Chaos beim Dresden-"Tatort" Tod durch Langeweile

Die Hauptdarstellerin ratlos, der Stammautor befremdet: Alwara Höfels und Ralf Husmann verlassen den Dresdner "Tatort". Das Ende eines großen Missverständnisses.

MDR/ Gordon Muehle

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Kein deutscher Autor schreibt komischere Drehbücher, kaum eine deutsche Schauspielerin hat mehr Witz. Trotzdem ist die Humorbilanz der gemeinsamen Arbeit von Ralf Husmann und Alwara Höfels für den Dresdner "Tatort" bescheiden. Jetzt ziehen die beiden Konsequenzen. Schon am Sonntag war bekannt geworden, dass Höfels dem sächsischen Fernsehrevier den Rücken kehrt, nun ging auch Husmann mit der Mitteilung an die Öffentlichkeit, dass er den "Tatort" verlässt.

Ein harter Schlag für den MDR. Allerdings kein überraschender. Schon länger war bekannt, dass Husmann mit der Fernsehspielredaktion fremdelte, SPIEGEL ONLINE berichtete darüber anlässlich der katastrophalen Sachsen-Episode über YouTube-Stars Anfang des Jahres.

Husmann vollzog über die verschiedenen Folgen einen Abschied auf Raten. War seine Handschrift am Anfang noch deutlich zu erkennen, so konnte man am Ende gar nicht mehr glauben, dass hinter den ungelenken Mixturen aus Sozialkritik und Schmunzelkrimi der Autor von "Stromberg" steckte. Die Geschichte des Dresdner "Tatort" war eine Geschichte der Missverständnisse.

Der Auftakt Anfang 2016 war so vielversprechend, eine hochmusikalische Hommage an die Sitten und Geräusche im sächsischen Schlagermilieu, am Schluss gab es dann nur noch einen lauwarmen "Stromberg"-Aufguss mit sozialpolitischer Botschaft. Tod durch Langeweile. Was war da passiert?

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Abschiede beim MDR-"Tatort": Erst der Gag, dann die Gesellschaftskritik

Husmann äußert sich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sehr höflich, aber auch sehr deutlich: "Ich hatte den Eindruck, dass es inzwischen in Richtung eines ganz konventionellen Krimis geht. Und das könnten andere Leute dann wesentlich besser. Das finde ich völlig okay, aber es ist eben nicht meine Kernkompetenz." Fragt sich, warum der MDR einen Autor mit der Kernkompetenz Humor den Dresdner "Tatort" erst entwickeln ließ, um ihn dann in Richtung Ratekrimi und Gesellschaftskritik zu prügeln.

Wohin mit der Gesellschaftskritik?

Vielleicht hat es damit zu tun, dass der MDR mit seinem "Tatort"-Revier in Weimar mit Nora Tschirner und Christian Ulmen bereits ein ausgeruhtes komisches Krimi-Format hat. Die Stammautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger haben da einen sehr eigenen absurden Witz und Wortwitz etabliert. Weihnachten läuft eine weitere, grausam heitere Folge. Da kann man sich vorstellen, dass viele im Sender es für sonderbar halten, dass man auch beim anderen "Tatort"-Revier des MDR humoristisch zur Sache geht. Wohin nur mit brisanten Stoffen und sozialen Themen?

Dieses Defizit wollte die Redaktion möglicherweise beseitigen, indem sie hinter jedem Gag ein gesellschaftliches Statement setzte.

Diese Unentschiedenheit, dieses Herumlavieren hat beim MDR Tradition. Das 2013 mit großem Tara angekündigte Erfurter Team hielt die konstante Verunsicherung nicht lange durch, nach nur zwei Folgen liefen die jungen tollen Schauspieler schreiend davon - und das, obwohl ein fester "Tatort"-Part unter deutschen Schauspielern als Hauptgewinn gilt.

