Dresden-"Tatort" über Internetstars Tod durch YouTube

Das Internet ist böse, Kommerz ist King. Wie nervös muss die ARD sein, wenn sie im "Tatort" solch stumpfe Pauschalkritik gegen die Konkurrenz auf YouTube richtet?

MDR/ Gordon Muehle

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Das öffentlich-rechtlich Fernsehen observiert in diesem "Tatort" den Feind. Der heißt schon lange nicht mehr RTL, sondern YouTube. Und woran erkennt man diesen Feind? Daran, dass er die ganze Zeit marktschreierische Anglizismen ausstößt. So wie in diesem "Tatort" der zwielichtige Manager, der eine Reihe angehender Bibis und Y-Tittys unter Vertrag hat und der Dinge sagt wie: "Der Junge hat einen swag wie kein anderer." Oder auch: "Content is king, und er hat delivered."

Mit "er" ist der 17-jährige YouTuber Simson gemeint, der sich durch spektakuläre Streiche eine wachsende Fangemeinde erblödelt hat. Als letzte Aktion hat er live mit einer Drohne eine Rockerparty aufgemischt und durch eine offene Klotür einen Kuttenträger beim Stuhlgang gefilmt. Dann gab es Ärger, der junge Mann wurde erschossen, die Kamera lief. Höhepunkt des aus dem Ruder gelaufenen Pranks war also die Ermordung des Pranksters. Und das junge Dresden schaute auf Mobiltelefonen dabei zu.

Tod durch YouTube, das ist eine Pointe, die den Bossen von der ARD gefallen dürfte - zumal in diesem "Tatort" pflichtschuldig die kalkulierte Rundumverrohung des Klick-Geschäfts erörtert wird. Im Gespräch mit dem martialisch rappenden YouTube-Manager zeigt Kommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels), dass sie ihre Hausaufgaben gemacht hat, und erklärt dessen Geschäftsmodell: "Ein Euro pro 1000 Klicks, das macht bei rund 10 Million Klicks 10.000 Euro, dann kommt die Produktwerbung oben drauf."

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Sachsen-"Tatort": Immer Ärger mit dem Internetz

Mit den lustigen Aktionen des verstorbenen YouTubers hat der Manager also viel Geld verdient. Doch, so mutmaßt Ermittlerin Sieland im Lauf der Untersuchungen, Simson zog es wohl in seriösere journalistische Gefilde: "Er wollte lieber gesellschaftlich relevante Pranks machen." Nach ARD-Logik würde er beim öffentlich-rechtlichen Junge-Leute-Programm Funk landen oder mit einer Show im Nachtprogramm der ARD-Resterampe ONE. Ach, dann doch lieber 10 Millionen Klicks und 10.000 Euro auf YouTube machen.

YouTube als Glaubensbekenntnis

Dieser angestrengt jugendliche, angestrengt medienkritische, angestrengt mit dem Finger auf die Konkurrenz zeigende Fernsehkrimi ist etwas unglücklich in eine ARD-Themenwoche "Woran glaubst Du?" programmiert worden. Das Internet als Glaubensbekenntnis? Eher nicht. Der "Tatort" soll wohl dazu anregen, über Lüge und Wahrheit im Netz nachzudenken und darüber, wie kreditwürdig Internetstars sein können, die ihre Persönlichkeit nach klickrelevanten Kriterien aufmotzen. Klar, kann man drüber sprechen.

Aber bitte nicht so. Was wirklich nervt an diesem "Tatort": Wie wenig er sich in Wirklichkeit um sein Thema schert. Wie einfältig er seine Figuren zeichnet, wie einfallslos er die gängigsten Klischees zum Klickkapitalismus zwischen Beauty-Shopping und Prankstertum aneinanderreiht.

Das fällt umso mehr auf, wenn man diesen dritten "Tatort" aus Dresden mit dem ersten vergleicht. In dem wurde damals eine ebenso mächtige und obskure Parallelkultur ausgeleuchtet - die des deutschen Schlagers. Ironisch, klug und liebevoll war da die Welt der Stefanie Hertels und Achim Mentzels nachgebaut worden. Erdacht hatte sich das Dresdner Revier und die Schlager-Episode der "Stromberg"-Erfinder Ralf Husmann, der sich inzwischen sukzessive vom "Tatort" verabschiedet hat. Schade um die drei tollen Hauptdarsteller Alwara Höfels, Karin Hanczewski und Martin Brambach, die Husmann nun in einer Art Humorruine zurückgelassen hat.

