Neukölln-"Tatort" Fremd im eigenen Kiez

Zwei schwule Männer, ein Problemkind - kann diese Quasi-Familienkonstruktion aufgehen? Ein "Tatort" aus Neukölln, der mit Stereotypen und Erwartungshaltungen spielt.

rbb/ Andrea Hansen

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"In dubio pro Missbrauch." Der Kommissar bringt es auf den Punkt: Ein schwules Paar in Neukölln, das sich um einen Halbwüchsigen aus schwierigen Verhältnissen wie um einen eigenen Sohn kümmert, da vermuten viele Mitbürger das Schlimmste. Einer der beiden Schwulen war Lehrer, der Junge ging auf seine Schule, es verbreitete sich das Gerücht, dass es in der Sportumkleide zu sexuellen Handlungen gekommen sei. Seitdem war der Lehrer suspendiert, das Gerücht war auf einmal Tatsache.

Nun glauben die Behörden die bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leiche des suspendierten Lehrers in dessen Laube nahe des Tempelhofers Felds gefunden zu haben, das mutmaßliche Opfer des mutmaßlichen Missbrauchs ist indes spurlos verschwunden. Zurück bleibt der schwule Ehemann, der über die zerbrochene Dreierkonstellation standhaft behauptet: "Wir waren eine Familie." Wer es nett meint mit ihm, lächelt über ihn: Ja, ja, träum' weiter! Wer es bös meint, unterstellt ihm Missbrauch.

Der schwule Witwer wird von Jens Harzer gespielt, der zuvor in dem "Tatort"-Thriller-Meisterwerk "Es lebe der Tod" mit Ulrich Tukur den Serienkiller-Philanthrop gegeben hat. Verzagt philosophierte Harzer in der Mörderrolle über das Töten als gute Tat und wusste doch, dass ihn niemand verstehen wird. Ebenso verzagt erzählt er nun in der Rolle des schwulen Pflege-Daddy von der innigen Verbindung zwischen Ehemann, Ziehsohn und ihm selbst und weiß doch, dass ihm jeder seiner Zuhörer diese Innigkeit als Illusion auslegt. So bleibt er zurück als Fremder auf einem Kiez, der ihm seine Liebe abspricht. Einsamer als Jens Harzer kann man einen Menschen nicht spielen.

Doppelte Ausgrenzung

Dieser "Tatort" erzählt auch die Geschichte einer doppelten Ausgrenzung: Wurden die beiden schwulen Männer und ihr Ziehsohn in Neukölln bedroht und riefen die Polizei, so kam diese herbeigeeilt - allerdings nur, um ihre Personalien festzustellen. Denn so eine Beziehung durfte nicht sein. Da waren sich die Beamten mit den Migrantenfreunden des Jungen einig, die immer wieder Beleidigungen an die Wohnungstür der beiden Männer kritzelten.

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"Tatort" mit Karow und Rubin: Brutales Neukölln

Später erfahren die Ermittler Robert Karow (Mark Waschke) und Nina Rubin (Meret Becker) vom Direktor einer Problemschule: "80 Prozent der Schüler Migrationshintergrund, 79 Prozent sind homophob." Eine bittere Wahrheit; trotzdem hätte man sich bei der Darstellung der Halbwüchsigen, die alle aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen, ein bisschen mehr Ambivalenzen gewünscht. Ihr Wüten wird doch sehr plump in Szene gesetzt.

Dabei ist das Drehbuch ansonsten voll von überraschenden Wendungen, raffinierten Spiegelungen und klug ausgehebelten Klischees. Christoph Darnstädt hat zuvor unter anderem die Schweiger-"Tatorte" geschrieben, die ja insgesamt nicht so hintersinnig waren. In "Amour fou" (Regie: Vanessa Joop) spielt er geschickt mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer, macht sie zu Komplizen der Vorurteile der anderen, um sie dann wieder emotional in Geiselhaft zu nehmen. Ein aufwühlendes Verwirrspiel.

In das auch Karow reingezogen wird. Der schwule Ermittler sympathisiert über Strecken mit dem Ehemann, stellt aber immer wieder dessen ungewöhnliches Familienmodell in Frage. Es entsteht ein Dialog, der mal in Fürsorge und mal in Grausamkeit umschlägt. Und manchmal auch in zärtliche Komik.

Etwa, als Karow in kriminaltechnischer weißer Schutzkleidung auf der Bildfläche erscheint. Da grinst der andere und sagt in Anspielung auf "Was sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten": "Wenn Sie die Kapuze aufsetzen, sehen Sie aus wie ein Woody-Allen-Spermium."

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Amour fou", Pfingstmontag (!), 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 3 Beiträge
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thdenell 02.06.2017
1. Danke, lieber ...
... Christian Buß für diese Preview über den nächsten Tatort. Ich freu mich schon auf Meret Becker, die imma sooo schön frotzelt uff Berlinerisch. Und uns teilhaben läßt an ihrem nicht ganz einfachen Privatleben (als Kriminalbeamtin). Den guck ich aber erst um 21.45 Uhr auf "one".
Rahvin 06.06.2017
2.
"'80 Prozent der Schüler Migrationshintergrund, 79 Prozent sind homophob.' Eine bittere Wahrheit; trotzdem hätte man sich bei der Darstellung der Halbwüchsigen, die alle aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen, ein bisschen mehr Ambivalenzen gewünscht. Ihr Wüten wird doch sehr plump in Szene gesetzt." Und obwohl es "plump in Szene gesetzt" wurde, entspricht es der Realität: Geht man in Schulen oder sogenannte Problemviertel und hört den jungen Leuten genauer zu, ist Homophobie und offen zur Schau gestellte Frauenverachtung scheinbar Normalität. Da dies im familiären Umfeld praktizierte Lebenswirklichkeit ist, vermag Schule oder öffentliche Aufklärung kaum etwas zu verändern. Die soziale Abkapselung bestimmter Viertel tut da ihr übriges. Ich persönlich sehe da lediglich eine verlorene Generation heranwachsen, die mit Empathie, Toleranz und sozialer Kompetenz wenig bis gar nichts am Hut hat. Leider Futter für Hassprediger auf der einen Seite und nationalistische Volksverhetzer auf der anderen Seite.
Shulma Shmoller-Shmopp 06.06.2017
3. Gute-Nacht-Gschichtn
Die extrem sedierende Qualität der Regie erlaubte einem zumindest im Delirieren das vertraute Gefühl, dass man sich noch in den 00 Jahren aufhalten würde oder gar in der abgeschlossenen Vergangenheit der 90er Yugos. Das Thema selbst wurde so nostalgisch entrückt. Es hat ganz einfach keine Wirklichkeit. Es war einmal.
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