Wie groß muss der Groll sein, wenn man so einen gut dotierten Job aufgibt. Das Abschied-Statement von Höfels dampft dann auch bei aller Gefasstheit förmlich vor Wut: "Unterschiedliche Auffassungen zum Arbeitsprozess und ein fehlender künstlerischer Konsens haben nach vielen Gesprächen diesbezüglich dazu geführt, dieses renommierte Format zu verlassen, da ich meine Verantwortung als Künstlerin ansonsten gefährdet sehe."

Was Höfels in ihrer Ermittlerinnenrolle Henni Sieland auch alles auf sich nehmen musste: schlechte Dialoge, künstlich wirkende Empörung, und als Backstory hatte die eigentlich als tough angelegte Kommissarin auch noch einen Eumel von Ehemann zu Hause sitzen, dem sie sich brav mit Lämmchenblick unterordnet. Müssen wir es an dieser Stelle noch sagen: Das Frauenbild im Dresden-"Tatort" war zum Schluss eine Katastrophe.

Mal sehen, wie Höfels Nachfolgerin Cornelia Gröschel ("Honigfrauen") mit den eher nach hinten losgehenden Modernisierungsschüben beim MDR umgeht. Zu lachen gibt es dann beim "Tatort" aus Sachsen so oder so nichts mehr.

Mit Material von dpa

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Seite 1
sternenguckerle 19.12.2017
1. Schade
Eine traurige Entwicklung, war doch gerade Alwara Höfels der große Lichtblick in diesem Tatort. Das schauspielerische Talent geht hoffentlich nicht so bald verloren. Was ich allerdings ohnehin nicht gut finde ist die Entwicklung des Tatort, hin zum klamaukigen. Die unsägliche Nora Tschirner und der inflationäre Christian Ulmen gehen mit ihrem "Witz" auf die Nerven, ebenso der alberne Münsteraner Tatort, der sich nur noch um sich und seine platten Dialoge dreht.
Bondurant 19.12.2017
2. Man sollte es mit dem Klamauk
Zitat von sternenguckerleEine traurige Entwicklung, war doch gerade Alwara Höfels der große Lichtblick in diesem Tatort. Das schauspielerische Talent geht hoffentlich nicht so bald verloren. Was ich allerdings ohnehin nicht gut finde ist die Entwicklung des Tatort, hin zum klamaukigen. Die unsägliche Nora Tschirner und der inflationäre Christian Ulmen gehen mit ihrem "Witz" auf die Nerven, ebenso der alberne Münsteraner Tatort, der sich nur noch um sich und seine platten Dialoge dreht.
bei Münster belassen und in den übrigen "Tatorten" zurück zu den Wurzeln finden: glaubwürdige Geschichten über Verbrechen unter Durchschnittsmenschen vor regionaler Kulisse. So hat man angefangen, so sollte man weitermachen.
keiler70 19.12.2017
3. na, mal ne gute Nachricht!
Ich hätte gern Martin Wuttke wieder! Wenn's unbedingt sein muß, meinetwegen auch mit Simone "die Maske" Thomalla.
anton_otto 19.12.2017
4. Sehr schade!
Der Start war klasse, aber die Folgen hingen immer mehr in schlechten Ritualen ohne Weiterentwicklung fest. Die ständigen Beziehungsprobleme der Kommissarinnen nervten irgendwann nur noch. Bedauerlich ist auch, daß die Figur des Herrn Schnabel in den letzten Folgen immer mehr zum ewiggestrigen Klischeepappkameraden verkommen ist. Marin Brambach hätte das Format, daraus einen Chef zu machen, der unbequeme Wahrheiten ausspricht, ohne auf Sprachregelungen Rücksicht zu nehmen.
keiler70 19.12.2017
5. # 2.
Gern auch in Dialekt. Ich erinnere mich noch mit Freude an plattdütsche NDR Tatorte. Muß man dann halt ggf. untertiteln.
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