Tschetschenen-"Tatort" aus Luzern Das Massaker, das kein Ende findet

Grosny ist überall: In der Schweiz tobt ein unübersichtlicher Konflikt unter Tschetschenen. So diffus die geopolitische Lage, so abstrus dieser "Tatort".

ARD/ SRF/ Daniel Winkler

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Die Mutter eine islamistische Selbstmordattentäterin, der Onkel ein Kriegsverbrecher? Die tschetschenischen Zwillinge Nura Achmadova (Yelena Tronina) und Nurali Balsiger (Joel Basman) ringen um die Rollen, die Mitglieder ihrer Familie in den Kriegen der Neunzigerjahre hatten. Opfer, Täter, Schuld, Unschuld - fern des Kaukasus versuchen die beiden, Ordnung in die Vergangenheit zu bringen.

Nura hat sich aus Tschetschenien nach Luzern durchgekämpft, sie will hier alte Rechnungen begleichen, im Handgepäck hat sie eine Armeepistole. Ihr Bruder Nurali hingegen wurde als kleines Kind von Schweizern adoptiert, heute macht er Karriere bei einem Versicherungskonzern, die tschetschenischen Altlasten sind nicht seine - denkt er zumindest: "Ich bin hier aufgewachsen, das ist euer Scheißkrieg."

Dann ist er natürlich trotzdem mittendrin in diesem Scheißkrieg, mitten in der Schweiz. Ein Luzerner Journalist, der sich mit der Aufarbeitung der Massaker von Grosny beschäftigte, wurde ermordet. Offensichtlich hatte er brisante Informationen gesammelt. Auf einmal ordnen sich die Informationen neu, die Familiengeschichte muss aufgerollt werden, Gut und Böse sind jetzt noch viel weniger auseinanderzuhalten.

Alte Wunde, neue Kriege

Die Botschaft dieses "Tatort": Grosny ist überall. Und: Das Massaker geht weiter. Natürlich ist die Grundannahme richtig, dass Kriegsverbrechen und Völkermorde, die nicht aufgearbeitet werden, weiter unheilvoll wirken - und das nicht nur an den fernen Orten, wo sie stattfanden, sondern auch direkt vor unserer Haustür in Mitteleuropa, wohin sich die Opfer geflüchtet haben und wo Täter möglicherweise unter falscher Identität abgetaucht sind. Die "Tatort"-Episode "Narben" über die kongolesische Community vor einem Jahr hat aufwühlend gezeigt, wie das Morden in Zentralafrika in Köln fortgesetzt wird.

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Schweiz-"Tatort": Der Krieg vor unserer Haustür

Aber in dem neuen Luzerner "Tatort" (Buch: Stefan Brunner, Lorenz Langenegger, Regie: Tobias Ineichen) ist die unübersichtliche ethnische und politische Gemengelage doch arg vereinfacht aufgelöst. Unser Krieg ist euer Krieg - das ist eine Verkürzung, die sich hier in einem Plot abstrus verkürzter Wege und Handlungsabläufe niederschlägt.

Auch Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) ist abstrus schnell drin im Tschetschenen-Konflikt: Als er nach einem Schäferstündchen mit einer Affäre im Luzerner Hof auf dem Balkon noch ein bisschen nachglüht, fliegt aus dem fünften Stock der Reporter aus dem Fenster und schlägt aufs Dach eines geparkten Autos - und Flückiger im ethnischen, religiösen und politischen Durcheinander des Tschetschenien-Konflikts auf, bei dem Opfer- und Täterrollen umso stärker zu verschwimmen scheinen, je mehr man sie zu ordnen versucht.

Was ist denn nun zum Beispiel mit dem Onkel? Im Verlaufe der Handlung zeigt er die Narben auf seinem Bauch, die ihm angeblich durch russische Folter beigebracht wurden, er bezichtigt die Mutter der Zwillinge, damals blind vor Hass gewesen zu sein und beschwört doch die alten familiären Bindungen. Ist er ein Kriegsverbrecher, ein Held des Widerstands, möglicherweise beides zusammen?

