Frankfurter Polit-"Tatort" über Sprachchaos "Nafris" gegen "Nazi Bitches"

Der "Tatort" zur "Nafri"-Debatte: Die Frankfurter Kommissare ermitteln zwischen Afrikanern und Rechtsradikalen und ringen dabei um die richtigen Worte.

HR/ Bettina Müller

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Dieser "Tatort" ist ein einziges Tohuwabohu. Oder wie der legendäre experimentelle Dichter Ernst Jandl es formuliert hätte: ein einziges "Tohuwabohuubaba". Zu Ernst Jandl später mehr, das ist jetzt zu kompliziert.

Erst einmal soll hier die einzige belastbare Erkenntnis aus diesem schwierig nacherzählbaren, über Strecken furios zerfransten "Tatort" dargereicht werden: Aus dem Kakaotrunk der Offenburger Milchwerke, so finden die Kommissare heraus, lassen sich perfekt Molotowcocktails mit Schraubverschluss bauen.

Ein solcher Molotowcocktail flog in einen Friseursalon, vor dem immer eine große Zahl junger afrikanischer Männer rumlungerte. Der Brandsatz tötete eine Friseurin in Ausbildung; wer ihn geworfen hat, ist unklar. Zuvor hatten die jungen deutschen Friseurinnen in dem Salon immer wieder versucht, die jungen afrikanischen Männer vor dem Geschäft zu vertreiben, wofür diese sie als "Nazi Bitches" beschimpften. Die Scherben des Mollis wurden später von Polizeispezialisten zusammengesetzt und führten eben zur Kakaoflasche.

Die Republik ringt nach Worten, vergeblich

Das sind die einzigen Scherben, die in diesem Fall erfolgreich zusammengesetzt werden. Den Rest der Zeit bewegen sich die Frankfurter Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) in einer Welt, in der alles zersplittert ist. Vor allem die Sprache. Das Land ringt nach Worten - vergeblich.

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"Tatort" aus Frankfurt: Zwischen Metal-Disco und deutschem Liederabend

Obwohl sich doch alle solche Mühe geben: In Brix' Middle-Ager-WG hat die Mitbewohnerin Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Jemen einquartiert, vorbildlich integrationswillige Männer und Frauen, die sämtliche Gegenstände in der Wohnung mit gelben Post-it-Zetteln bekleben, auf die sie die entsprechenden deutschen Vokabeln schreiben. "Scheiß Flüchtlinge", stöhnt der durch die Hilfsbereitschaft seiner Mitbewohnerin vom eigenen Bett auf die Wohnzimmercouch vertriebene Kommissar.

Während Brix in seiner WG im Multikultichaos versinkt, führt Kommissarin Janneke der Fall in eine besonders aufgeräumte WG, wo die deutsche Sprache rigoros "reingehalten" wird: Eine der Friseurinnen (Jasna Fritzi Bauer) wohnt mit einer blonden Akademikerin (Anna Brüggemann) zusammen. Diese gehört einer Gruppe mit dem Namen "Die Kongruenten" an, die für einen "Ethnopluralismus" und ein "Postulat der demokratischen Heimatliebe" antritt. Die "Identitären" lassen grüßen.

Kein schöner Land in dieser Zeit, wirklich?

Während die Friseurin sich in der Disco mit Blödmann-Metal wegbrezelt ("Uncivil War"!), singt die schrecklich gebildete Mitbewohnerin im Chor alte deutsche Weisen vom Schlage "Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König" oder "Kein schöner Land in dieser Zeit".

"Land in dieser Zeit" ist auch der Titel dieses "Tatort", der wie Faust aufs Auge in diese sonderbare erste Woche des Jahres 2017 passt. Nächstes Wochenende folgt eine Episode mit Ballauf und Schenk, die sich konkret mit der Situation junger männlicher nordafrikanischer Flüchtlinge in Köln und der aufgeladenen Atmosphäre seit der Silvesternacht 2015 beschäftigt, im Frankfurter "Tatort" werden Stimmungen und Strömungen des letzten Jahres indes abstrakter behandelt: Es geht um Sprachauflösung und Sprachaufrüstung, um Sprachverkürzung und Sprachmilitarisierung. Es geht um ein Land, wo ein Kürzel wie "Nafri" unverhofft Karriere machen kann.

Regisseur Markus Imboden hat zuvor den klobigen rumänisch-deutschen Bettler-"Tatort" aus München in Szene gesetzt, der an Weihnachten lief. Direkt davor aber auch die behände Big-Data-Folge aus Frankfurt, in der es um ein informationstechnisch hochgerüstetes Vorortheim geht. Wie beim digitalen Wirrwarr blickt Imboden nun auch aufs verbale Wirrwarr mit einer gewissen Melancholie.

So kommt dann Ernst Jandl zum Einsatz. Der neue Kommissariatschef Fosco Cariddi (Bruno Cathomas) zitiert noch im größten Stress den Buchstabenjazz des alten Meisters - "Eile mit Feile" also statt "Ermittlungen mit Hochdruck". Das ist anfänglich eine tolle Erzählidee, wird später aber immer unglaubwürdiger. Irgendwann sitzt die ganze Polizeimannschaft auf dem Revier zusammen mit den Nasen in Jandl-Taschenbuchausgaben, während draußen weiterhin ein ungelöster Mordfall mit politischen Dimensionen für Aufregung sorgt.

Überhaupt: Am Ende bleibt auch der Plot, an dem immerhin drei Drehbuchautoren beteiligt waren (Khyana el Bitar, Dörte Franke und Stephan Brüggenthies), ein einziger Scherbenhaufen. Und als hätten die Verantwortlichen Angst vor der eigenen Courage, den Zuschauer im Sprachdurcheinander allein zu lassen, wird noch mal ganz schlicht an der Dramatisierungs- und Deutungsschraube gedreht. Man hatte wohl Sorge, dass schlichtere Zuschauer nicht kapieren, wer hier die Guten und wer die Bösen sind.

Hätte gar nicht Not getan. Als Querschlägerkrimi im "Nafri"-Deutschland tut dieser "Tatort" so oder so seine Wirkung.

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Land in dieser Zeit", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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