Neuer Hauptstadt-"Tatort" Berlin auf Koks

Wedding, Schöneberg und Kreuzberg, SM-Sex und Mafiamorde: Der Berliner "Tatort" wurde radikal modernisiert. Meret Becker und Mark Waschke irrlichtern als Ermittler durch einen extrem schnell geschnittenen Koks-Krimi.

ARD

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Das Bad in der teuren Wohnung sieht aus wie ein Schlachthaus. Rot besprenkelt die schöne Wanne, rot besprenkelt die schönen Kacheln. Ein Gangster hat einer jungen Frau bei lebendigem Leib den Magen und den Darm aufgeschlitzt, in denen sie Koks aus Acapulco für ihn eingeschmuggelt hat.

Der Vermieter, von der Polizei befragt, hat keine Ahnung, wer in seiner Wohnung gewütet hat. Vorgestellt hat sich der Kurzzeitmieter als deutsch-türkischer Geschäftsmann aus Hamburg-Blankenese, der angeblich mit seiner Tochter einen Städtetrip machen wollte, bevor diese an der Humboldt-Universität zu studieren beginnt. Gemietet wurde über Airbnb. Scheißtouristen, Scheißstudenten, zerstören die Wohngegenden und machen nur Dreck.

Andererseits: Ein bisschen ist der rundum erneuerte, extrem schnell geschnittene RBB-"Tatort" wie ein Wochenendausflug in die Hauptstadt: flüchtige Reize, hohes Tempo, alle Locations. Wedding und Kreuzberg, SM-Sex hinter Hipster-Kneipen, Armen-Speisungen am Zoo.

Im Hinblick auf den alten Berliner "Tatort" mit Ritter und Stark ist das eine drastische Modernisierungsmaßnahme: Die damaligen Darsteller Dominic Raacke und Boris Aljinovic, diese Don Quijote und Sancho Pansa der TV-Reihe, waren ja immer durch ein besonders beschaulich anmutendes, geradezu tragikomisch wirklichkeitsbereinigtes Städtchen unterwegs; manchmal war man erstaunt, wie wenig Berlin in so einem Berlin-Krimi sein kann.

Reizüberflutung an der Ermittlerfront

Nun ist die Devise eben genau umgekehrt: Mehr Berlin geht nicht. Airbnb-Tourismus und libanesische Mafia, Koks-Verteilerwirtschaft und Flughafen-Desaster - zig örtliche Themen finden in die Geschichte um den Mord an einem weiblichen Drogen-Muli wie nebenbei Eingang.

Regisseur Stephan Wagner hatte 2013 schon den Berlin-"Tatort" "Gegen den Kopf" gedreht, in dem es um die Überwachung des öffentlichen Raumes ging und in dem Ritter und Stark ausnahmsweise einmal durch die ganz reale Topographie der Hauptstadt gejagt wurden. Hier geht es noch tiefer in die Verkehrs-, Party- und Verteilerzonen der Stadt, so als sollte der lange Zeit verschlafene Berlin-"Tatort" nun den ultimativen Beweis erbringen, welche unterschiedlichen Dinge sich in einem gut gebauten, modernen Großstadtkrimi erzählen lassen.

Das ist irgendwann ein bisschen viel. Das bekannte Problem einer Einführungs-Episode; alles wird angerissen, vieles behauptet, nichts auserzählt.

Reizüberflutung auch an der Ermittlerfront: Meret Becker als neue Kommissarin Nina Rubin lässt sich in einer ihrer ersten Szenen im Hinterhof einer Bar einen Ledergürtel um den Hals legen und von einem scheinbar Fremden lustvoll auf einen Biertisch drücken, um am nächsten Morgen endlos mit ihrem Mann daheim Trennungsgespräche zu führen. Mark Waschke als Kommissar Robert Karow demütigt ihm unterstellte Kollegen, lässt sie Stifte vom Boden aufsammeln und Kaffee holen. Eine extrem eitle und besserwisserische Person; dass Karow zweifelhafte Kontakte zur libanesischen Mafia pflegt, macht ihn nicht sympathischer.

Das sind viele originelle Einfälle, die Drehbuchautor Stefan Kolditz ("Unsere Mütter, unsere Väter") zusammenträgt. Eine starke Dynamik entwickelt die Geschichte allerdings trotz Schnittgewitter noch nicht. Aber das ist zum Teil wohl auch der Tatsache geschuldet, dass man sich hier nach Vorbild amerikanischer Serien an einer horizontalen Erzählweise versucht, da müssen erst mal viele Personen und Konflikte eingeführt werden. Der Dortmunder "Tatort" mit Jörg Hartmann wirkte am Anfang ja auch extrem atemlos, jetzt ist er ein Schmuckstück seriellen Erzählens.

Bleibt zu hoffen, dass der Berliner "Tatort" in den nächsten Folgen das Tempo und Timing findet, um uns endgültig mitzunehmen. Bei der Koks-Episode fühlt man sich gelegentlich, als versuche man den Gedanken eines Gesprächspartners zu folgen, der ein ordentliches Näschen genommen hat.


"Tatort: Das Muli", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 23 Beiträge
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hatem1 20.03.2015
1. Endlich...
... wieder ein Berliner Tatort, für den man sich als Berliner nicht schämt. Schnell, komplex, spannend, tolle Schauspieler. Die Kritik von Herrn Buß teile ich nicht.
chris4you 20.03.2015
2. In den Krimis der letzten Zeit
wäre mal ein guter Spannungsbogen nicht schlecht gewesen, stattdessen werden zur Hälfte der Sendezeit die persönlichen Probleme (natürlich niemals klischeehaft:) der einzelnen Personen, Vorzugsweise der Ermittler, ausführlich behandelt. Das mag für den Lindenstrassen-Konsumenten (und ausnahmsweise in diesem Fall, da "Einführung der Ermittler") von Interesse sein, für einen Krimi der sich zu 70% auf einen spannenden Fall konzentrieren sollte, ist das für mich meist nervtötend... (Was nicht heißen soll das es nur einen Handlungsstrang geben muss...)
BGÜ 20.03.2015
3. Tatort Dortmund
"...jetzt ist er ein Schmuckstück seriellen Erzählens..." Wenn das ein Schmuckstück ist, dann Gute Nacht...
janzen1 20.03.2015
4. Wow! Edward Norton spielt auch mit!
Bild 9 in der Fotostrecke. Die Person rechtsaußen.
horowicz 20.03.2015
5. Dortmund
schaut wirklich positiv aus dem Tatortallerlei hervor. Kiel und Wien sind auch meistens eine sichere Bank. Wiesbaden leider nur selten. Dahinter kommt irgendwann Köln. Münster hat sich leider schon längst verabschiedet. Den Rest kann man eher als beliebig einstufen. Es gibt nur ganz selten mal was sehenswertes. Am Ende der Skala Konstanz. Trotzdem schaue ich mir fast jeden Tatort und Polizeireif HRO und M an.
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