Durch die wild wuchernden Beschuldigungen und Selbstverteidigungen, durch die moralischen Camouflagen und die unübersichtlichen politischen Verstrickungen hoch bis zum russischen Geheimdienst schlagen die Filmemacher leider etwas arg grobe Erzählschneisen.

Und immer wenn sie sich doch zu verheddern drohen, behelfen sie sich mit extrem simplen Drehs. Etwa als die junge Tschetschenin ihren Bruder aufspüren muss, den der Onkel in ein Versteck verschleppt hat. Günstigerweise testet Nurali gerade für die Versicherung, bei der arbeitet, ein neues Ortungssystem für das Auto, so dass sich die junge, ortsfremde Tschetschenin einfach mit piependem Laptop zielsicher durch Luzern direkt zum Onkel bugsiert.

Noch unglaubwürdiger die Situation auf dem Polizeipräsidium, als der russische Botschafter vorspricht. Gerade wurde ein russischer Killer verhaftet, der Jagd auf Tschetschenen in Luzern macht. Und weil die Übersetzer knapp sind, bittet Flückiger den Botschafter mal eben jenseits des Protokolls den Tatverdächtigen zu interviewen. Ein Blick durchs verglaste Verhörzimmer, dann raunt Flückiger wissend: "Die kennen sich." Eine klare Bestätigung für den Kommissar, dass auch Russlands Regierung im Luzerner Ethno-Tohuwabohu mitmischt.

Noch Fragen? Viele! Obwohl doch alles so genau erklärt wurde, bleibt die Grunderkenntnis diffus: Schuldig sind irgendwie alle.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: Kriegssplitter", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 7 Beiträge
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kraftmeier2000 03.03.2017
1. Den Herren
Drehbuchschreiber/innen fällt eben nichts vernünftiges mehr ein, die Handlungen werden immer absurder, und die "Kommissare" scheinen meist auch alles nur Einzelgänger zu sein, und so viel schlechtes habe ich vor ein paar (bis auf einige Ausnahmen) Jahren beim Tatort nicht gesehen. Das Geld für diese Sendereihe könnte man sicher besser anlegen, entweder in zugekauften meist besseren Krimis, oder eben in Drehbuchschreiber die Ihren Job auch verstehen.
nolabel 03.03.2017
2. Sanierung bitte
Der Schweizer Tatort muss grundsaniert werden, d.h. neue(r) Kommissar(in) und bessere Drehbücher. Ich kann mich an keine gute Folge erinnern. Stefan Gubser ist einfach kein guter Schauspieler.
egonon 03.03.2017
3. Gut, dass ich kein Hardcoremasochist bin,
denn dies Tatorte haben sich doch schon lange überlegt und werden mehr und mehr ein Ärgernis und zwar gleich, wo sie produziert werden. Also Glotze abschalten und SPIEGEL lesen. Da hat man wenigstens etwas davon.
chueau 04.03.2017
4. ...wie geht das?
Die Schweizer-Tatorte sind in keiner Hinsicht schlechter als die deutschen Versionen. Kommt mir vor, aus grundsätzlichen Überzeugungen diese einfach immer schlecht zu machen. Genau genommen sind viele deutsche Tatorte vollkommen übertrieben, vielfach völlig nicht reale Darstellungen!!
cafe-wien 04.03.2017
5. Seltsames Phänomen
Während ich die extrem schlechten Tatorte aus Ludwigshafen und Bremen, insbesondere die überbezahlten Edelkomparsen Ulrike Folkerts und Sabine Postel explizit ablehne und fordere, dass diese eher heute als morgen aus dem Programm zur Geldverschwendung genommen werden, habe ich zu den Schweizern überhaupt keine Haltung. Sie lösen in mir gar nichts aus. Ich habe überhaupt keinen Zugang zu denen. Keine Emotionen, keine Identifikation, kein Witz, kein Humor, keine nachvollziehbaren persönlichen Verzwickungen der Protagonisten - einfach gar nichts. Nicht einmal Hass kann ich denen gegenüber entwickeln. Völlig frei von jeglichen Gefühlen und von jedem Interesse gucke ich sie einfach nicht. Nie. Woran das liegt, ist mir bis heute nicht klar.
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