Dresden-"Tatort" über Versicherungskonzern Wir wollen Stromberg zurück!

Renditezwang, Missmanagement, Bürokrieg: Der Dresdner "Tatort" soll den strukturellen Wahnsinn der Versicherungsbranche zeigen. Funktioniert aber nicht. Wo ist Bernd Stromberg, wenn man ihn braucht?

MDR/ Wiedemann & Berg/ Gordon Mueh

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Begegnen sich ein Fahrradfahrer und ein Suizidgefährdeter im Rollstuhl auf der Mitte einer abschüssigen Straße. Der Fahrradfahrer schleppt sich im Schneckentempo hoch, der Rollstuhlfahrer rast in der Hoffnung auf einen schnellen Tod hinunter. Das ist ein Bild, das nicht so lustig ist, wie es von den Filmemachern vielleicht gemeint war - und das doch eine lustige Analogie zum Hauptproblem des Dresdner "Tatort" liefert: Das gesellschaftspolitische Thesenstück ächzt im sächsischen Fernsehrevier stets angestrengt vor sich hin, der Humor gibt Vollgas. Immer schön aneinander vorbei.

Das war so in der Folge über Obdachlose, in dem bumsbesoffene Clochards durch ein Szenario über Geschäftemacher im Sozialbereich torkelten. Das war so in der Folge über YouTube-Stars, in der schrill gekleidete Prankster und Influencer durch eine Generalabrechnung mit den kommerziellen Auswüchsen des Internet lärmten.

Und das ist nun auch so in der leider wieder nicht geglückten neuen Folge über Versicherungsschindluder, in dem die Büroaffen eines Konzerns mit dem Namen ALVA auf unterschiedliche Weise daran mitwirken, dass Unfallopfer nicht die korrekten Entschädigungssummen ausgezahlt bekommen.

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Sachsen-"Tatort": Wir versichern uns zu Tode

Der Rollstuhlfahrer am Anfang ist einer der geprellten Versicherungsnehmer; er macht nicht nur durch Suizidversuche auf sein Leid aufmerksam, sondern auch durch Protestaktionen vor dem Hochhaus der ALVA. Als einer der Oberaffen der Versicherung durch die schönen Panoramafenster im oberen Stock von einem Scharfschützen erschossen wird, weiß der Rollstuhlfahrer, der sich unten vor der Konzernzentrale mit Transparent angekettet hat: "Wenn hier wirklich einer erschossen wurde, können wir einpacken. Ein Toter schlägt einen Krüppel um Längen."

Renditezwang und Büroirrsinn

Erdacht hat sich diesen "Tatort" über Renditezwang und Missmanagement, um alltäglichen Büroirrsinn und kollegiale Missgunst unter anderem Ralf Husmann, der sich als Schöpfer der Versicherungs-Tragikomödie "Stromberg" bestens mit dem strukturellen Wahnsinn in dieser Arbeitswelt auskennt. Doch leider hilft auch die Beteiligung von Husmann (Co-Autor: Peter Probst, Regie: Franziska Meletzky) nicht, diesem "Tatort" die richtige Balance zwischen Humor und Botschaft zu verleihen.

In kleinen Dialog-Momenten blitzt der alte anarchische und entlarvende "Stromberg" -Geist auf, etwa wenn einer der verdächtigen Versicherungsmanager auf die Frage, weshalb er denn überhaupt nicht über den ermordeten Kollegen trauere, entgegnet: "Was finden Sie denn angemessen, Yoga, Fingerfarben, klassische Musik?"

Oder wenn eine der Ermittlerinnen trocken das Alibi eines Verdächtigen auseinandernimmt, der zur Tatzeit einen Döner bei einem Imbiss gegessen haben will, den es gar nicht gibt: "Soweit ist es schon gekommen, jetzt versauen die Türken den Deutschen schon ihre Alibis."

Klar, die "Tatort"-ALVA kann nicht die "Stromberg"-Capitol sein. Aber man muss sich doch beim Mitteldeutschen Rundfunk etwas dabei gedacht haben, wenn man ausgerechnet bei einem der renommiertesten und humorbegabtesten Autoren des Landes, dessen Meisterstück eben eine Versicherungs-Comedy war, einen Versicherungs-Krimi in Auftrag gibt. Sorry, wir wollen Stromberg zurück.

Es kann doch nicht sein, dass dieser "Tatort" um das eigentlich vielversprechende Ermittlerteam Sieland (Alwara Höfels), Gorniak (Karin Hanczewski) und Schnabel (Martin Brambach) eine weitere Nullnummer geworden ist, bei der Witz und Wut komplett aneinander vorbeilaufen. Akutes Fernsehredakteursversagen? Komplette Kommunikationspleite? Böswillige MDR-Intrige? Eine Fernsehanstalt ist wahrscheinlich auch nichts anderes als eine Versicherungsanstalt.

Wie zur Wiedergutmachung für diese Schmach hat man Husmann parallel zum regulären "Tatort" ein Web-Spin-off um das Dresdner Revier anfertigen lassen: In den rund fünfminütigen Etüden "Lammerts Leichen", die ab jetzt auf der Homepage der ARD stehen, geht es um den Gerichtsmediziner Falko Lammert (Peter Trabner), der im Untergeschoss des Reviers Dialoge mit den Toten führt. Eine kleine, offene Reminiszenz an den "Tatortreiniger", die allerdings nur noch umso deutlicher das Humorproblem des Dresdner "Tatort" auf den Punkt bringt: Zum Lachen wird der Zuschauer in den Keller geschickt.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Auge um Auge", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 12 Beiträge
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yoda56 10.11.2017
1. Vielleicht ganz gut,...
wenn er hier so verrissen wird.
sametime 10.11.2017
2. Muss ein guter Tatort sein.
Wenn Herr Buß einen Tatort verreißt, dann ist dieser sicher gut. Dass dieser fürchterliche und unlustige Stromberg-Mist gelobt wird, bestärkt mich nur.
illimani 11.11.2017
3. Wie auch in der Kritik erwähnt,
sind die Clips, "Lammerts Leichen", einfach genial und nur zu empfehlen. Der Link dazu ist im Artikel zu finden.
peter_rot 12.11.2017
4.
Zitat von sametimeWenn Herr Buß einen Tatort verreißt, dann ist dieser sicher gut. Dass dieser fürchterliche und unlustige Stromberg-Mist gelobt wird, bestärkt mich nur.
Hallo Sametime - stimmt genau. SPON macht schlechte Kritik und schon hat man wieder einmal einen guten hurmorvollen Tatort. Ich fand ihn gut im Gegensatz zu sehr vielen 10 von 10 Punkten Tatorten.
spon_2086561 12.11.2017
5. Respekt!
Mit dem Trommelrevolver drei Schüsse über 150 m Distanz und durch eine Glasscheibe abgeben und das Opfer mehrfach treffen... Chapeau! Wann wurden eigentlich die Redakteure entlassen, die beim Tatort wenigstens ein bischen auf Realitätsnähe geachtet haben???
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