Bremen-"Tatort" über Killerauto Der Schrott des Gemetzels

Männer mit PS-Trieb, Mütter mit amputierten Beinen: Die Bremer "Tatort"-Ermittler kriegen es mit einem Killerauto zu tun. Ein röhrendes B-Movie über Geisterfahrer und Familiengräber.

RB

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Schwarz ist die Nacht, schwarz ist das Auto, schwarz vermummt ist der Typ hinter dem Steuer. Über die Landstraßen vor Bremen rast ein Auto ohne Nummernschild, mal fliegt es lautlos über die Fahrbahn wie ein Elektroauto, mal jault es wie ein gepimpter GTO. Ein Monstrum von Pkw, eine Waffe aus Gummi, Stahl und Elektronik, die der Wagenlenker zum Einsatz bringt, wenn er sich mit schwarzem Ganzkörperoutfit und Nachtsichtgerät im Dunklen still an seine Opfer schleicht, um sie dann mit martialischem Röhren auf die polierte Stoßstange zu nehmen.

Diese in jeder Hinsicht außergewöhnliche "Tatort"-Folge ist ein B-Movie zum Thema Mensch und Maschine geworden, ein kleiner kranker Film über das Auto als Welt- und Wohn-, als Religions- und Sexersatz. Kein Krimi für Hobbydetektive.

Hier wird ein Assoziationsraum geöffnet, der mit Motiven einschlägiger B-Movies gefüllt ist. Etwa aus dem Hot-Rod-Klassiker "Two Lane Blacktop", in dem sich ein Chevy und ein GTO ein gnadenloses Duell liefern. Oder aus Quentin Tarantinos Genre-Hommage-"Death Proof", für den der als Fußfetischist bekannte Regisseur in Close-ups auf die unteren Extremitäten seiner Heldinnen hält, während das Gummi lasziv quietscht. Oder aus David Cronenbergs "Crash", in dem Männer und Frauen zum Lustgewinn Autounfälle inszenieren; abgetrennte Körperteile inklusive.

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PS-"Tatort": Black Rider auf Crashkurs

Abgetrennte, dysfunktionale, verstümmelte Körperteile spielen nun auch im Bremer PS-"Tatort" eine große Rolle: Der rasant gefilmte, auf Whodunit-Elemente verzichtende Krimi ist schnell beim Hauptverdächtigen; es ist der Autolackierer Kristian Friedland (Moritz Fürmann), in dessen Umfeld es auffällig viele behinderte Frauen gibt. Friedlands Mutter (Angela Roy) hat vor vielen Jahren ihr Bein verloren, seine Ehefrau (Natalia Belitski) sitzt im Rollstuhl.

Eine schrecklich nette Familie

Der ansonsten nicht besonders an seinen Mitmenschen interessierte junge Mann kümmert sich rührend um die beiden versehrten Frauen - was auch sein dominanter Vater (Rainer Block) immer wieder mit feuchten Augen verfolgt, obwohl er den Sohn ansonsten nur mit rüden Kommandos traktiert. Hier geht es kuschelig und zärtlich zu wie in einem Familiengrab.

Erdacht hat sich das klirrend kalte, aber niemals zynische Szenario unter anderem der Drehbuchautor Matthias Tuchmann - der nun nicht mehr Zeuge der "Tatort"-Ausstrahlung werden kann. Wenige Wochen nach den Dreharbeiten ist er im Alter von nur 42 Jahren gestorben.

Tuchmann, Mitbegründer des Schreibkombinat Kurt Klinke, dem auch die "Nachtsicht"-Co-Autorin Stefanie Veith angehört, hat für den Bremer "Tatort" schon einige verquere psychopathologische Familienkonstellationen entworfen, etwa das doppelbödige Verlorene-Tochter-Szenario "Die Wiederkehr" oder die Folge "Alle meine Jungs", eine Art Mafia-Epos um einen Clan von Müllmännern.

Im Geisterfahrer-"Tatort" kommt zu klassischem Familientherapeutenstoff wie Vaterhass und Mutterkomplex nun noch viel Schrauberwissen um Stahl, Blech und Zündleitungen dazu. Statt der obligatorischen Obduktionsszene gibt es in diesem "Tatort" (Regie: Florian Baxmeyer) passenderweise eine Werkstattszene.

Wo Fachkräfte sonst die Leiche unter die Lupe nehmen, da wird in diesem Fall das sichergestellte, am Ende zu Schrott gefahrene Mordfahrzeug auf der Hebebühne inspiziert. Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) - wie letzte Woche bekannt wurde, scheiden beide Darsteller bis 2018 aus dem "Tatort" aus - bekommen eine dezidierte Einführung in die Ausstattung des Mobilitätsmonstrums.

