Bremen-"Tatort" über Pflegekriminalität Wie wollen wir sterben?

Dieser Gesellschaftskrimi aus Bremen wühlt auf. Die Ermittler Lürsen und Stedefreund müssen erleben, wie schwierig es ist, das Ende des Lebens zu begehen. Ein Muss, nicht nur für "Tatort"-Fans.

RB/ Christine Schröder

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Die meisten Menschen sterben, wie sie gelebt haben. Wer ein egoistisches Arschloch gewesen ist, dem sind seine Mitmenschen auf den letzten Metern erst recht egal. Wem es zeitlebens um Anstand, Solidarität und Liebe gegangen ist, der reflektiert selbst noch die sozialen Aspekte seines eigenen Todes. So wie in diesem "Tatort" aus Bremen der alte Herr, der erst seine demente Ehefrau mit dem Kissen erstickt, um dann vor dem eigenen Suizid noch die Polizei zu alarmieren.

"Meine Frau ist tot, und ich werde jetzt auch sterben. Könnten Sie bitte im Laufe des Tages vorbeischauen, um uns aus der Wohnung zu holen", so meldet Horst Claasen (Dieter Schaad) es dem Polizei-Notruf. Seine Frau liegt derweil leblos mit Blumenstrauß und gefalteten Händen auf ihrer Seite des Ehebetts.

Der alte Mann ergänzt: "Wir haben hier keinen Aufzug, das sollten sie wissen, wegen der Särge. Aber das Treppenhaus ist groß genug." Noch eine letzte Bitte: "Es muss sich jemand um den Hund kümmern." Und schließlich - die Tabletten beginnen zu wirken, der Mann sackt auf der Bettkante zusammen - eine höfliche Verabschiedung: "Entschuldigen Sie mich."

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Bremer "Tatort": Der lange Abschied

Doch das gesamte umsichtige Arrangement nützt nichts: Herr Claasen wacht im Krankenhaus auf. Sein Leben wurde gerettet, sein selbst bestimmtes Sterben zerstört. Die Polizei muss ermitteln, Verdacht auf Mord. Der Sohn macht Vorwürfe, Verdruss wegen Überforderung. Dabei wollte ihn der Vater doch nur schützen, der Sohn hat nie etwas auf die Reihe gekriegt, wie soll er dann die Beerdigung finanzieren? Die war natürlich auch schon vom Alten organisiert.

Der Tod als soziales Ereignis

Der fast schon tragikomische Vater-Sohn-Konflikt am Anfang dieses Bremer "Tatort" ist von einer aufwühlenden Erkenntnis geprägt: Wenn das Leben schon so kompliziert ist, wie sollte da das Sterben einfach sein? Niemand stirbt für sich allein, das eigene Lebensende betrifft immer auch andere, die geliebt werden wollen, die lieben wollen, die sich im Recht sehen, mitzureden. Der Tod, so allein wir ihm entgegenzutreten scheinen, ist immer ein soziales Ereignis.

Und als solches setzen die Filmemacher ihn in ihrem "Tatort" konsequent in Szene. Autorin Katrin Bühlig und Regisseur Philip Koch besitzen die Fähigkeit, brisante Stoffe bis an die Schmerzgrenze in ihrer Ambivalenz auszuleuchten. Bühlig wurde für eine lakonisch einfühlende Dokumentation über Mörder und Vergewaltiger im Maßregelvollzug mit dem Grimme-Preis geehrt, Koch zeichnete erst vor Kurzem für den Münchner "Tatort" in krassen Szenen soziale und wirtschaftliche Abhängigkeiten in der Pornoindustrie nach.

Ihr Krimi-Drama über letzte Fragen und Dinge führt den Zuschauer auf fordernde Weise zu der gesellschaftlichen Frage: Wie wollen wir sterben? Wie lässt es sich organisieren, dass die Würde des Menschen nicht auf seiner letzten Etappe zwangsweise abgewickelt wird?

Dazu fokussiert der "Tatort" auf drei Fälle: Neben dem alten Herrn, der sich und seine Frau töten wollte, geht es um einen Familienvater, der im Eigenheim seine im Koma liegende Frau betreut, und um eine Tochter, die an der Betreuung ihrer dementen Mutter verzweifelt. Die Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) - noch zwei weitere Fälle, dann nehmen sie nächstes Jahr ihren schon angekündigten Abschied - werden mit einer Reihe schier unlösbarer Konflikte konfrontiert, die bei einem zwielichtigen Pflegedienst zusammenlaufen.

