Neuer ARD-"Tatort" Alm-Öhi läuft Amok

Schunkelnde Chinesen und gierige Geldhaie - was geschieht da auf der Alm? Im neuen Schweizer ARD-"Tatort" droht der "Ausverkauf der Heimat". Ein rabiates Ende der Sonntagskrimi-Sommerpause, bei dem die Eidgenossen ungewohnte Lust auf Gewalt zeigen. Riech an meiner Mistgabel, Investor!

SWR

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Wie viel kostet eigentlich ein Berg? Oder, ein bisschen kleiner gedacht, eine attraktive Hanglage? Antwort: ziemlich genau die Summe, die der Kleinbauer, der die Wiesen darauf bewirtschaftet, als Schuldlast auf seinen Hof angesammelt hat. Mit einer sechsstelligen Summe an Franken ist man als pfiffiger Investor also dabei; man muss nur noch einen willigen Regionalpolitiker finden, der die neu erworbene Fläche von einer Landwirtschafts- in eine Touristikzone umwidmet, und schon steht ein neues Wellness-Hotel am Hang.

Das jedenfalls ist der Grundkonflikt im neuen Schweizer "Tatort", mit dem die ARD dieses Wochenende die Sommerpause der Neuausstrahlungen von Sonntagskrimis beendet. Objekt der Begierde ist ein Bauernhof mit angeschlossener Rustikalgastronomie auf der Wissifluh am wunderschönen Vierwaldstädtersee.

Hoch hinaus geht es dort in den engen Gondeln einer Einseilpendelbahn. Oben erwartet einen dann Bauer Rolf Arnold (Peter Freiburghaus), der jeden, der ihm verdächtig vorkommt, mit seiner Mistgabel bedroht. Es verwundert also nicht, dass der aufgebrachte Alm-Öhi nach dem Mord an einem Investor ins Visier der Ermittler gerät. Der Finanzmanager wollte vor seinem Tod die Wissifluh kaufen, und um den Deal einzufädeln, hatte er sicherheitshalber noch eine Affäre mit Arnolds Tochter Claudia (Sarah Sophie Meyer). Jetzt liegt sein zerschellter Körper unter der Seilbahn, jemand hat ihn nachts aus der Gondel geschmissen.

Was macht der Kommissar im Schweinestall?

Der Mord fand ausgerechnet während einer Party zum 1. August statt, dem Nationalfeiertag, mit dem die Schweiz ihres Gründungsmythos' gedenkt. Zuvor hatte noch der mit dem Hubschrauber eingeflogene und aus den letzten Schweizer "Tatort"-Folgen bekannte Regierungsrat Mattmann (Jean-Pierre Cornu als unangenehmster Bürokrat im ganzen "Tatort"-Land) eine Rede gehalten und proklamiert: "Die Schweiz gehört uns allen."

Ein Satz, der immer unglaubwürdiger wirkt, je länger Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) und seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) unter Bankberatern, Steueranwälten und Regierungsbeamten ermitteln. Faule Kredite für Kleinbauern, angenehme Steuersätze für das angelockte Kapital und extrem flexible Politiker, die Bergland zu Bauland umdeklarieren, erwecken eher den Eindruck, die Alpen sollten privatisiert werden.

Der Ausverkauf der Heimat: Dieses in der Schweiz zur Zeit hochaktuelle Debattenthema wird in "Hanglage mit Aussicht" (Regie: Sabine Boss, Buch: Felix Benesch) zu einem Krimi verarbeitet, der mit Wucht in die Kontroverse eingreift. Der Plot wird da schon mal der Botschaft untergeordnet.

Nach über zehn Jahren "Tatort"-Pause war der SRF2011 mit einer desaströsen Folge in den "Tatort"-Verbund zurückgekehrt, im Juni dieses Jahres hatte man überraschenderweise eine extrem feinsinnige nachgelegt. Hier nun gehen die Verantwortlichen mit einem rabiaten Skeptizismus gegenüber dem Schweizer Finanzsystem an die Arbeit: Der drohende Amoklauf von Alm-Öhi Arnold, der mit Landwirtschaftsgerät und entwendeten Polizeiwaffen antritt, um seinen Hof zu verteidigen, wird als plausibel und stolz dargestellt - riech' an meiner Mistgabel, Investor! Und als der aufgebrachte Bauer zwischenzeitlich in den Bau muss, zieht sich Kommissar Flückiger Gummistiefel an und fegt solidarisch den Schweinestall aus.

