Frankfurt-"Tatort": Weihnachten, Fest der Triebe

Von

Schnaps gegen Sex, Verdächtige im Vollrausch, Ermittler mit Filmriss: Beim Frankfurter "Tatort" geht es um den Teufel Alkohol - der ausgerechnet zum Weihnachtsfest zuschlägt. Der Kaputtnik-Krimi ist das ideale Gegenstück zum zeitgleich laufenden ZDF-"Traumschiff".

HR-"Tatort" aus dem Trinkermilieu: Saufen, bis der Tod kommt Fotos
HR

Da bekommt der Begriff "Fest der Liebe" doch gleich eine neue Bedeutung: 30 potentielle Geschlechtspartner soll die Alkoholikerin Agnes Brendel (Anna Böttcher) zwischen Heiligabend und Silvester gehabt haben, am Neujahrsmorgen wird ihre von Schlägen gezeichnete Leiche auf einer Baustelle gefunden. Die Tage zwischen den Jahren: ein einziger Vollrausch. Und das halbe Bahnhofsviertel ist verdächtig, den Mord begangen zu haben.

Hauptkommissar Frank Steier (Joachim Król) und Kollegin Conny Mey (Nina Kunzendorf) rekonstruieren die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Unter anderem sprechen sie mit dem Sohn der Trinkerin, beinahe der einzige männliche Charakter, der sich respektvoll über die Tote äußert. Traurig erzählt der Junge: "Meine Mutter sagte immer: 'Alle wollen mich körpern, keiner will mich küssen."

Bei der Recherche in den Kaschemmen des Bahnhofsviertels wird schnell die örtliche Währung klar: Geselligkeit gibt es gegen Schnaps, Schnaps gegen Sex. Gratis gibt's hier nichts. Kommissar Steier, der seinen Dienst bei Wodka und Rotwein oft selbst nahe am Delirium absolviert, ist dieses Währungssystem nicht ganz unbekannt. Bei der Schicht in der Silvesternacht hat er der Kollegin Mey noch im Sektrausch das Du angeboten, am nächsten Morgen ist die Erinnerung daran in seinem verkaterten Schädel erloschen.

Alki-Cop, bald allein zu Hause

Überhaupt hat der Polizist in letzter Zeit den einen oder anderen Filmriss. Die destruktive Macht des Alkohols mag in dieser "Tatort"-Episode (Buch und Regie: Lars Kraume) in den verwitterten Visagen der Trinker ihre schaurigsten Spuren hinterlassen haben - die Verwüstungen bei Kommissar Steier drohen nicht minder verheerend zu werden. Während der Untersuchungen nervt er die Kollegin immer wieder mit simplen Schlussfolgerungen, die zwischen Profis so selbstverständlich sind, dass sie nicht ausgesprochen werden müssen. Mey schaut ihn halb belustigt, halb besorgt an und bittet ihn, doch endlich das Saufen einzustellen. Ein Cop mit löchrigem Kopp, wie soll das gutgehen.

Bald muss der Alki-Kommissar ja ohne die Fürsorge seiner Kollegin auskommen. Wie vor kurzem bekannt wurde, verlässt Schauspielerin Nina Kunzendorf den Frankfurter "Tatort". Nach Medienberichten hatte sie Probleme mit dem "Tussi-Image" ihrer Figur - obwohl männliche und weibliche Zuschauer sie doch gerade dafür in seltener "Tatort"-Eintracht liebten. In Wirklichkeit waren es wohl eher private Gründe, die sie zu ihrer Entscheidung bewogen.

Eine letzte gemeinsame Folge mit Kunzendorf und Król ist schon abgedreht und wird im Frühjahr ausgestrahlt. Anschließend soll Joachim Króls Kommissar Steier in einer Folge solo ermitteln. Im November 2013 wird dann die erste Folge mit neuer Kollegin gedreht. Wer das sein wird, ist im Moment noch offen. Als sicher gilt nur: Die von der "Bild"-Zeitung verkündete Rückkehr von Andrea Sawatzki, die zwischen 2002 und 2009 in Frankfurt am Main als Kommissarin agierte, wird es nicht geben.

