Nachtschwarzer "Tatort" aus der Schweiz Sterben ist blanker Egoismus!

Die Nacht der lebenden Leichen: Der Schweizer Kommissar Reto Flückiger ermittelt zwischen Menschen, die schon lange gestorben sein sollen. Der "Tatort" als Horror-Elegie.

ARD/ Daniel Winkler

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Was tun, wenn sich wieder mal ein Mensch vor dein Fahrzeug geschmissen hat? Beschimpf ihn ruhig, tritt auf ihn ein, richte deine ganze Verzweiflung gegen ihn. Er merkt es ja sowieso nicht mehr. "Du verdammtes Arschloch!", brüllt der Reisebusfahrer Beni Gisler (Michael Neuenschwander) die Leiche an, die da zerquetscht zwischen den Rädern liegt, dann malträtiert er, wieder und wieder, den toten Körper mit Tritten.

Schon wieder ein Mensch, der sich selbst umgebracht hat. Dabei hat Beni Gisler doch extra den Job gewechselt, zuvor war er Lokführer, doch in fünf Jahren ist ihm gleich zweimal jemand vor den Zug gesprungen. Die Toten verfolgen ihn noch immer. Als Reisebusfahrer wollte er ihnen davon rasen. Und jetzt liegt da schon wieder ein Haufen Fleisch, der mal ein Mensch gewesen ist, unter dem von ihm gelenkten Fahrzeug.

Kommissar Flückiger (Stefan Gubser), der zur Unfallstelle gerufen wurde und den Busfahrer noch von der gemeinsamen Militärzeit kennt, versucht dem anderen Beistand zu leisten. Er sagt: "Es ist eine Sauerei, dass Unschuldige reingezogen werden." Der andere erwidert in seiner Wut: "Das machen die immer so." Am Ende des Gesprächs sagt der Kommissar, der noch viel mehr Leichen als der Busfahrer gesehen hat: "Du darfst das nicht persönlich nehmen, wenn ich in meinem Job alles persönlich nehmen würde."

Aber was ist persönlicher, als jemanden mit seinem Auto zu überrollen, was ist persönlicher, als jemanden vom Leben in den Tod zu befördern, egal ob freiwillig oder unfreiwillig?

Sterben ist blanker Egoismus!

Schaut man "Tatort", könnte man auf die Idee kommen, dass die Schweizer ein sehr lebensmüdes Volk sind. Vergangenes Jahr zur selben Zeit lief eine Flückiger-Folge zur Sterbehilfe, ein Debattenkrimi, der das Thema bis ins letzte Pro- und Kontra-Argument ausformulierte, bis keine eigene Haltung mehr erkennbar war. Der aktuelle Suizidkrimi, der einige unvorhergesehen Wendungen nimmt, ist nun das genaue Gegenteil, die Verantwortlichen scheren sich nicht darum, was beim Thema Freitod passend und pietätvoll sein könnte, sondern hauen unvermittelt die zornige Botschaft raus: Sterben ist blanker Egoismus! Das Leid und die Trauer, den Ärger und den Abfall haben die zu ertragen, die zurückbleiben.

Eine Botschaft, die von den Filmemachern auch auf einer zweiten Ebene der Handlung transportiert wird: Die Leiche, die unter dem Reisebus liegt, gehört möglicherweise zu einem Unternehmer, der eigentlich bereits 2004 beim Tsunami in Südostasien gestorben sein soll. Kann es sein, dass der Mann, der zur Zeit seines Verschwindens vor der Pleite stand, die ganze Zeit Familie und Freunde getäuscht hat? Hat jemand bei seinem Tod nachgeholfen? Möglicherweise ein nahestehender Mensch, der ihm seinen feigen, egoistischen Abgang vor 13 Jahren nicht verziehen hat?

"Zwei Leben" (Buch: Felix Benesch und Mats Frey, Regie: Walter Weber) ist streckenweise klobig konstruiert, jeder ist hier irgendwie mit jedem verbandelt, das ist nicht immer ganz plausibel. Aber als Krimidrama darüber, wie die Toten die Lebenden im Griff haben, entwickelt dieser "Tatort" einen zombiesken Sog.

"Flück", wie der Kommissar von seinem alten Kumpel genannt wird, sieht in diesem nachtschwarzen "Tatort" besonders blass aus. Einmal sagt er: "Vielleicht würde mir eine Therapie auch mal gut tun." Ach was. Ein bisschen Irrsinn schadet nicht, wenn man zwischen lebenden Toten und toten Lebenden ermittelt.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

"Tatort: Zwei Leben", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Hinweis: Wir haben den Namen des Regisseurs korrigiert.

insgesamt 4 Beiträge
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thd1958 15.09.2017
1. Na also ...
... der Sonntagabend ist wieder gerettet ... Nach dieser einladenden Kritik werde ich mir den Tatort auf keinen Fall entgehen lassen. Danke, SPON ... Danke ARD ...!
kohlheinz 17.09.2017
2. Der letzte Mist
Es ist absolut rätselhaft, wie man einen solchen konstruierten und langweiligen "krimi" (offiziell genre des Tatort) derart uberinterpretieren kann. Einzig das psychische Leiden der Hauptperson ist gut getroffen.
peter_rot 17.09.2017
3. Kein schlechter Tatort
Grundsätzlich war der Tatort nicht schlecht. Das Thema Belastungstrauma wurde schauspielerisch gut dargestellt, und ist für jeden von uns, der etwas schlimmes erlebt ein Fakt. Das sollte man nicht unterschätzen. Die übrige Handlung war nicht unspannend. Die Kommissare und besonders der Chef recht gut dargestellt. Durch die Nach-Synchronisation waren alle Schauspieler auch gut verständlich. Die Schleife mit der Psychologin war etwas überdreht.
Bondurant 18.09.2017
4. Eine große Schwäche
Zitat von peter_rotGrundsätzlich war der Tatort nicht schlecht. Das Thema Belastungstrauma wurde schauspielerisch gut dargestellt, und ist für jeden von uns, der etwas schlimmes erlebt ein Fakt. Das sollte man nicht unterschätzen. Die übrige Handlung war nicht unspannend. Die Kommissare und besonders der Chef recht gut dargestellt. Durch die Nach-Synchronisation waren alle Schauspieler auch gut verständlich. Die Schleife mit der Psychologin war etwas überdreht.
aller Schweizer Tatorte: offensichtlich "original" in Schwyzerdeutsch gedreht und dann nachsynchronisiert, aber schlecht! dadurch entsteht ein völlig flacher Dialog-Tonfall. Das ist einfach Mist. Lieber Untertitel.
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