whitewolfe 03.01.2014
2. Tatort ist seit ein paar Jahren nicht mehr was er mal war
Inzwischen sehe ich mir lieber andere Sendungen an.Dabei haben wir uns Jahrzehntelang immer Sonntag den Tatort angesehen.Es wäre besser wenn dafür Inspector Barneby oder die skandinavische Krimiserie vom ZDF die So. um 22.00 Uhr gesendet wird um 20.15 kommen würde.Am schlimmsten war der Schweiger als amerikanischer Kommissarverschnitt.Tatort?Nein,Danke.
tomymind 03.01.2014
3. Tatort = Mist
Zitat von sysopARDWillkommen zu einem besonders schwarzen "Tatort"-Sonntag. In Köln gibt Assistentin Franziska eine grausame Abschiedsvorstellung, in Frankfurt schleppt sich Alkoholiker Steier ramponiert über die vorletzten Meter. Ein Fernsehabend wie eine offene Wunde. http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-abschied-von-franziska-in-koeln-krol-ermittelt-in-frankfurt-a-936024.html
Kann dieser deutsche Tatort-Hype mal aufhören. Musste mir vor kurzem einen Tatort, glaube München, anschauen. Drehbuch, Handlung, Schauspieler waren eine Unverschämtheit. Diese ganzen Michel-Horden die aus den Tatort-Sonntagen ein Event machen, gehören doch auf ihren Geisteszustand/IQ untersucht.
me_2 03.01.2014
4. @tomymind
Was bitte sehr geht Sie mein TV-Geschmack an? Schalten Sie ab, und tun Sie was "Intelligenzbestien" wie Sie eben so tun, was auch immer das sein mag, es interessiert mich nicht. Verschonen Sie mich doch bitte mit Ihrem wehleidigen Gejammer.
JerryFletcher 03.01.2014
5. Tipp
Zitat von tomymindKann dieser deutsche Tatort-Hype mal aufhören. Musste mir vor kurzem einen Tatort, glaube München, anschauen. Drehbuch, Handlung, Schauspieler waren eine Unverschämtheit. Diese ganzen Michel-Horden die aus den Tatort-Sonntagen ein Event machen, gehören doch auf ihren Geisteszustand/IQ untersucht.
Kleiner Tipp: Wenn man ein klein wenig Grips hat, dann ignoriert man einfach die Sendungen, die einem nicht gefallen. Leben und leben lassen. Natürlich gibt es immer wieder Menschen die glauben, anderen den IQ abzusprechen nur weil diese Sendungen mögen, die man selbst nicht mag. Das zeugt aber von wenig Intelligenz. Ich z.B. mag keine RTL-Sendungen, meide sie einfach und rege mich nicht darüber auf. Die Tatorte aus Leipzig z.B. schaue ich auch nicht, furchtbar der Thomalla beim - man kann es eigentlich nicht so nennen - schauspielern zuzuschauen. Aber wem es gefällt... Gott sei Dank gibt es soviele Optionen, sowohl im TV als auch andere, wie man seinen Sonntagabend verbringen kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.