Noir-"Tatort" aus Dortmund Kindermörder sucht Familienanschluss

Neuanfang mit altem Bekannten: Im Dortmunder "Tatort" trifft Kommissar Faber den Serienkiller Graf wieder. Die beiden haben ein inniges Verhältnis - wunderbar kranke Krimikunst.

WDR/ Thomas Kost

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Der letzte Dortmunder "Tatort" endete mit einer Explosion, wie soll es bitteschön danach weitergehen? Dschihadisten waren mit einem sprengstoffbeladenen Transporter in die Menge gefahren; die Folge musste verschoben werden, weil sie zu sehr an den Anschlag am Berliner Breitscheitplatz erinnerte, der kurz vor dem ursprünglichen Sendetermin im Dezember 2016 verübt worden war. Zurück blieben nach der dann im April 2017 erfolgten Ausstrahlung dieser zehnten Dortmund-Folge ein Dutzend Leichen und vier versehrte Polizisten.

"Tollwut" soll nun aller Hoffnungslosigkeit zum Trotz eine Art Neuanfang sein, eine Wiederaufstellung der Ermittler für die nächsten zehn Folgen. Der Dortmunder Krimi ist ja der "Tatort", der am konsequentesten die horizontalen Erzähltechniken des Serienfernsehens berücksichtigt, mit dieser Episode beginnt nun gleichsam die zweite Staffel. Und wie sich das gehört für eine starke Serie, werden dann sofort wieder die alten Geister zum Leben erweckt.

In "Tollwut" geht es tatsächlich konkret um Leichen, die leben. Und um Phantome, von denen die Ermittler heimgesucht werden. Und um Traumata, die auch der beste Psychologe nicht bereinigt kriegt.

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"Tatort" mit Jörg Hartmann: Geliebter Killer

Einer der schönsten Sätze in diesem "Tatort" geht so: "Martina, Ich bin tot, akzeptier das. Ich atme nur noch." Er wird von einem Polizeimediziner (Thomas Arnold) gesprochen, der im Gefängnis mit Tollwut infiziert wurde und nur noch wenige Tage zu leben hat. Ein anderer schönster Satz geht so: "Sind Sie mies drauf, oder sind das schon Symptome?" Er wird vom Ermittler Faber (Jörg Hartmann) gesprochen, der in seiner unverwechselbar mitleidlosen Art den Mediziner zum Reden bewegen will.

Zufall? Wohl eher nicht

Große, fatalistisch funkelnde Dialoge entwickeln hier einen Sog, durch den der Zuschauer noch die riskanteste Plot-Wendung dieses Noir-Thrillers mitgeht: In einem Gefängnis wurde die Tollwut eingeschmuggelt, um dort für Chaos zu sorgen. In einer Zelle hockt auch der Serienmörder Markus Graf (Florian Bartholomäi), der auch für den Mord an Fabers Frau und Tochter verantwortlich sein soll. Zufall? Eher nicht.

Gewohnt manisch macht sich Faber an die Aufklärung des Tollwut-Komplotts - und behauptet, er tue das vor allem für den todgeweihten Polizeimediziner, der ja angeblich auch sein Freund sei. Nein, sagt da die Kollegin Dalay (Aylin Tezel): "Sie haben keine Freunde, Sie haben nur Graf."

Und tatsächlich verweist Dalay damit auf den paradoxen Kern der Kommissar-Killer-Beziehung: Die beiden vereinsamten Seelen entwickeln durch ihre intime Kennerschaft des jeweils anderen eine Nähe, die ihnen kein anderer Mensch geben kann.

Regisseur Dror Zahavi und Autor Jürgen Werner, der den "Dortmund"-Tatort entwickelt hat, erschufen zusammen auch schon die erste Folge mit dem Serienkiller Graf. Damals entstand zwischen Psychokiller und Psychocop diese Art von pervertierter Geborgenheit, an die sie jetzt locker anknüpfen konnten. Wer hier wen manipuliert, wird über lange Strecken nicht klar.

Die Verbundenheit der beiden ist mehr als spielerische Behauptung. In einer grausam gut gespielten Szene blickt Faber auf ein Gemälde, das Graf gemalt hat: eine realistische Abbildung seiner toten Tochter, die der Pädo-Kriminelle in Lolita-Pose arrangiert hat. Auf diese Weise will er eine Verbindung mit Faber aufbauen: Kindermörder sucht Familienanschluss.

Graf ist nicht das erste "Tatort"-Monster, das in Serie gegangen ist. Schon im Kieler "Tatort" trat Lars Eidinger als Kai Korthals, der Serienmörder mit Erlöseranspruch, in zwei Folgen auf. Die Faber-Graf-Verbindung scheint nun von noch längerer Dauer zu sein: Am Ende, wir verraten damit nicht zu viel, gibt es eine Telefonszene zwischen dem Kommissar und dem Killer, man fühlt sich ein bisschen an "Casablanca" erinnert. Das könnte der Neuanfang einer unheilvollen Freundschaft sein.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Tollwut", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 12 Beiträge
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wiesenflitzer 02.02.2018
1. Supi, ich freu mich drauf!
Endlich wieder der "bekloppte" Faber. Der Dortmund-TO ist doch derzeit der einzige, der quasi in der Champions-League spielt.
irukandji 02.02.2018
2. Die Sendungen werden immer sbsurder
da die normale Kriminalität ja zunimmt bzw. als Bedrohung so empfunden wird, muss man wohl bei den Drehbüchern nachrüsten, um immer realitätsfremde Szenarien zu bauen.
P.Delalande 02.02.2018
3.
Zitat von irukandjida die normale Kriminalität ja zunimmt bzw. als Bedrohung so empfunden wird, muss man wohl bei den Drehbüchern nachrüsten, um immer realitätsfremde Szenarien zu bauen.
Die "normale" Kriminalität hat sich seit 25 Jahren kaum verändert. Die Anzahl der registrierten Straftaten liegt, relativ gleichbleibend, bei etwa 6 Millionen Delikten. Dass die Kriminalität zunehmen würde, ist nichts weiter als eine der vielen populistischen Propagandalügen der letzten Jahre.
odenkirchener 02.02.2018
4. J.Hartmann
halte ich ja für völlig überschätzt, aber gegen den Ludwigshafener TATORT, ist es für die Dortmunder ein Leichtes, zu gewinnen. P.S.: Die Kölner sind da eher der 1.FC der TATORT Reihe. Mal ein gutes Spiel, aber ansonsten. . .
mariakäfer 02.02.2018
5. Endlich
Noch viel zu lange bis Sonntag. Ich kann die Figur Faber eins zu eins nachfühlen. Wer den für abgedreht hält, läuft mit verschlossenen Augen durch die Welt. Oder reflektiert sich selbst nie.
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