Bremer "Tatort" über Windpark Tod durch Ökostrom

Kapitalisten sind doof. Ökos aber auch. Ein etwas verworrener Bremer "Tatort" zur Energiewende. Gut gemeint, aber der grüne Daumen geht leider trotzdem runter.

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Auch Bösewichte lieben ihre Omas. Auch Ökoenergie kann mörderisch sein. Die Verantwortlichen des neuen "Tatorts" über Windparks, Seevögel und Haifische versuchen, die Ambivalenzen des Themenkomplexes auszuleuchten - und verlieren im Nebel in der Nordsee den Blick für die schwierigen Figuren und den noch schwierigeren Stoff.

Doch der Reihe nach: Den Windpark des Ökostromlieferanten und ehemaligen Umweltaktivisten Lars Overbeck (Thomas Heinze) vor der ostfriesischen Küste finden nicht alle alten Freunden korrekt. In den Rotoren verenden massenhaft Seevögel; ein alter Kämpfer versucht diesen Missstand per Videobotschaften unters naturverbundene Volk zu bringen.

Bei einer Exkursion zu den Windrädern ist der Mann spurlos verschwunden, Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) und Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) ermitteln in Richtung Mord. Ein Publicity-Desaster für den Öko-Unternehmer Overbeck, weil ihm die Bank einen großen Kredit gewähren müsste, damit er seinen Windpark weiterbetreiben und ausbauen kann.

Investoren, die auf die Nordsee starren

Aber das ist nicht das einzige Problem. Die Manager eines Hedgefonds haben einen Blick auf die Nordseeparzellen geworfen, die sich Overbeck schon mal reserviert hat, um dort bei Erfolg weitere Windparks zu errichten. Die Haifische werden angeführt von dem besonders haifischig aussehenden Milan Berger (Rafael Stachowiak), einem Investmentopportunisten, der allerdings eine emotionale Schwachstelle hat: seine Großmutter. Mit der skypt er täglich sehr herzlich, während er auf dem Computer eiskalt Zahlenkolonnen studiert oder auf dem Boden Hanteln stemmt.

Als die Ermittler bei Berger vorstellig werden, erklärt er ihnen gern, weshalb internationale Investoren momentan gebannt auf die Nordsee starren. Die von Angela Merkel vorangetriebene Energiewende macht zuvor ungeahnte Gewinne möglich; immerhin garantiere der Staat einen stattlichen Abnahmepreis von 19 Cent pro Kilowattstunde Ökostrom. Wie es im Krimi einmal heißt: "Dagegen sind die Renditen im AKW-Geschäft Peanuts."

Und was macht der einst idealistische Öko-Unternehmer Overbeck? Schmiert die einst ebenso idealistische Managerin einer Umweltschutzorganisation, damit die ihm die ökologische Unbedenklichkeit seiner Geschäfte bescheinigt. Ähnlich ist es auch in der Wirklichkeit passiert. In der Ökostrombranche regt sich schon heftiger Widerstand gegen die Darstellungen dieses Wirtschaftszweigs im "Tatort". Lesen Sie am Montag dazu unseren "Tatort"-Faktencheck, in dem wir die Verstrickungen aufzeigen.

Ein brisantes Thema also. Aber so, wie es in "Wer Wind erntet, sät Sturm" (Drehbuch: Wilfried Huismann, Dirk Morgenstern, Boris Dennulat) angepackt wird, ist man doch irgendwann ermattet. Filmemacher Florian Baxmeyer ist inzwischen eine Art Hausregisseur für die "Tatorte" von Radio Bremen. Er hat für die Lürsen/Stedefreund-Folgen schon gekonnt gesellschaftliche Themen wie die Flüchtlingsproblematik im Mittelmeer aufgegriffen, aber auch sonderbar ins Leere laufende Grotesken wie die Hochzeitsgeiselnahme vor drei Jahren fabriziert. Baxmeyers neuer Film ist wieder diffus geraten.

Liegt in den politischen Absurditäten der Energiewende auch Sprengstoff, sind die Charaktere wie der zum ruchlosen Unternehmer gewendete Umweltschützer oder der sich als Öko ausgebende Raubtierinvestor auch interessante Figuren - am Ende fällt alles Brisante und Pikante dem Relativismus der Erzählung zum Opfer. Eine Haltung lässt sich aus diesem Sammelsurium der Zweifel und Einwände nicht erkennen. Gut oder böse? Keine Ahnung. Darauf erstmal eine schöne Kilowattstunde Atomstrom!


"Tatort: Wer Wind erntet, sät Sturm", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
espet3 12.06.2015
1.
Wann ist die deutsche TV-Seele ausreichend mit erfundenem Mord und Todschlag versorgt? Es gibt doch genügend Kriminalität live im Land.
Kismett 12.06.2015
2. Was?
Ein Tatort des Staatsfernsehens, in dem die Ökos nicht als Übermenschen und Retter des bösen Systems dargestellt werden? Sondern als das, was die meisten in diesem Lande (und m Ausland) schon seit Jahren denkt: als völlig bornierte Spinner. Selbst das Bessermenschen-Fernsehen nimmt es allmählich zur Kenntnis und gibt den Autoren entsprechende Anweisung für die Drehbücher, um den Kotzfaktor zu verringern.
Olaf 12.06.2015
3.
Zitat von espet3Wann ist die deutsche TV-Seele ausreichend mit erfundenem Mord und Todschlag versorgt? Es gibt doch genügend Kriminalität live im Land.
Die ist aber leider zum größten Teil politisch inkorrekt, daher wird sie ausgeblendet. So ist das Böse in der deutschen Krimiwelt reich, weiß, männlich und in Industrie oder anderen Großbetrieben tätig. Das Gute weiblich, (meist auch weiß) und beim Staat oder selbstständig in politisch korrekten Berufen mit hohem Status. Gerne natürlich Kommissarin, aber auch Journalistin, Lehrerin oder Reiterhofbesitzerin geht.
ir² 12.06.2015
4.
Ökostrom kann gar nicht tödlich sein. Es ist immer der Anteil Kohle- und Atomstrom der im Strommix zu Kammerflimmern führt. Von daher sollte man den Tatort erst gar nicht senden, er verdreht nur die Fakten zur "Energiewende", das Projekt mit dem Deutschland das Klima und die Welt rettet...
angst+money 12.06.2015
5. ein Anfang
Da das Thema noch in weiten Kreisen auf der Gut/Böse-Ebene diskutiert wird, ist es doch ein nobler Versuch, das zarte Pflänzchen der Erkenntnis auszusäen. Für die "Der Spiegel zerreißt ihn, also ist er gut"-Klientel genau das Richtige. Ansonsten ist es halt bei den meisten Tatort-Teams so wie mit allen Produkten: Erst mit viel Trara eingeführt, dann auf Billigproduktion von der Stange umgestellt. Und kaum einer merkt's.
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