Das wäre eigentlich schon allein Stoff für 90 Minuten gewesen. Doch bald wird der Mitarbeiter des medizinischen Dienstes ermordet, der über die Pflegeschlüssel bestimmt. In Folge kreist der "Tatort" um kriminalistische und politische Fragen sowie darum, wie das Pflegesystem in Deutschland zu Verzweiflung und Betrug einlädt. Und die Szenen, in denen Lürsen die Möglichkeit des eigenen Sterbens mit der Tochter verhandelt, wirken ein bisschen aufgesetzt. Das lenkt von der existenziellen Frage ab, die diesem Krimi seine unglaubliche Dringlichkeit verleiht.

Trotzdem ein Pflicht-"Tatort": Wie die Themen Würde und Sterben verhandelt werden, das hat man im deutschen Fernsehen so noch nicht gesehen.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

"Tatort: Im toten Winkel", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD


insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
thd1958 09.03.2018
1. Nun, der Tod ist für uns ...
... alle nun mal unausweichlich. Und schrecklich. Vor Allem für die Angehörigen. Aber nur, weil er den Suizid-Versuch überlebt hat, kann man ihn doch nicht zweimal bestrafen. Er wollte sich und seine Frau selbstbestimmt in den Tod schicken. Daran ist an sich nichts verwerfliches. Was dann im Nachhinein daraus strafrechtlich gemacht wird, DAS finde ich dann schon zweifelhaft. Auf jeden Fall wieder mal ein guter Tatort aus Bremen. Lürssen und Stedefreund mit ihrem Team wünsche ich gute Einschaltquoten.
spontandemo 09.03.2018
2. @ #1
"Aber nur, weil er den Suizid-Versuch überlebt hat, kann man ihn doch nicht zweimal bestrafen." Kann man - aktive Sterbehilfe ist in Deutschland strafbewehrt. Damit werden allerdings diejenigen mitbestraft, die zwar selbstbestimmt und somit menschenwürdig abtreten wollen, aber den richtigen Moment verpasst haben, das noch selbst zu tun. Diese Regelung zwingt dann diejenigen, die sich genau davor fürchten, es lieber zu früh als nie zu tun.
Sal.Paradies 09.03.2018
3. Sie haben mich überzeugt Hr.Buß
Sie haben mich überzeugt Hr.Buß, diesem Thema kann sich langfristig niemand entziehen und ich gebe zu, dass mich Ihr Bericht neugierig gemacht hat. Da ich kein Sky mehr habe, werde ich auf anderen Sendern wohl kaum etwas verpassen....
apropos48 11.03.2018
4. Es tut mir so leid!
Dieses Thema ist unendlich wichtig und es ist unendlich traurig, weil es der Realität so nahe kommt, und ich weiß, wovon ich rede. Ich hab sowas hinter mir mit allen seinen Schattenseiten, ich schau mir alle Dokumentationen und Diskussionen an und die (erbärmlichen) politischen Statements ohne entsprechende Konsequenzen. Das Thema als Tatort-Spielfilm kann ich aber so nicht mit in die Woche nehmen, ich werde umschalten, wüsche aber den Bremer Ermittlern beste Quoten und den übrigen Zuschauern mehr Mut, als ich ihn heute habe. Vermutlich ein toller Film, den ich aber nicht aushalte.
rala 11.03.2018
5. Traurige Wahrheit
Ich arbeite in der Pflege und pflege zu Hause auch einen demenzkranken Angehörigen, ich weiß also doch sehr genau, mit welchen Gefühlen man zu kämpfen hat. Dieser Tatort beschreibt ziemlich gut, wie allein gelassen sich Angehörige fühlen. Da ich selber vom Fach bin, weiß ich schon, wo man welche Hilfen und Unterstützungen beantragen kann, aber das alles zieht sich oft über Wochen hin. Fehlendes Personal in den Kitas wird gerne in Politik und Medien erwähnt, aber die Situation in der Pflege ist noch viel dramatischer. Nur ist sie nicht so attraktiv! Ich sehe während der Arbeit sehr oft Einsamkeit und Altersarmut. Ich wünschte, daran würde sich etwas ändern lassen!
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