Kultur

Anzeige

Grandioser "Tatort"-Saisonauftakt

Es kann nur einen geben

Ein "Tatort" komplett ohne Schnitte: Regisseur Dani Levy inszeniert den Giftanschlag auf einen Musiker mit Backstage-Ermittlungen in einem einzigen langen Take. Schuld und Bühne, hoch verdichtet.

Von

Freitag, 03.08.2018   10:19 Uhr

Anzeige

Die Kamera ist der Star. Sie fliegt zwischen den Figuren hin und her, sie saust aus der Lobby des Kultur- und Kongresszentrums Luzern in den Backstagebereich, von der Bühne auf die Toilette. Sie stürmt aus dem Gebäude auf die Straße, drängt sich in ein Auto, springt wieder raus und hängt sich an ein Fahrrad ran. Die Schauspieler sind in diesem athletischen Akt der Entfesselung eher Statisten.

Einer bringt es in einer Szene selbstironisch auf den Punkt, frontal spricht er in die ihn mitleidlos verfolgende Kamera: "Ich hatte lediglich den Auftrag, den Weg von der Damentoilette in die Bar zu füllen. Selbstverständlich mit Relevanz." Ein Auftrag, dem der Schauspieler ziemlich atemlos nachkommt.

Anzeige

Auch die Ermittler haben gegen die Präsenz der Kamera kaum eine Chance. Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) purzelt erst nach der ersten Hälfte des "Tatort" im Fußballfan-Dress in die Handlung; immerhin die richtige Aufmachung, um in dem sportiven Inszenierungsstil dieses Krimis zu bestehen. Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) irrt im Abendkleid zwischen Gängen und Garderoben hin und her; sie war als Zuhörerin ins Kultur- und Kongresszentrum gekommen.

Das Jewish Chamber Orchestra spielt an diesem Abend Stücke von verfolgten und ermordeten jüdischen Komponisten. Eine Charity-Veranstaltung, die vom Milliardär, Mäzen und Menschenfreund Walter Loving (Hans Hollmann) initiiert wurde. Zwei Mitglieder des Orchesters wollen das Konzert nutzen, um eine ganz andere Geschichte über den Menschenfreund zu erzählen: Er soll sich im Zweiten Weltkrieg als Fluchthelfer verfolgter Juden ruchlos bereichert haben. Bevor die Geschichte erzählt werden kann, wird einer der Musiker vergiftet. Er wankt von der Bühne, kollabiert backstage.

Holocaust-Opfer, Holocaust-Gewinnler

Anzeige

Und die Musik spielt immer weiter. Es ist das große Kunststück dieses "Tatort", wie er in Echtzeit in verschiedenen Ecken der Luzerner Kulturstätte die schwierigen personellen Verflechtungen und moralischen Verstrickungen nachzeichnet, während der Eindruck erzeugt wird, im Saal spiele das jüdische Orchester weiter die Stücke ermordeter Komponisten.

"Die Musik stirbt zuletzt", so der Titel dieser außergewöhnlichen "Tatort"-Episode, wurde in einem Take aufgenommen. Das heißt, es wurden für den fertigen Film keine Schnitte gesetzt, was das Gefühl verstärkt, alles sei im Fluss. Als Vorbilder nennt Regisseur Dani Levy Alfred Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" (1948, erzeugte damals die Illusion, in einem Take aufgenommen worden zu sein) und Sebastian Schippers Party-Film "Victoria" (2015, besteht tatsächlich aus einem einzigen, 140-minütigen Take).

Aufgrund des Bühnen-Settings fühlt man sich bei Levys "Tatort" aber vor allem an Alejandro González Iñárritus "Birdman" (2014) erinnert, wo das Publikum der Premiere einer Theateraufführung beiwohnt. Es folgt in einem langen, nervösen Rundgang den Figuren durch den Backstage-Trubel - die Schnitte in "Birdman" sind nicht zu sehen. Im "Tatort" nun gibt es tatsächlich keine Schnitte, was die Intensität der Story um Holocaust-Opfer und Holocaust-Gewinnler verstärkt. Schuld und Bühne, visuell hoch verdichtet.

Keine nervige Nachsynchronisierung

Gedreht wurden zwei Takes in Hochdeutsch und zwei in Schweizerdeutsch, die jeweils besten wurden dann für die Ausstrahlung ausgewählt. Ein Verfahren, das an die Frühzeit des Tonfilms erinnert, als Regisseure englische und deutsche Versionen ihrer Werke in Szene setzten. Nebeneffekt: Das bundesdeutsche Publikum wird jetzt nicht mit einer monotonen Nachsynchronisierung des Schweizer Originals genervt, wie das sonst oft beim Schweizer "Tatort" der Fall war.

Zwar sind die theaterhaften Meta-Monologe, die eine der Figuren frontal in die Kamera spricht, zuweilen arg manieriert ("Im Fernsehen darf man nicht rauchen, zumindest nicht die positiven Figuren. Fuck it!"), und die Dialoge wirken oft statisch ("Ich bring ihn um, wenn er sich zwischen uns stellt"). Trotzdem zeigt Kameramann Filip Zumbrunn eine virtuose Beweglichkeit: Wie er hier stets zu Stelle ist, wenn die Figuren Relevantes offenbaren, wie er ihnen immer auf den Fersen bleibt, wenn sie sich aus der Geschichte stehlen wollen, wie er aus der Endlosbewegung heraus selbst in der verspiegelten Toilette 360-Grad-Pirouetten dreht, ohne sichtbar zu werden, das hat man so im deutschsprachigen Fernsehen noch nicht gesehen.

Gleichzeitig schaffen Levy und Zumbrunn in diesem atem- und pausenlosen Kameraflug dann am Ende doch noch Raum für große schauspielerische Momente. Etwa als der 85-jährige Schauspieler Hans Hollmann in seiner Rolle als zwielichtiger Mäzen zum großen Legitimierungsmonolog ansetzt - die Musik verstummt, die Kamera kommt zur Ruhe, die Schuld wird offenbar. Allen kleinen Mängeln zum Trotz: großes "Tatort"-Kino.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Tatort: Die Musik stirbt zuletzt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH