Von Christian Buß
So was kann man eine Verkettung unglücklicher Umstände nennen: Erst büxt Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) der Hund der Chefin ins nächtliche Nirgendwo der Wesermarsch aus, bei der Verfolgung verhakt sich seine Hose an einem verrotteten Steg. Als er sie auszieht, um sich zu befreien, fällt die Hose ins Wasser und treibt davon. Immerhin hat Stedefreund noch sein Handy.
Doch herrje, in der ganzen Gegend gibt es keinen Netzempfang, weshalb er in Unterhose bei einer alten Dame anklopft, um deren Telefon zu benutzen. Erst mal hält die Alte dem Polizisten, der aussieht wie ein Sittenstrolch, eine Jagdflinte unter der die Nase; als dann alle Missverständnisse aufgeklärt sind, stellen die beiden fest, dass jemand die Telefonleitung zum Dorf gekappt hat. Also sucht die Witwe Stedefreund eine viel zu große Hose ihres verstorbenen Gatten heraus, auf dass der Kommissar ins nächste Dorf rennen kann.
Ja, so was kann man eine Verkettung unglücklicher Umstände nennen - oder auch eine Verkettung haarsträubender Drehbuchideen. Einziger Sinn und Zweck der narrativen Verrenkung ist es, Stedefreund von der Geiselnahme fernzuhalten, die sich im Dorfgasthaus vollzieht: Zwei Ex-Knackis haben eine Hochzeitsgesellschaft in ihre Gewalt gebracht. Auch Stedefreunds Chefin Lürsen (Sabine Postel) ist unter den Gefangenen.
Norddeutsche Nölköppe ahoi!
Während es dem einen Geiselnehmer darum geht, möglichst viel Schmuck und Geld einzusacken, hat der andere offensichtlich noch eine offene Rechnung mit der versammelten Dorfgemeinschaft offen. Es geht um den Tod einer alten Freundin - und um die Frage, auf welche Weise die versammelten Provinzler darin verstrickt sind, darum, wie viel Schuld jeder Einzelne aus der Gemeinschaft auf sich geladen hat. Um diesen Sub-Plot offenzulegen, wird die Geiselnahme vom Drehbuch kapriziös in die Länge gestreckt. Parallel zum Hose-aus-Hose-an-Hickhack Stedefreunds gibt es ein zähes Reißaus-Fangein-Gerangel.
Was war bloß in der Bremer "Tatort"-Redaktion los? Das Personal zu dieser Folge ließ auf Großes schließen, das Ergebnis ist ein Desaster. Drehbuchautor Jochen Greve hat unter anderem den grandios stimmungsvollen Weser-"Tatort" "Stille Tage" geschrieben, Regisseur Florian Baxmeyer inszenierte neben der brisanten Bremer Grenzschutzepisode "Der illegale Tod" auch die Hamburger Cenk-Batu-Folge "Häuserkampf" - einer der besten Action-Thriller, der je als "Tatort" gelaufen ist. Hier nun scheitern Greve und Baxmeyer: "Hochzeitsnacht" besitzt weder Tempo noch Tiefe, der Film findet keinen Rhythmus, keinen Sound.
Dabei sind ein paar talentierte norddeutsche Nölköppe unter den Darstellern vertreten, das übliche "Tatort"-Casting wurde von den Machern offensiv unterwandert. So spielt etwa Underground-Star Timo Jacobs einen orgelnden Alleinunterhalter und trägt dabei im Slang ein paar Wahrheiten über Drogenkonsum als dörfliche Kollektivbeschäftigung vor. Der eine Geiselnehmer wird von Sascha Reimann gespielt, dessen wunderbar frühverwitterte Visage unter dem HipHop-Alias Ferris MC bekannt geworden ist, der andere von Denis Moschitto, der für das Barmbeker B-Boy-Drama "Chiko" gekonnt den Westentaschen-Scarface gegeben hat.
Genutzt hat diesem "Tatort" die geballte Straßenkredibilität nichts. Am Ende wird das Krimistück mit seinen diffusen Tonfallwechseln und grotesken Handlungswendungen für die Primetime verschnürt - und das Drama über Leben und Sterben in der Provinz zur Farce mit Dorffratzen.
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