"Tatort"-Abschied von Joachim Król Der letzte Wodka

Zwischen Komasaufen und Kettensägenmassaker: In seinem letzten "Tatort" taumelt Joachim Król nach einer letzten Buddel Hochprozentigem in ein Horrorszenario. Furioser Abgang!

ARD

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Der Wodka ist alle, der Kommissar sieht aus wie ausgespuckt. Sein Saufen hat Frank Steier schuldig werden lassen, die Nüchternheit ist das Martyrium, an dessen Ende die Erlösung stehen könnte. Wäre es nicht wunderbar, wenn der Suff-Cop nach all den Abstürzen, nach all den entstellten Leichen, nach all den schmerzhaften Abschieden von jüngeren und lebensfroheren Kolleginnen in ein glückliches neues Leben finden könnte?

Der Weg dorthin ist am Anfang dieses "Tatorts" noch lang. Auch wenn die Episode, in der Joachim Król nach vier Jahren Abschied nimmt von seinem Kommissar Steier, nur die üblichen 85 Netto-Minuten dauert, gibt es darin überdurchschnittlich viele kriminalistische, theraupeutische und, auch das, moralische Wendungen.

Man nehme nur die ersten fünf Minuten: Steier steht vor einer Wohnung, wo gerade ein Kampf zwischen zwei Gangstern stattfindet. Im Hausflur steckt ihm ein kleines Mädchen die Zunge raus. Der Kommissar schickt es zurück in die Nachbarwohnung, bricht die Tür des Gangster-Nests auf, wird niedergeschlagen und erhält als Drohung zwei Kugeln links und rechts neben seinen Schädel. Die Geschosse durchschlagen die Wand, das Mädchen nebenan wird von ihnen durchbohrt. Später vor Gericht identifiziert Steier den Todesschützen - wegen seiner Alkoholsucht wird seine Aussage aber als nicht glaubhaft eingeschätzt.

Erst das Mädchen in die Todeswohnung schicken, dann nicht mal den Mörder überführen: Am liebsten würde sich Steier in eine Pfütze Wodka schmeißen, um darin die Erinnerung zu ertränken. Macht er auch. Dann aber gibt er seinen Dienstausweis ab, um trocken und auf eigene Faust die Gerechtigkeit walten zu lassen.

Ein Mann sieht rot. In Anlehnung an Michael Winners Proto-Rächerthriller "Death Wish" von 1974 setzt man diesen "Tatort" in die Gänge. Doch mit leichter Hand werden hier die unterschiedlichsten Thriller-Subgenres beigemischt, um der Geschichte immer neue, unerwartete Wendungen abzuringen und die Ambiguität des Stoffes auszuloten.

Exit nur gegen Exitus?

Drehbuchautor Michael Proehl hat neben einigen anderen "Tatorten" auch das Zitat-Meisterwerk "Im Schmerz geboren" mit Ulrich Tukur entwickelt. Hier nun mixt er mit seinem Co-Autor Erol Yesilkaya das Racheblutbad und das Sadistenspektakel mit dem Traumaschocker und dem Home Invasion Thriller. Ein weiteres Mal mit reichlich Referenzen an B-Movie-Vorbilder, etwa an Wes Cravens "Last House of the Left" von 1972 oder Tobe Hoopers "Texas Chainsaw Massacre" von 1974.

Die Kettensäge bleibt zwar in der Garage, der Horrorklassiker läuft nur einmal im Fernsehen im Hintergrund. Aber die Folterinstrumente in diesem "Tatort" haben es ebenfalls in sich.

Kommissar Steier heftet sich an die Fersen des Todesschützen. Der steigt mit seinem Bruder und dessen Junkie-Freundin in die Villa eines Unternehmers ein. Ein Nachbar (Armin Rohde) wird auf die Einbrecher aufmerksam, sieht sich von ihnen ins eigene Haus verfolgt - und schafft es schließlich, die Gangster zu überwältigen. Denn der Einsiedler, der seinen einzigen Sohn an die Drogen verloren hat, hat mit der Welt noch ein Hühnchen zu rupfen. Da kommen ihm die verstrahlten Kids und der versoffene Cop als Spielmasse in einer Art moralischem russischen Roulette gerade recht.

Was für ein Abgang. Die finale Steier-Folge - ab Sommer übernehmen Margarita Broich und Wolfram Koch - lässt sich am ehesten mit dem legendären Frankfurter Tatort "Leerstand" von 2005 vergleichen, in dem Christian Berkel als hessische Version von Marlon Brandos Colonel Kurtz in den Kellergewölben eines verlassenen Polizeireviers eine sehr eigen interpretierte Art von Justiz ausübte.

"Das Haus am Ende der Straße" (Regie: Sebastian Marka) geht in dieselbe Richtung, ist aber sehr viel wendungsreicher inszeniert. Immer wieder fallen die Figuren durch doppelte Böden, und dazu knistern auf dem Plattenteller im Geiselnehmerheim Platten von großen, tragisch verstorbenen Sängern wie Elliott Smith (depressiv), Chet Baker (drogensüchtig) und Terry Callier (verkannt).

Ist die Musik ein böses Omen für den Ausstieg von Joachim Król als Kommissar Frank Steier? Gibt es den Exit nur gegen Exitus? Der Wodka ist irgendwann alle in dieser Folge - ob auch Steiers Lebensgeister mit den letzten Resten Alkohol ausgedünstet werden, sei an dieser Stelle nicht verraten. Auf jeden Fall ist dieser "Tatort" die brutalste Ausnüchterungsmaßnahme der deutschen Fernsehgeschichte.


"Tatort: Das Haus am Ende der Straße", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
bonngoldbaer 20.02.2015
1. Danke
"Drehbuchautor Michael Proehl hat neben einigen anderen "Tatorten" auch das Zitat-Meisterwerk "Im Schmerz geboren" mit Ulrich Tukur entwickelt." Danke für die Warnung! Auch wenn ich Joachim Król sehr schätze und bedauere, dass er künftig nicht mehr im Tatort zu sehen ist, ist das ein hinreichender Grund, mir die Folge nicht anzuschauen.
Ballonmütze 20.02.2015
2. Drehbuchautoren
Wenn nur die Hälfte der Zunft so gute Drehbücher schreiben würde wie Michael Proehl.
black_dave 20.02.2015
3.
Absolut schade das jetzt auch noch krol aufhört. Der Frankfurter gehörte mit zu den besten. Wirklich Schade!!
Netzschwinger 20.02.2015
4. Ambiguität
Wirklich? Kann man nicht einfach das schöne Wort Mehrdeutigkeit verwenden? Das kennen mehr Menschen. Oder geht es darum zu zeigen, was der Autor alles weiß? Immerhin mal ein Artikel ohne dutzende Rechtschreib- oder Grammatikfehler. Das ist ja bei spiegel.de inzwischen schon die Ausnahme!
Blair Witch Project 20.02.2015
5. :
Król geht, Proll (http://www.spiegel.de/kultur/tv/til-schweiger-kritik-an-tatort-twitter-und-spiegel-online-a-1018897.html) bleibt.
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