Verschobener Terror-"Tatort" aus Dortmund Kein Gott unter dieser Nummer

Sicherheit ist eine Illusion: Der Terror-"Tatort" aus Dortmund sorgt schon vor der Ausstrahlung für Diskussionen. Ein Krimi mit viel Sprengkraft - und viel Küchenpsychologie. (Achtung: Dieser Text enthält Spoiler!)

WDR/ Frank Dicks

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Das Ende dieses Dortmunder "Tatorts" ist bereits bekannt: Ein Transporter rollt auf einen öffentlichen Platz, eine Autobombe wird gezündet, dann liegen rund ein Dutzend Tote und Verletzte auf dem Steinpflaster. Die WDR-Verantwortlichen sind vermutlich erzürnt über solche Spoiler, man würde sie ihnen ja gerne ersparen, aber es versteht die Debatte über diesen "Tatort" nun mal leider nur, wer eben dieses Ende kennt.

Denn das finale Schreckensbild hatten die Programmkoordinatoren der ARD Ende letzten Jahres zum Anlass genommen, um den Krimi vom 1. Januar auf einen unbestimmten Sendeplatz ins Frühjahr zu verschieben: Der fiktionale Gewaltakt mit islamistischem Hintergrund kurz vor Abspann hatte starke Ähnlichkeiten mit dem realen islamistischen Gewaltakt kurz vor Weihnachten in Berlin. Aus Pietätsgründen entschloss man sich zur vorläufigen Streichung. Zuvor hatte es senderintern Streit darüber gegeben, was dem Zuschauer zugemutet werden kann und was nicht. Dieser "Tatort" ist also schon vor Ausstrahlung ein Politikum.

Auch deshalb, weil er zeigt, welcher Grad an Welthaltigkeit offensichtlich unzulässig ist in einer Reihe, die doch gerade für ihre Welthaltigkeit gefeiert wird. Da erlebt der Zuschauer im "Tatort" mal eine Deckung mit seiner Wirklichkeit, da ist diese Deckung auch schon wieder zu viel.

16 Wochen nach Berlin, zwei nach Sankt Petersburg

Was zu einer sehr schwierigen Frage führt: Wann ist denn eigentlich der richtige Zeitpunkt gekommen für einen Film über den Terror, wenn der Terror allgegenwärtig ist? Darf man ihn 16 Wochen nach dem Berliner Anschlag zeigen, obwohl das auch nur drei nach dem von Sankt Petersburg sind, zwei Wochen nach dem in Stockholm und sogar nur ein paar wenige Tage nach dem auf den Bus der BVB-Spieler? Wo ist der Terror zu nah, wann ist er in seiner Auswirkung zu ähnlich, um in einem "Tatort" gezeigt werden zu dürfen?

Wenn die Diskussion um die Ausstrahlung dieses "Tatort" eines zutage gefördert hat, dann das Gefühl der ständigen Bedrohung. Die spiegelt sich eben auch - sorry, schon wieder ein Spoiler - in der Dramaturgie des Krimis, durch die die Katastrophe genau in jenem Moment losbricht, in dem die Polizei alles im Griff zu haben scheint. Die verstörende Botschaft lautet: Völlige Sicherheit ist eine Illusion.

Das gilt natürlich insbesondere, wenn einer im Einsatz ist wie Peter Faber (Jörg Hartmann), der psychisch angeschlagene Polizist, der gerne mal vergisst, seine Psychopharmaka zu schlucken, und der auf Eskalation schaltet, wenn er eigentlich Gefahrensituationen auflösen soll. Nach dem Motto: Brauchst mir gar nicht irre zu kommen, irre bin ich selbst.

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Faber-"Tatort": Der deutsche Dschihad

In der neuen "Tatort"-Folge trifft der Bulle mit dem Pillenblick auf einen Mann, der wie ein islamistischer Selbstmordattentäter agiert: Muhammad Hövermann (Felix Vörtler), ein zum Islam konvertierter deutscher Bankangestellter, hat sich mit Sprengstoffgurt in der Innenstadtfiliale seines Arbeitgebers verschanzt. Zwei Polizisten sind schon erschossen worden, Faber will den offensichtlich zu allem Entschlossenen zum Aufgeben überreden. Während der andere - offensichtlich im Auftrag des "Islamischen Staates" - Geld auf fremde Konten schiebt, verwickelt ihn Kommissar Faber in ein Gespräch über Glaube, Liebe und Gewalt.

Islamistische Ideologie, westliche Küchenpsychologie

Ein weiterer "Tatort" über den deutschen Dschihad also. Der Heilige Krieg war neben dem Cyberwar das große "Tatort"-Thema 2016. Zu oft aber wird für die Krimi-Reihe die schwer überschaubare islamistische Ideologie mit westlicher Küchenpsychologie verquickt, so wie das auch schon im Kieler "Tatort" über eine deutsche Teenager-Salafistin zu sehen gewesen ist.

