Schlager-"Tatort" aus Dresden Sachsen, wie es singt und trinkt

Überraschend gut ist er, der neue "Tatort" aus Dresden. Die Pegida kommt zwar nicht vor, dafür fängt der Krimi eindrücklich das Lebensgefühl zwischen Heimatbekenntnis und Bummsberieselung ein.

MDR/ Andreas Wünschirs

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Der MDR hat ein Problem. Als ARD-Anstalt muss er immer wieder möglichst moderne "Tatorte" entwickeln und produzieren, obwohl der Haussender von Florian Silbereisen doch eigentlich nur in zwei Bereichen wirklich erfolgreich ist: Schlager und Volksmusik.

Auch die deutsche Musikindustrie hat ein Problem. Immer wieder muss sie versuchen, über neue, anstrengende, unsichere Vertriebswege Hip-Hop, Rock und Pop unter die Menschen zu bringen, obwohl sie doch eigentlich nur in zwei Bereichen wirklich erfolgreich ist: Schlager und Volksmusik. Und für die braucht es keine Streams.

Zwei Notlagen, aus denen der MDR nun Kapital für einen überraschend starken "Tatort" geschlagen hat. Im neuen Revier in Dresden geht es um einen Mord im Schlager-Milieu. Toni Derlinger, eine Hälfte des Duos Toni & Tina, wurde erschlagen in den Kulissen aufgefunden.

Bei ihren Untersuchungen werden die Ermittler mit den Imagekampagnen, Verdrängungsbewegungen und harten Umbrüchen des Musikbusiness konfrontiert. Weil mit Schlager und Volksmusik inzwischen leichter Geld zu verdienen ist als mit Rock oder Pop, drängeln sich hier die windigen Geldmacher des Geschäfts. Leute also wie der angemessenen gegelte Musikmanager Maik Pschorrek (Andreas Günther, der Gerngroßpolizist Pöschel aus dem Rostocker "Polizeiruf"), der mit seiner Firma Sachsengold Entertainment aus dem Rockbereich ins Schlagersegment einfällt. Seine Rechnung erklärt er den Ermittlern so: "Hier sind die Fans, die noch Geld haben. Die streamen oder rippen nicht, hier kaufen sie sogar noch CDs."

Filterkaffeeknittergesicht versus Vanille-Latte

Ein schöner Einstieg für die Kommissardarsteller dieses neuen "Tatort"-Reviers, die ebenfalls eher fremd erscheinen im verschlafenen Schlager-Sachsen und die aus den juvenilen Bereichen des deutschen Film- und Fernsehbetriebs dort eingefallen sind. "Fack ju Göhte" (Alwara Höfels, 33, und Jella Haase, 23) und "Tatortreiniger" (Karin Hanczewski, 34) - das sind die groben Koordinaten, in denen sich die jungen weiblichen Copdarstellerinnen bewegen. Dazu kommt Martin Brambach, 48, der ja alles und überall spielt und hier als ostdeutsches Filterkaffeeknittergesicht gegen laktosefreie Vanille-Lattes und andere neudeutsche Zumutungen kämpft.

Noch ein Comedy-"Tatort" aus dem Osten? Nicht wirklich. Beim MDR ist in der Vergangenheit in Sachen "Tatort"-Erneuerung ja einiges schiefgelaufen. Das sehr junge, sehr unglaubwürdige Erfurt-Revier wurde nach nur zwei Folgen wieder abgewickelt; mit dem schnurrigen Weimarer "Tatort" um Christian Ulmen und Nora Tschirner hatte der Sender hingegen einen echten Lacher gelandet. Natürlich hätte man sich gefreut, wenn es der MDR nun gewagt hätte, mal einen explizit politischen "Tatort" zu drehen. Dresden, ist das nicht die Stadt, in der seit 16 Monaten eine Bewegung namens Pegida ihre Demonstrationen veranstaltet?

Der Schlager-"Tatort" spielt nun zum Großteil auf einem Schlagerfestival im Dresdner Zwinger nicht unweit des Theaterplatzes, wo die selbsternannten Abendlandverteidiger einen Großteil ihrer Versammlungen abgehalten haben. Und doch hallt nicht eine einzige rechtspopulistische Parole in diesen "Tatort" hinein; als habe man diesen Teil der Dresdner Wirklichkeit bewusst ausgesperrt.