Trümmer-"Tatort" versus "Traumschiff"

Ein Abgang oder eine Neubesetzung beim "Tatort" kommt momentan ja einem Staatsakt gleich. HR-Fernsehspielchefin Liane Jessen nahm nach Kunzendorfs Abschiedsverkündung halb bestürzt, halb geschmeichelt die Aufregung in den Medien wahr: "Es war, als ob Frau Merkel zurücktritt." Der "Tatort" ist inzwischen nun mal ein Event; die ARD-Anstalten versuchen sich gegenseitig mit Besetzungscoups zu überbieten, siehe Schweiger, Striesow, Ulmen. Dabei könnten unverbrauchte Gesichter sehr viel nützlicher sein, um endlich wieder Plot und politische Sprengkraft in den Vordergrund zu rücken.

Nun ist Hessens oberste "Tatort"-Bevollmächtigte Liane Jessen keine Person, die auf Stars oder Quote schielt. Gut möglich, dass sie eine schön unpopuläre Entscheidung in Sachen Kunzendorf-Nachfolge trifft, und ein paar unpopuläre Entscheidungen könnten dem Massenereignis "Tatort" und seinem immer mächtigeren Star-System zurzeit nicht schaden.

Apropos: Die Entscheidung, den düstersten "Tatort" des ausklingenden Jahres ausgerechnet am zweiten Weihnachtstag auszustrahlen, ist auch nicht gerade ein Zeichen von Anbiederei. Normalerweise schicken die ARD-Sendeanstalten "Tatort"-Wiederholungen ins Rennen, weil sie an diesem besonderen Tag den direkten Quotenkampf mit dem ZDF-"Traumschiff" scheuen. Mit der "Tatort"-Episode "Im Namen des Vaters" haben die Zuschauer nun eine echte Alternative zum Kuschelkutter.

Wobei: So schonungslos der Krimi das Schnaps-Sex-Währungssystem des Bahnhofsviertels analysiert, so bedingungslos zeigt er auch kurze Momente der Liebe. Das ist ja das Großartige am Frankfurter "Tatort" generell: Selbst wenn er ins Säufermilieu hinabsteigt, erhebt er sich nie über die Figuren. Wie hier, vielleicht nur für wenige Sekunden, die Trinker im Koma-Suff Solidarität üben, das zeugt von wahrer Zärtlichkeit. Vor dem Fernseher gesessen, geweint.


"Tatort: Im Namen des Vaters", Mittwoch, 2. Weihnachtstag, 20.15 Uhr, ARD

Unsere Kollegin Vera Kämper guckt am zweiten Weihnachtstag für SPIEGEL ONLINE den Tatort und twittert live auf @SPIEGEL_Kultur.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
pefete 25.12.2012
Bei dieser Negativen Kritik MUSS er ja gut sein :-)))
2. Kunzendorf geht neiiiiiiin bitte nochmal überdenken
hopfenguru 25.12.2012
genau die Art und Weise wie sie gespielt hat fand ich echt klasse uns sexy, muß ich ehrlich zugeben, irgendwas hat die Frau .............., hoffentlich findet sich da gleichwertiger Ersatz und nicht so ne lahme Ente ohne weiblichen Esprit wie Odenthal oder Furtwängler etc.
3. ....
jujo 25.12.2012
Zitat von sysopHRSchnaps gegen Sex, Verdächtige im Vollrausch, Ermittler mit Filmriss: Beim Frankfurter "Tatort" geht es um den Teufel Alkohol - der ausgerechnet zum Weihnachtsfest zuschlägt. Der Kaputtnik-Krimi ist das ideale Gegenstück zum zeitgleich laufenden ZDF-"Traumschiff". http://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-aus-frankfurt-kunzendorf-und-krol-im-saeufermilieu-a-873358.html
Also ich bin fahr auf meine alten Tage voll ab auf Frau Kunzendorf. Das ist natürlich subjektiv aber die Frau hat das was mich anmacht bei einer Frau, Charme und Sexappeal! Und J.Krol ist auch einer meiner Favoriten als Schauspieler, da will ich nicht mißverstanden werden!
4. Wie unerwartet
spon-facebook-10000172069 25.12.2012
Dank fernsehstrom.de ist das Angebot grenzenlos - da werden die Highlights im Live-TV doch fast verpasst. Aber egal, was man sonst so denkt: Der Frankfurt-Tatort ist Pflicht. Ich freue mich auf den letzten (jedenfalls fast) mit dem Duo Krol/Kunzendorf.
5. Ihr Pfeifen ....
spmc-135322777912941 25.12.2012
vorhr war Euch wohl noch nie aufgefallen welch ausgesprochen gute Schauspielerin die Kunzendorf ist ??
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Im Fadenkreuz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 29 Kommentare

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.