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Ein Fehler, der nun in Dortmund wiederholt wird (Regie: Richard Huber). Der Bankangestellte mit möglicher IS-Connection entpuppt sich im Gespräch mit Faber als fürsorglicher Familienvater, der durch ungünstige soziale Umstände in die mörderische Situation geraten ist. Es ist aber auch eine schwierige Sache mit dem Islam: Der eine findet durch ihn zur Liebe, der andere zum Hass. So sinngemäß das Fazit, das der trotz umgelegtem Sprengstoffgürtel sympathisch nachdenkliche deutsche Konvertit dem Kommissar mit auf den Weg gibt.

Nach dem überkomplexen Dortmunder "Tatort"-Meisterwerk vom November 2016 gibt es nun eben einen unterkomplexen. Die Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler haben zwar formschön einen Parallelplot entwickelt, bei dem "Sturm" zum einen den Einsatz des SEK meint, zum anderen aber eben auch den dschihadistischen Terror. Aber leider bleiben die Figuren allesamt Behauptung, die soziale Interaktion erhält trotz krasser Dialoge keine Dynamik. Andauernd wird telefoniert, die Quelle des religiösen Furors bleibt trotzdem diffus. Kein Gott unter dieser Nummer.

Oder wie Faber einmal sein Gegenüber anschreit: "Die einen sprengen sich für Allah in die Luft, die anderen sagen, das hat mit Allah nichts zu tun. Das nervt. Ihr müsst euch langsam mal entscheiden."

Ein wunderbarer Satz - der allerdings auch die Unentschiedenheit hinter diesem Krimidrama zum Ausdruck bringt. Denn mag das explosive Ende grausame Assoziationen mit der Wirklichkeit wecken, die Idee, den Dschihad als deutsches Familiendrama zu erzählen, geht nicht auf. Umso bemerkenswerter, welche Sprengkraft dieser "Tatort" schon vor seiner Ausstrahlung entwickelt hat.

Bewertung: 5 von 10


"Tatort: Sturm", Ostermontag (!), 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
zimbosmurf 14.04.2017
1. Liebe SpOn-Redaktion...
...angesichts der Tatsache, dass nicht jeder sich sofort erinnert, dass im Januar mal ein Dortmund-Tatort wegen Terrorähnlichkeit verschoben wurde, und dass gerade in Dortmund ein Terroranschlag war, und der daraus resultierenden Verwirrung der Leser der Überschrift, ob der Dortmund-Tatort, der jetzt am Montag kommt, wegen des aktuellen Terroranschlags verschoben wurde, wäre es vielleicht ganz nett gewesen, den Spoiler nicht direkt an den Anfang des Artikels zu setzen!!!
aricom8 14.04.2017
2. Na, klasse....
es reicht nicht, sowieso ständig mit der Thematik konfrontiert zu werden. Sich immer wieder durch schrecklichste Ereignisse zu erschrecken und zu reflektieren etc. Habe nicht auch noch Lust, mir extra eine Tatort dafür anzuschauen. Und zwar leider zu oft. Mittlerweile.
heinrich.busch 14.04.2017
3. Ich habe den Film nicht gesehen,
aber der Kommentar zum Tatort zeigt das Problem grundsätzlich. Es gibt Gutmenschen die holen allerlei Verfolgte her ins Abendland ohne die geringste Ahnung von Religion, möglicherweise auch ihrer eigenen, und sind völlig entsetzt ob der religiös gefärbten Mentalität. Die Säkularisierung des Islams sollte im "Morgenland" erfolgen. Ganz viele Probleme, die wichtigsten vor allem würden gar nicht mehr sein. So wird es ein Dauerzustand. Wer das will sollte persönlich dafür haften, sprich auf Dauer dieses Fass ohne Boden allimentieren.
charliehebdomadaire 14.04.2017
4. Jetzt wollen wir alle wieder ...
... ganz viel Verständnis haben für alle Konvertiten und diejenigen, die schon von Haus aus diese Religion mitbringen, von der schon Mustafa Kemal Atatürk sagte, sie gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte, sei ein verwesender Kadaver, erfunden von einem unmoralischen Beduinen, der unser Leben vergifte.
stoffi 14.04.2017
5. TV mit Bildungsauftrag ?
Merkt ihr überhaupt noch was? Reicht die tägliche Bedrohung durch den Islam nicht aus? Einmal wegen Terror verschoben und jetzt wieder ein Anschlag, wo man nicht mehr verschieben will. Das kann ich verstehen, denn wer weiss, der nächste Anschlag kann schon bald kommen und es ergibt sich wieder kein Termin. Aber wir Zuschauer haben ja die Wahl einen anderen Kanal einzuschalten. Erst wenn die Quote sinkt, wird sich was ändern. Dreht lieber Krimis wie Wilsberg oder den Münster Tatort. Die finden sich nicht in der Realität wieder und unterhalten gut.
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