Billstedt, Alter! Über die Herkunft des neuen Hamburger "Tatort"-Ermittlers Thorsten Falke wird der Zuschauer gleich in der ersten Folge in Kenntnis gesetzt. Die Asi-Vergangenheit ist hier Kapital: Falke, ein mittelalter Mann im pittoresk verschlissenen Ramones-Shirt, muss sich für seine Ermittlungen innerhalb des Problemviertels im Hamburger Osten nicht mühselig die Codes der Straße draufschaffen, sie wurden ihm bereits in seiner Kindheit eingebläut. Beim Bodycheck im Keller eines Billstedter Betonsilos spricht er ein paar knappe Worte, schon steht der von ihm geschnappte Jogginghosen-Heini Rede und Antwort. Wozu unnötig wehtun?
Zu viel Street Credibility bei einem "Tatort"-Kommissar kann leicht in die Hose gehen. Doch Wotan Wilke Möhring (Grimmepreis für "Der letzte schöne Tag")gelingt es, diese soziale Prägung ohne aufgesetzt wirkende Härte zu spielen. Auf übertriebene Gewaltanwendung verzichtet seine Figur, das ist nur schlüssig. Jeder, der die Hochhaussiedlung hinter sich gelassen hat, weiß ja genau, dass ihm das nur geglückt ist, weil er im richtigen Moment die Faust in der Hosentasche gelassen hat. So gibt Möhrings Kommissar Falke gerne mal die Verbalschleuder, körperliche Gewalt ist aber offensichtlich nicht sein Ding.
Damit bildet der Neue aus Hamburg das Gegenteil zum anderen neuen "Tatort"-Ermittler der Stadt, der im März seinen ersten Auftritt hatte: Da wo Möhrings Kommissar Falke authentisch motzt, aber die Faust still hält, sondert Til Schweigers Kommissar Tschiller gekünstelte One-Liner ab, um anschließend das Mobiliar zu zerlegen. Die erste Variante ist besser. Dabei hatte man das Schlimmste bei Möhrings Falke erwarten können, gab es im Schweiger-"Tatort" doch diese Szene am Urinal, wo er und Schweigers Tschiller Genitalien verglichen.
Zwischen Billstedt und Blankenese
Nach Sichtung der ersten Folge lässt sich sagen: Dem Zwang, härter, größer, unverwundbarer als der Konkurrent zu sein, ist Möhring nicht erlegen. Weshalb auch, Schweiger wird einmal im Jahr in Hamburg ermitteln, er zweimal. Wobei Möhring vor allem das Elb-Umland bereisen wird. Was fast ein bisschen schade ist, wenn man sieht, wie konsequent Hamburg in der ersten eigenen Episode in Szene gesetzt ist.
Die Handlung von "Feuerteufel" springt zwischen Billstedt und Blankenese, dem rauen Osten der Stadt und dem reichen Westen. Auf der einen Seite zockt man einander die Handys ab, auf der anderen brennen die Autos. Ein Phänomen, das Hamburg seit Jahren in Atem hält. Im März war auch vor dem Haus Til Schweigers der Mini-Cooper seiner Lebensgefährtin angezündet worden. In einem Schreiben bekannte sich eine Gruppe namens die Tatortverunreiniger_innen, die vorgab, gegen Schweigers Engagement für Bundeswehrsoldaten in Afghanistan protestieren zu wollen. Der Fall zeigt, wie abstrus aufgeladen diese Art von Verbrechen ist. Wer steckt die Autos an? Linke Aktivisten? Randalierer mit Sozialneid? Irre mit Promihass? Alle zusammen?
Die Macher des neuen Hamburger "Tatort", der lange vor dem Anschlag auf Schweiger fertig war, versuchen gar nicht erst, darauf eine umfassende Antwort zu geben, sondern nutzen die panikartige Stimmung, um von den Verteilungskämpfen in der Stadt zu erzählen.
Digger hier, Digger da
In Blankenese ist ein Auto in Flammen aufgegangen, eine Frau ist dabei gestorben, der Ehemann der Toten (Bernhard Schütz) wendet sich nun an einen rechtspopulistischen Politiker, damit der ein Kopfgeld auf den Täter aussetzt. In Billstedt dreht derweil der junge Ruben (David Berton) nervös seine Runden. Er hatte auf seinem Handy das brennende Auto aufgenommen, um seiner Freundin zu imponieren.
Die Handlung erscheint überschaubar, stark an diesem "Tatort" ist, wie die Stadt in Szene gesetzt wird. Autor Markus Busch, bekannt vor allem für seine Arbeiten für Dominik Graf ("Kalter Frühling"), hatte 2005 das Buch für die beste Episode des Hamburger "Tatort" mit Robert Atzorn geliefert: Darin beschrieb er die Brachen im Osten der "wachsenden Stadt", die inzwischen mit Bürotürmen vollgestellt sind. Ein wunderbares topografisches Dokument. Und der türkischstämmige Regisseur Özgür Yildirim hatte vor fünf Jahren mit seinem Gangsterdrama "Chiko" für Furore gesorgt, das er in seiner Hood im Hamburger Osten, zwischen Barmbek und Billstedt, ansiedelte.
Vor diesem Hintergrund verwundert kaum das authentische Flair, das "Feuerteufel" bei der Verortung des Plots in den einschlägigen Hamburger Vierteln hat. Digger hier, Digger da: Die zum Teil mit Laiendarstellern besetzten Tümmelbilder von den Basketball-Courts in den Sozialbausiedlungen sind in ihrer Lautstärke eine schöne Zumutung für die Primetime am Sonntag.
Die Topografie ist top, aber die Dramaturgie leider ein Flop. So scharf die Filmemacher die sozialen Verwerfungen in der Stadt nachzeichnen, so formelhaft entfaltet sich der Plot. Eine aufgebrachte Bürgerwehr im Hamburger Westen, die einen Unschuldigen in den Unfalltod treibt; die Konfrontation des mutmaßlichen Täters mit dem Angehörigen des Opfers auf dem Polizeirevier; Autos, die minutenlang vor sich hinlodern, ohne dass sich in den Wohnstraßen etwas regt - solche Konstruktionen stellen den guten Willen des Zuschauers arg auf die Probe.
Und trotzdem: Mit Möhrings Kommissar Falke ist ein starker neuer Ermittlercharakter im "Tatort"-Land am Start. Bleibt die Frage, wie sich der Hamburger Asi schlägt, wenn es ins norddeutsche Umland geht. Alter, da kann er seinen Slang mal schön zu Hause lassen.
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