Bei aller schwielen- und schweinemistseligen Heimatverbundenheit pochen die "Tatort"-Macher aber nicht auf sprachliche Hoheit: Für die Ausstrahlung in der ARD wurde die Schweizer Episode über weite Strecken synchronisiert, zum Großteil von den Schauspielern selbst. Das Original, so räumt Kommissar-Darsteller Stefan Gubser ein, wäre dem ARD-Primetime-Publikum nicht zuzumuten gewesen. Es hätte den Krimi schlichtweg nicht verstanden.

Zuzumuten ist den bundesdeutschen Ohren offensichtlich auch keine Schweizer Volksmusik. Die Ehefrau des Toten ist ein abgehalfterter Star in diesem Genre. Einmal müssen die Kommissare sie in einer auf traditionell getrimmten Großschenke verhören. Die Sängerin hat gerade Soundcheck, aber das Lied wird nur kurz angestimmt. Als die Ermittler gehen, kommt das Publikum - ein paar Busladungen Chinesen. Volksmusik, das ist eine weitere Erkenntnis in dieser rabiaten Heimatreflexion, hat nur eine Überlebenschance: als Exportgut.


"Tatort: Hanglage mit Aussicht", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Dieser Artikel ist der Auftakttext zur neuen TV-Krimi-Saison. Ab jetzt werden Sie wieder am Freitag in der "Fadenkreuz"-Kolumne und am Sonntag im Schnellcheck über die aktuellen "Tatorte", "Polizeirufe" etc. informiert.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
jottlieb 24.08.2012
1.
"Das Original, so räumt Kommissar-Darsteller Stefan Gubser ein, wäre dem ARD-Primetim ae-Publikum nicht zuzumuten gewesen. Es hätte den Krimi schlichtweg nicht verstanden." Mein Gott, dann soll man eben Untertitel einblenden. Aber diese synchronisierten Tatorte gehen mal gar nicht, die sind einfach unglaubwürdig (in der Schweiz redet man nun mal Schweizerdeutsch) und es sieht auch doof aus, wenn die Mundbewegungen nicht zur Sprache passen.
zaktb77 24.08.2012
2. Sprachliche Bevormundung
Gibt es den irgendeine Möglichkeit die Orginalfassung auch in Deutschland zu konsumieren? Warum es der ARD nicht möglich ist dies in Zweikanalton zu senden, ist mir schleierhaft.
fancyfrog 24.08.2012
3.
Zitat von zaktb77Gibt es den irgendeine Möglichkeit die Orginalfassung auch in Deutschland zu konsumieren? Warum es der ARD nicht möglich ist dies in Zweikanalton zu senden, ist mir schleierhaft.
Zumindest in Baden-Wuerrttemberg empfaengt man auch das Schweizer Fernsehen ueber Kabel. Und SF1 sendet natuerlich die Originalfassung - am So ab 20:05. Werde ich mir definitiv anschauen, denn ich verstehe Schwyzerduetsch (*so* unverstaendlich ist es nun auch wieder nicht) und Schweizer, die lupenreines Hochdeutsch reden, sind mir eher suspekt. Wenn man bei der ARD denn glaubt, synchronisieren zu muessen, warum dann nicht mit Stimmen, die zumindest glaubhaft schweizerisch klingen, z.B. auf dem Niveau eines Josef Ackermann? (sorry fuer das konkrete Beispiel, aber mir faellt sonst niemand mit in D grossem Bekanntheitsgrad ein, der einen schweizerischen Tonfall hat).
prefec2 24.08.2012
4. Wozu gibt es das Internet?
Zitat von zaktb77Gibt es den irgendeine Möglichkeit die Orginalfassung auch in Deutschland zu konsumieren? Warum es der ARD nicht möglich ist dies in Zweikanalton zu senden, ist mir schleierhaft.
Die Schweizer senden den Tatort schlauerweise ebenfalls. Siehe dazu: Was läuft im Fernsehen - TV-Programm von SF (http://www.tvprogramm.sf.tv/26.08.2012) Da sie zudem auch noch ein online Video-Portal haben, kann man das schöne Stück auch im Norden noch empfangen. Die Schweizer können das BTW zweisprachig senden. Ob das auch für's Portal gilt, weiß ich natürlich nicht.
Dirk Schmidt 24.08.2012
5. Zweikanalton
Seit DVB(-S, -C, -T) dürfte es wohl kein Problem mehr sein, einen Film in mehreren Tonfassungen auszustrahlen. Liebe ARD, nutzt doch bitte in Zukunft diese Möglichkeiten einfach, die Tonspur liegt doch wohl vor?
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