ARD-Sonntagskrimi Der neue Frankfurt-Krimi im Schnellcheck

Der Vater dressiert den Sohn zum Sadisten, die Mutter träumt von Giftmord: Die Frankfurter "Tatort"-Ermittler Janneke und Brix treffen die perfekte Kleinfamilie in Zeiten des Raubtierkapitalismus.

HR/ Bettina Müller

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Das Szenario:

Wettbewerb am Arbeitsplatz, Wettbewerb im Eigenheim: Nachdem im Keller eines Sportleistungszentrums eine Kinderleiche gefunden wurde, lernen Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) bei ihren Untersuchungen eine Bankerfamilie kennen, die sich selbst an Hometrainer und Frühstückstisch zerfleischt. Der Vater dressiert den Sohn zum Sadisten, der lebt seinen angestauten Frust an der Mutter aus.

Der gesellschaftspolitische Auftrag:

Zu zeigen, wie der Verdrängungskrieg des Spätkapitalismus bis in kleinste soziale Einheiten hinein wirkt.

Der Moment der grausamsten Herabwürdigung:

"Mein Gott, Meike. Deine Fantasielosigkeit ist manchmal ganz schön deprimierend. Und das bisschen Geist, das noch vorhanden ist, geht für die Pferde drauf." So kanzelt der Banker seine Frau ab, die aus der Hölle ihres Eigenheims in den Pferdestall flieht.

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"Tatort" über Investmentbanker: Gemeinheit will gelernt sein

Der Moment der grausamsten Rachefantasie:

Die Frau googelt später im Bett am Laptop das Wort Kaliumchlorid, es handelt sich dabei um ein Kristall, mit dem Tiere eingeschläfert werden, das aber auch bei Hinrichtungen oder bei Schwangerschaftsabbrüchen eingesetzt wird.

Der Plausibilitätsfaktor:

Sehr hoch. Kühl zeichnet dieser "Tatort" nach, wie unter dem Willen zu unbedingter Effizienz die Empathie verloren geht. Die Figuren wirken wie die Antihelden aus den Romanen von Bret Easton Ellis, und die Schauspieler buhlen in ihrem schnörkellosen Spiel nicht um Sympathie für sie, sondern zeigen sie rigoros als Gefangene eines Systems, das auf Verdrängung, wenn nicht gar Vernichtung des anderen zielt.

Die Bewertung:

9 von 10 Punkten. Grausame Dialoge in einer gelackten Lebenswelt: Ein ungeheuerlich unterhaltsamer Abgesang auf die Kleinfamilie in Zeiten des Raubtierkapitalismus.

Die ausführliche Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!

"Tatort: Unter Kriegern", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 16 Beiträge
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eurosinga 08.04.2018
1. Gesellschaftspolitischer Auftrag
Ich lese Ihre vorausschauenden Tatort-Kritiken recht gerne, Herr Buß, weil diese meistens eine akzeptable Orientierungshilfe darstellen, ob es sich lohnt, die Folge anzuschauen. Aber bezüglich des Abschnitts 'gesellschaftspolitischer Auftrag' fragen Sie doch bitte vorab beim jeweiligen Drehbuchautoren oder Regisseur nach, ob diese(r) überhaupt einen solchen eingearbeitet hat. Bin überzeugt, dass in den allermeisten Fällen die Intention beim Schreiben des Drehbuchs, bzw. beim Drehen des Films einfach war, einen guten Krimi zu produzieren und an einen gesellschaftspolitischen Auftrag nicht im Entferntesten gedacht wurde.
skylarkin 08.04.2018
2.
Aus krankhaftem Ehrgeiz eines Charakterschweins eine grundlegende Systemkritik zu konstruieren finde ich schon etwas weit hergeholt.
apropos48 08.04.2018
3. Déja vu
Der Kleine erinnert mich an Damien aus " das Omen". Im Übrigen ist mir der Film viel zu wirr und hat für mich ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die Schauspieler sind toll, der Rest für die Tonne, das sag ich, obwohl der Film noch läuft. Tut mir leid, Herr Buß, seh ihre Kritik diesmal ganz anders.
Axel Schön 08.04.2018
4. Nö.
Holzschnittartig überzeichnet und voller Klischees - durchsichtig, vorhersehbar und dabei alles andere als plausibel. Die Schauspieler haben mir leid getan, dass sie für diesen idiotischen Par-Force-Ritt ihr Können verschwendet haben. Was hier abgeklappert wurde ist die Palette der möglichen Ausdrucksvarianten der Schauspieler - ein Ganzes wird daraus leider nicht. Ich weiß auch nicht welchen Tatort der Herr Redakteur geschaut hat - offenbar nicht den gleichen wie ich... Der ganze Plot ist an den Haaren herbeigezogen - der karrieregeile Banker sucht sich bewußt (warum???) eine ihm nicht ebenbürtige und wie er selbst findet: nicht vorzeigbare Frau? Nachdem er sie irgendwann vergewaltigt hat, heiratet er sie 2 Jahre später wegen des aus dieser Vergewaltigung entsprungenem Kindes, seines Sohnes? Was ist hier krank - die Phantasie der Drehbuchautoren oder die ihrer Protagonisten? Was will uns dieser Tatort geben? Eine Projektionsfläche für die Häme und den Hass aller "Zu-Kurz-Gekommenen"? Sollen wir uns vor dem Tableau dieses Sozialkitsches als Opfer fühlen - wie ihr Redakteur schreibt: des Raubtierkapitalismus? Nö.Ist mir zu billig. Der Film und auch ihre Hochrufe auf dieses Machwerk.
Ekkehard Grube 09.04.2018
5. Wieder mal ein unerträglich guter Tatort!
Das Thema – eine jede Menschlichkeit abtötende Abrichtung des Menschen – ist so schmerzhaft gut umgesetzt, dass man es schwer hat, bis zum Schluss durchzuhalten. Die für mich schrecklichste Szene: Kommissarin Janneke schildert dem Mörderkind, wie sein Opfer sich gefühlt haben muss. Nicht ganz klar blieb mir hingegen etwas anderes: Was sollte das Mädchen, dem der Junge am Anfang den Inhalt ihrer Tasche auf den Boden schüttet, das er immer wieder verfolgt und das er dann in der letzten Einstellung erstechen will, dann aber doch von seinem Vorhaben ablässt? Sollte damit die Aussage getroffen werden, dass ein auf diese Weise abgerichteter Mensch auch unfähig ist zur Liebe gegenüber dem anderen Geschlecht? Und sollte durch den lächelnden Blick, den das Mädchen dem Jungen, der das Messer in der Hand hält, zuwirft, angedeutet werden, dass menschliche Zuwendung auch in einem vom Bösen besetzten Herzen das Gute zu wecken vermag? Schließlich noch dies: Wenn die Kriminalisten in einer Besprechung erzählen, dass der tyrannische Vater als Kind einst selbst mit ansehen musste, wie sein eigener Vater erst seine Mutter und dann sich selber erschoss, dann wird damit gesagt: Ein Mensch muss erst selbst zerstört werden, bevor er beginnt, andere zu zerstören. 9 von 10 Punkten (einen Punkt Abzug wegen der zu sehr im Vagen bleibenden Bedeutung der Rolle des Mädchens).
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