Was ist da schon wieder los beim MDR? Fast ist schon wieder das Niveau vom Erfurter Revier erreicht, das man 2014 nach nur zwei Folgen abgewickelt hat. Dabei hat man als Autor für die aktuelle Folge Richard Kropf engagiert, der gerade mit der Gangsterserie "4 Blocks" gezeigt hat, wie modernes deutsches Fernseherzählen aussehen kann, und als Regisseur fungierte Gregor Schnitzler, der für die Weimarer "Tatort"-Folge "Der treue Roy" einen melancholisch-komischen Tonfall gefunden hat.

Und nun dieser "Tatort", in dem Vertreter der Generation YouTube grell überzeichnet werden, während sich der Humor in kulturpessimistischen Stoßseufzern erschöpft. Da klicken wir uns lieber durch ein paar alte Y-Titty-Videos.

Bewertung: 2 von 10 Punkten


"Tatort: Level X", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 9 Beiträge
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qoderrat 09.06.2017
1.
Das witzige an dieser Form der Missionierung mit erhobenem Zeigefinger ist ja, dass die Zielgruppe das Produkt überhaupt nicht wahrnimmt. Aber wenn es denn sein muss, das ÖR verbrennt auch mit anderen Formaten genug Geld. Wenn man es halt zu offenkundig macht, verliert man für die Zukunft halt weiter an gesellschaftlicher Relevanz. Kann in diesem Umfeld aber aus meiner Sicht überhaupt nicht schnell genug gehen.
Gläbbisch 09.06.2017
2. Das böse Internet...
Das öffentlich rechtliche Fernsehen macht ja kein Programm FÜR die Jugend sondern höchstens ÜBER. Das ARD-Publikum ist im Schnitt 60 Jahre und älter. Entsprechend ist auch die Perspektive wenn es um Themen wie das Internet geht. Das wird von vielen Älteren als zumindest merkwürdig, wenn nicht sogar bedrohlich wahrgenommen. Von daher ist es klar, dass bei Internet-Themen sämtliche Klischee-Register gezogen werden.
apopluto 09.06.2017
3. You tube ist Werbefinanzierung und...
Werbefinanzierung ist ungerecht. Werbefinanzierung ist undemokratisch. Werbefinanzierung trägt dazu bei, aus diesem Planeten schnellstens eine große, unbewohnbare Müllkippe zu machen. Reicht das, um Kritik daran für berechtigt zu halten.
betaknight 09.06.2017
4. Nunja
Wenn man sich moantlich durch eine Zwangsgebühr finanziert, kann man natürlich leicht den moralischen Zeigefinger erheben und auf andere zeigen. Ich bin selbst im Werbebereich tätig und kenne dadurch die Impression preise für die Verschiedenen Angebote, in dem Zusammenhang finde ich die im Tatort genannten Zahlen sehr amüsant. Jedenfalls bin ich über das Youtube Konzept sehr dankbar, weile s hier einige wirklich kreative und Intelligente Leute gibt, welche in usnerem Staatlichen gebührenfernsehen nie eine Chance bekommen. Und dies trotz eines angeblichen Bildungsauftrag der öffentlich rechtlichen Sender.
schwaebischehausfrau 10.06.2017
5. @apopluto: Ursache-Wirkung?
Zitat von apoplutoWerbefinanzierung ist ungerecht. Werbefinanzierung ist undemokratisch. Werbefinanzierung trägt dazu bei, aus diesem Planeten schnellstens eine große, unbewohnbare Müllkippe zu machen. Reicht das, um Kritik daran für berechtigt zu halten.
Glaube, Sie vertauschen da was? Unser Planet wird nicht durch Werbung "zur Müllkippe" , sondern durch Konsum, der Müll produziert und hinterlässt und durch Ressourcen-Verbrauch. Mir ist nicht bekannt, dass unsere staatlichen Sender a) auf Werbung verzichten und/oder b) täglich zum Konsumverzicht aufrufen.
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