Das inzwischen verbeulte Objekt wird von der Hülle eines BMW der Baureihe E38 umgeben, wurde aber in einem aufwendigen Prozess über Elektronik und Applikationen zur Tötungsmaschine aufgerüstet, der Verbrennungsmotor wurde durch einen Elektroantrieb ersetzt, am Heck wurde ein Dorn angebracht, mit dem die Opfer aufgeschlitzt wurden. Jetzt stehen die Ermittler vor den aufgebahrten blechernen Resten einer triebgesteuerten, quasi-religiös befeuerten Überwältigungsfantasie - dem Schrott des Gemetzels.

Ein "Tatort", der auf perfide Weise das paradoxe Spiel der oben zitierten Heiße-Reifen-Schocker aufgreift: Angst und Lust sind hier ein und dasselbe.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Tatort: Nachtsicht", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
sametime 10.03.2017
1. Gruselig
Was für ein fürchterliches wichtigtuerisches Geschwurbel. Ich hoffe der Tatort ist besser als diese Kritik.
joernthein 10.03.2017
2.
"Schrott des Gemetzels", was für eine wunderschöne Metapher auf den Autowahnsinn unserer Zeit. Ein Wahnsinn, der Landschaften parzelliert und Stadtleben unerträglich macht.
Bernd.Brincken 10.03.2017
3. Asuweich-Manöver
Welche Albträume haben die Autoren solcher Filme im Kopf? In Hollywood-Filmen wird stets mit der Überzeichnung gespielt, aber in der einprogrammierten Tatort-Muffeligkeit bleibt es bei Wirrniss. Welchen realen Ängsten weichen die Menschen aus, die sich an so einem Unsinn ergötzen?
schlaueralsschlau 10.03.2017
4.
Ich warte noch auf den ersten Kommentar mit: Wenn der Autor neun Punkte vergibt, dann muss der Tatort schlecht sein. Auch folgendes wird kommen: Die Dame ist keine gute Schauspielerin. Ich mag Bremen, weil dort wichtiges angesprochen wird und freue mich auf eine spannende Folge!
murksdoc 11.03.2017
5. Einen schönen Gruss aus meinem detektivischen Unterbewusstsein
Die sublimierte Botschaft (siehe auch das Bild) lautet: Männer = Täter (dreibeinig), Frauen = Opfer (einbeinige Gebeine), Morde können "triebgesteuert" sein, das heißt: es gibt einen "Mordtrieb", dazu gibt es religiöse "Überwältigungsphantasien", Elektroautos haben "Zündleitungen" (siehe Text), einen Auspuff-Endtopf (siehe Bild), Mordopfer werden in Rückwärtsfahrt gemeuchelt '(der Todesdorrn befindet sich am Heck des Fahrzeugs), womit 50% der Menschheit als Täter ausfallen dürften und dieses auch der Grund sein dürfte, warum oben immer vom Täter und nie von einer möglichen Täterin gesprochen wird, für das Töten braucht ein Auto eine "App" (dann könnte der Täter mit dem Scheibenwischer darüberwischen und hätte die Hände frei, um "Angry Birds" zu spielen, das hier ja auch "Angry Autofahrer" heissen könnte und die Auflösung ist, dass das Leben nur ein grosses Computerspiel ist), wenn ein Ferrari GTO "gepimpt" wird, dann "jault" er (stimmt, denn im Originalzustand, das heisst, ohne Pimping und ohne Pimp am Lenker, da "röhrt" er) und wenn man jetzt noch bedenkt, dass der alte 7er BMW (E38) 1,86 m breit war und die Dame auf dem Bild, die mit der Taschenlampe den Elektroauspuff befunzelt, mit vielleicht 1,75 Meter Körpergrösse viel länger wäre, als das aufgebockte Fahrzeug breit, dann tun sich für den echten Detektiv noch viel mehr Rätsel auf. Vermutlich ist das Bild der versteckte Hinweis auf einen hochstapelnden ("hochgestapelten") VW Up (siehe Radstand und Bereifung) der jaulen muss und nicht röhren darf, weil Walter Röhrl am Steuer sitzt und es sonst zu leicht wäre, den Täter zu erraten. Der ist unterwegs nach Pisa, um sich über das schlechte Abschneiden Bremens bei den Pisa-Tests zu beschweren (und warum die oberste Schulbehörde ausgerechnet in Spanien sitzen muss), fände er nur den Lichtschalter an diesem Einmalfeuerzeug, die Zündleitungen hat er schliesslich schon gefunden und die verstümmelten Leichen, die da auf seinem Weg die Strassen pflastern, die haben ihn nur nach Feuer gefragt, der Rauchertod ist eben nicht schön, das kann man ja schon auf den Zigarettenpackungen sehen, da sind auch lauter Einbeinige drauf. Wir wollen aber nicht zuviel verraten, zum Beispiel nicht, warum der Papst nicht in Pisa wohnt, warum der Kommissar herausfindet, das rauchende Ketten garkeine Kettenraucher sind, warum man vom Pillenschlucken nicht intelligent wird, warum Sex mit einer Einbeinigen auch "One-Night-Stand" genannt wird und warum Bremen die eigentliche Heimat des B-Movies ist, denn "B-Movie" bzw. "B-Tatort" heisst: "der kommt aus Bremen".
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