Stefan Mross und Stefanie Hertel lassen grüßen

Andererseits: Was hätte ein aufdringlicher Alibi-Verweis auf die Pegida auch gebracht? Regisseur Richard Huber hat zuvor schon den komisch verspulten Weimar-"Tatort" gedreht, Drehbuchautor Ralf Husmann ist der Schöpfer von "Stromberg" und und wurde jüngst für die Aufschneiderkomödie "Vorsicht vor Leuten" für den Grimme-Preis nominiert. Trotzdem ist ihr gemeinsamer Film kein weiterer Comedy-"Tatort" geworden. Vielmehr gelingt es den beiden, eher hintenherum das Dresdner Lebensgefühl zwischen brachialem Heimatbekenntnis und Bummsberieselung einzufangen.

Das ist, klar, zuweilen komisch, aber stets reell am Gegenstand erzählt. Husmann und Huber tauchen tief in diese spezielle MDR-Welt ein, wo Helene Fischer sehr viel mehr zählt als Angela Merkel. Und die Goldene Henne sehr viel mehr als der Grimme-Preis. Einmal wird die Hennen-Trophäe, die jährlich von "Super-Illu" und MDR an im Osten beliebte Unterhaltungskünstler und Politiker vergeben wird, sogar von einem Ausgezeichneten in die Kamera gehalten. Um den Ermittlern die Relevanz zu erklären, werden einige Preisträger aufgezählt: "Der Genscher, die Puhdys, die Fischer."

In diesem "Tatort", für den extra stilechte Schlager mit Titeln wie "Mein Sachsen" komponiert worden sind, geht es tief hinein in die Genese ostdeutscher Schunkelidentität. Das fiktive Schlagerduo Toni & Tina etwa ist der Biografie des Traumpaars Stefan Mross und Stefanie Hertel nachempfunden, brüchige sexuelle und künstlerische Identitäten inklusive. Achim Mentzel, der Anfang des Jahres verstorbene Schutzpatron des Ostschlagers, hat immerhin einen letzten Auftritt über ein in die Kamera gehaltenes Foto.

Ein starker Einstand ist dieser Dresdner "Tatort" geworden. Ein süffiger Gruß an eine Parallelgesellschaft, die nur der MDR in ihrer ganzen Pracht und Niedertracht zeigen kann.

Bewertung: 8 von 10


"Tatort: Auf einen Schlag", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
l-39guru 04.03.2016
1. .
Fast "beklagt" der Spiegel heute im Aufmacher zum Tatort das Pegida nicht vorkommt! Pegida kommt nicht vor, ja geht das überhaupt ? Ist das denn tragbar? Heutzutage läuft nicht mal in Hamburg ein Schiff in der Elbe auf Grund ohne das sofort eine Verbindung zur Fensterputzling und der Bachstelze hergestellt wird, weil die Elbe zuvor ja durch Dresden geflossen ist...
D_KLB 04.03.2016
2. Schon mal auf die Idee gekommen...
... dass ?Heimatbekenntnis? etwas positives ist. Offenbar ist man nur ein guter Deutscher, wenn man alles Deutsche anlehnt.
Nutzer ohne Namen 04.03.2016
3. MDR Erfolgssendung
der mdr ist derzeit wohl am erfolgreichsten mit Fußball öive Übertragungen. 3.Liga regelmäßig live. Schade dass nächste Saison sich die Mannschaften aus dem Sendegebiet in die 2. und 4. Liga verabschieden werden.
U. Haleksy 04.03.2016
4. Filterkaffeeknittergesicht
Das ist doch mal ein Wort!
MartinLiebetruth 04.03.2016
5. Husmann kein Tatortreiniger
Faktencheck: Ralf Husmann reinigt ja vielleicht alles mögliche, aber nicht den Tatort. Die Folgen des »Tatortreinigers« Schotty stammen aus der Feder von Mizzi Müller a.k.a. Ingrid Lausin.
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