Frankfurt-"Tatort" über Investmentbanker Ehrgeiz bis zum Erbrechen

Zehn Jahre nach der Finanzkrise ist der Banker zurück in Film und Fernsehen: In diesem perfiden Frankfurt-"Tatort" trimmt ein Finanzhai die eigene Familie auf Wettbewerb.

HR/ Bettina Müller

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Herr Voss ist ein aufmerksamer Vater, irgendwie. Kommt er spät abends von der Arbeit in der Investmentabteilung einer großen deutschen Bank, drückt er seinen Sohn zur Begrüßung mit einem schmerzhaft angewendeten, nicht ganz korrekten Judogriff auf die Dielen des Eigenheims. Und vor dem Schlafengehen tritt er noch mal mit dem Jungen zum Duell am Ruder-Hometrainer an, bis dieser die zuvor verspeiste Pizza erbricht. Der Vater lacht: "Hättest mal besser eine vegetarische bestellt."

Erziehung ist bei Voss ein Abrichtungsvorgang. Als effizienter Abrichter könnte sein Motto lauten: "Kinder brauchen Hiebe". Der Sohn dankt es ihm mit Liebe. Wie ein geschlagener Hund folgt der Junge dem Alten und lässt sich von diesem auf die Mutter hetzen: Hat die im Haushalt etwas falsch gemacht, knurrt der Sohn sie bedrohlich an. Alles richtig gemacht; und wieder lacht Herr Voss gerührt.

"Unter Kriegern" (Buch: Volker Einrauch) ist ein "Tatort" der grausamen Zuspitzungen: Im Keller eines straff organisierten Sportleistungszentrums wird die Leiche eines Jungen gefunden, Familie Voss, zur der die Spur in diesem Fall führt, ist ja ebenfalls ein straff organisiertes Leistungszentrum.

Der Vater will das Sportleistungszentrum für Olympia fit machen, Ehrgeiz quillt aus all seinen Poren. Auch in Bezug auf Frau und Sohn: Um Zuneigung wird hier hart gerungen, der Gewinner wird gestreichelt, der Verlierer geprügelt. Später schreit Herr Voss auf seine am Boden liegende Frau ein: "Du bist so schwach!" Wettbewerb ist alles: die Familie als Echokammer des Spätkapitalismus.

Zehn Jahre lang war die Figur des Investmentbankers in Film und Literatur von der Bildfläche so gut wie verschwunden. Nach der Finanzkrise und der Lehman-Pleite 2008 taugte der Banker weder zum Helden noch zum Antihelden und bekam ein stilles Begräbnis zweiter Klasse auf dem Armenfriedhof popkultureller Has-beens.

Leistung auf Leben und Tod

Jetzt ist der Typ des zynischen Raffkes auferstanden, und zwar böser denn je. Zum Beispiel in der gefeierten deutschen Fernsehserie "Bad Banks", die von einem Trupp tricksender und koksender Finanzjongleure handelt, oder in Alexander Schimmelbuschs furioser Hochfinanz-Satire "Hochdeutschland", wo ausgerechnet ein sich vor sich selbst und der Welt ekelnder Investmentbanker eine geistig-moralische Generalüberholung für Deutschland fordert.

Der "Tatort" zeigt nun die seelischen Verwüstungen, die in einem gnadenlosen auf Wettbewerb und Gewinnmaximierung fixierten Umfeld entstehen. Moralische Erbauung sucht das Publikum vergeblich: Die Ästhetik ist formstreng, die Figurenführung funktional, auf psychologisches Zierwerk wird verzichtet.

Die frisch erschlossene, noch unbelebt wirkende Frankfurter Vorstadt mit ihren weißen Eigenheimquadern, in denen Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) ermitteln, bildet das optimale Setting. Es ist eine der Finanzmetropole vorgelagerte Kunstwelt, so wie sie auch der Ich-Erzähler in Schimmelbuschs "Hochdeutschland" beschreibt, in den der Wohlstand aus der Stadt "geschwappt" sei, um dort die letzten Reste von Armut und Kleinbürgerlichkeit zu verdrängen.

