"Tatort" aus Bremen: Frischfleisch für Frau Kommissarin

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Zwei Herzen und sehr viel Schmerzen: Der neue Assistent gräbt doch tatsächlich Kommissarin Lürsen an - und eiskalte Killer treiben ihr Unwesen. Sie morden so abgeklärt wie Beamte ihre Akten lochen. Ein herrlich großtuerischer "Tatort" aus dem kleinen Bremen.

Verschwörungs-"Tatort": Profikiller an der Weser Fotos
RB

Der Neue ist gut informiert. So ein Mutter-Sohn-Ding wie mit seinem Vorgänger? Mit ihm nicht! Stattdessen bringt sich Leo Uljanoff (Antoine Monot Jr.) bei seiner gut 20 Jahre älteren Vorgesetzten, der Kriminalhauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), als potentieller Liebhaber in Stellung: "Mache ich Sie nervös? So als Mann?" Später überredet er seine Chefin sogar, lieber grünen Tee zu trinken statt Kaffee. Besser für die Gesundheit, besser für die Haut. Uljanoff hat offensichtlich noch einiges mit Lürsen vor.

Wo ist eigentlich Stedefreund, wenn man ihn braucht? Lürsens alter Handlanger (Oliver Mommsen) hat genug vom Handlangerdasein. Genervt schaut er sich im Internet Seiten an, auf denen Polizisten für schwierige Auslandseinsätze angeworben werden. Er will weg von der Ermittler-Glucke Lürsen - wenn es sein muss sogar nach Kabul, um afghanische Sicherheitskräfte auszubilden. Vorher gerät er aber noch an eine Gelegenheitsprostituierte, deren Freund gerade von einem Auftragsmörder hingerichtet wurde. Stedefreund bringt das Mädchen bei sich unter - und sieht fortan seine Wohnung von Killerkommandos belagert.

Autor Christian Jeltsch und Regisseur Florian Baxmeyer, die vorher schon die ambitionierte Grenzschutz-Episode "Der illegale Tod" für den Bremer "Tatort" inszeniert haben, wechseln in ihrer neuen Gemeinschaftsarbeit behände die Stimmungen: Hier das drollige Gezwitscher zwischen der Chefin und dem Neuen, dort der grimmige Killerthriller, in dem Profis unliebsame Zeugen aus dem Weg räumen.

Der Hintergrund für die Morde ist politisch: Die Weser soll vertieft werden. Die Wirtschaft jubiliert, Umweltverbände klagen. Zentrale Person in der juristischen Auseinandersetzung ist Richter Konrad Bauser (Christoph M. Ohrt), ein Mann mit gefährlichen Schwächen und mächtigen Freunden. Er hatte Sex mit einer minderjährigen Prostituierten und wurde dabei gefilmt. Und das gleich zweimal: Von dem Freund der Prostituierten, der läppische 50.000 Euro für das Filmchen will. Und von einer ominösen Organisation, die offenbar längerfristig Macht über Bauser gewinnen will. Den kleinen Erpresser lässt der Richter durch Killer beseitigen. Aber wer steht hinter dem Filmteam?

Wenn Mörder wie Beamte wirken

Um den realen Konflikt zur Weservertiefung bauen Autor Jeltsch und Regisseur Baxmeyer so einen opulenten Verschwörungsthriller. Lokaler Politmuff trifft auf globales Verbrechen: Das Für und Wider für die Flussvertiefung wird von Lürsen durchgespielt, die als linksbewegte Kommissarin sogar an einer Initiative gegen das Bauvorhaben beteiligt ist. Und die Auftragsmorde führt eine Organisation durch, die wie eine große Behörde organisiert und von Metropole zu Metropole vernetzt ist.

Ruft man in einer Stadt an, steht am Flughafen einer anderen schon ein Wagen mit präparierter Waffe im Handschuhfach bereit. Alles eine Frage des richtigen Buchungssystems. Die Killer sind denn auch nicht etwa schöne Nihilisten wie in den Gangsterkrimis des französischen Genre-Meisters Jean-Pierre Melville ("Der eiskalte Engel") - sondern farblose Beamtentypen, die Morde begehen wie Behördenmitarbeiter Akten für die Ablage lochen.

"Puppenspieler" ist der Titel dieses sympathisch großtuerischen "Tatort". Wer hier wen an den Strippen führt, ist aber erstmal nicht ersichtlich. Die Organisation für Mord und Totschlag erscheint als riesiger Apparat, der wie im Automatikbetrieb funktioniert und bei dem längst nicht mehr klar ist, welche Interessen eigentlich den Impuls für all das Töten geben. Und weil das alles so tadellos kaltschnäuzig in Szene gesetzt ist, übersieht man gerne die Schwächen. Logiklöcher, so groß wie die Schusswunden, die in den Leichen klaffen. Handlungsfäden, die immer wieder brutal zerreißen.

Alle paar Folgen liefert die klitzekleine Sendeanstalt Radio Bremen einen Bigger-than-Bremen-"Tatort", dem man sich in seiner forschen Art einfach nur ergeben kann. Dies ist so einer. Nicht zuletzt deshalb, weil Kommissarin Lürsen in dem Grau-in-Grau-Verschwörungsthriller den schönsten und kürzesten One-Night-Stand in der Geschichte des "Tatort" hat.

Und nun raten Sie mal, mit wem.


"Tatort: Puppenspieler", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Frischfleisch für Frau Kommissarin
dig 22.02.2013
Hoffentlich kein Gammelfleisch!, wurde ja seinerzeit auch als Frischfleisch verkauft.
2. Vorsicht!
gierth 22.02.2013
Oh, SPON lobt einen Tatort? Dann ist er bestimmt schlecht. Werde ihn mir wohl besser nicht anschauen.
3. Tatort
Hilfskraft 22.02.2013
Krimis fürs Altersheim.
4. Vorsicht II
gierth 22.02.2013
Verschwörungsthriller in Bremen? Gähn! Und One-Night-Stand der Kommissarin Lürsen? Würg!
5. Lürsen raus!
jaidru 22.02.2013
Bei einem "Lürsen"-Tatort muss ich noch nicht einmal die positive Kritik von Buß abwarten, um zu wissen, dass er Schrott ist! Hoffentlich wird die Frau bald abgesetzt!!
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Zum Autor
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.