Der Gegner darf nicht mehr zucken

Hier finden die "Tatort"-Verantwortlichen die perfekte Umgebung für ihre Versuchsanordnung in Sachen Ehrgeiz, Egoismus und Sadismus. Alphatier Voss ringt in dem lichtgefluteten Wintergarten seine Familie ebenso nieder wie im ebenso lichtgefluteten Panoramafenster-Konferenzsaal im Bankenturm die Kollegen.

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"Tatort" über Investmentbanker: Gemeinheit will gelernt sein

Regie führte Hermine Huntgeburth, sie kennt sich aus mit Alphatypen: 2014 hatte sie mit dem Grimme-gekrönten Film "Männertreu" schon mal für den Hessischen Rundfunk ein Egoistendrama in Szene gesetzt. Damals ging es um einen konservativen Publizisten, der teils dem verstorbenen Feuilletonstar Frank Schirrmacher von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" nachempfunden war. Der ruchlose Denker, der ruchlose Banker - interessant werden diese Negativfiguren dort erst im Spiel mit starken anderen Figuren.

Dass wir diesem schroffen "Tatort" folgen, liegt auch an dem erschreckend überzeugenden Familienensemble in "Unter Kriegern". An Lina Beckmann ("Vorsicht vor Leuten") als Ehefrau, die vor den Grausamkeiten ihres Mannes und ihres Jungen in den Reitstall flieht, wo sie stundenlang nasse Pferdenasen liebkost, während sie von Rache träumt. Sowie an Golo Euler und Juri Winkler, die der Formulierung "wie der Vater, so der Sohn" eine unheilvolle Bedeutung verleihen.

Beängstigend, wie der Sohn, das martialische Mini-Me des Bankers, anfangs seinem Lehrer droht, weil der ihm nur eine Zwei gegeben hat. Der Vater wäre stolz auf sein kleines asoziales Ebenbild. Was eine gute Erziehung doch ausmacht. Gemeinheit ist nicht angeboren, Gemeinheit will gelernt sein.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Tatort: Unter Kriegern", Sonntag, 20.15 Uhr

insgesamt 8 Beiträge
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Augustusrex 06.04.2018
1. Meine Güte
Der Banker wieder mal als Prototyp des sadistischen Egomanen. Kann nicht mal jemand anders diese Rolle übernehmen?
djstzhsrthrt 06.04.2018
2. Gähn
Der gute Förster, die liebevolle Krankenschwester, der verständnisvolle Arzt, der kaputte Polizist, der ästhetische Architekt und eben der grundböse Banker...! Gähn - unsere "Fernsehkreativen" sind so unglaublich innovativ! Wie wär's denn mal mit der durchtriebenen Grundschullehrerin, dem psychopathischen Sozialarbeiter, dem herzerwärmenden Anwalt - ach, gab's ja schon: Liebling Kreuzberg...
Proserpin Saint-Honoré 06.04.2018
3. Kiss
Keept it simple and stupid - eine uralte Weisheit der Werbung. Erfolg heißt Quote, da gibt es keinen Platz für Experimente. Das müssen Sie schon verstehen.
chuckal 08.04.2018
4. Lina Beckmann
ist eine so großartige Schauspielerin, dass man sich schütteln möchte, dass die in so einem Stuss mitwirkt!
twisti 08.04.2018
5. Hä?
Das geht doch alles total am Thema vorbei. Der Vater ist pädophil veranlagt, der Sohn war eifersüchtig. Die Mutter hat er vergewaltigt und Jahre später geheiratet weil er „scharf auf seinen Sohn“ war. Das erklärt auch warum er mit dieser Frau zusammen war, die überhaupt nicht zu ihm passte. Übrigens: Dass der Vater ein Banker war, habe ich gar nicht wahrgenommen. War er nicht vielmehr Leiter dieses Leistungszentrums??
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