Cyber-"Tatort" aus Kiel Drolliges Darknet

Pizzawitze, Polizeideppen und ein klitzekleines bisschen Paranoia: Auf der Suche nach dem Darknet landet das Kieler "Tatort"-Team bei den Computernerds der Cybercrime-Einheit.

NDR/ Christine Schroeder

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Darknet, das klingt nach Schattenkosmos, nach Unterwelt, nach virtuellem Kellergewölbe. Der Kieler "Tatort" zum Thema führt denn auch schnurstracks ins Untergeschoss des Landeskriminalamts, wo hinter massiven Fahrstuhltüren und von weiblichen Kolleginnen weitgehend unbemerkt die Nerds des Dezernats 23, Cybercrime, hausen. Als die attraktive Ermittlerin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) in die Geeks-and-Gagdets-Hölle hinabsteigt, beschlagen den Jungs vor Aufregung die Brillengläser.

Wer bei diesem "Tatort" über die Abgründe krimineller digitaler Kommunikationsformen und Vertriebswege Paranoia und Apokalypse erwartet, findet sich auf einmal also in putzigen Szenen wieder, die wie aus der britischen Computertrottel-Comedy "The IT Crowd" oder der US-Hochbegabten-Sitcom "Big Bang Theory" übernommen scheinen.

Ein Asiate mit lustigen Rollen an den Schuhen (Yung Ngo) haut hier zum Beispiel auf einen Buzzer, der direkt mit dem Pizzalieferservice verbunden ist. Und in dem riesigen Raum, in dem er alleine mit einem weiteren Kollegen haust, ist eine gigantische Licht- und Soundanlage installiert - "falls Damenbesuch kommt", wie der Asiate schmachtend Sarah Brandt erklärt. Deren Antwort: "Kommt bestimmt nicht oft."

Cyberthriller, Mediensatire, Spezialistenklamotte

Die aufgekratzte Stimmung im Computerkeller ist verwunderlich, weil kurz zuvor der Cybercrime-Dezernatsleiter in einem Fitnessstudio hingerichtet wurde. Kommissarin Brandt, die eine Vergangenheit als Hackerin hat, und der in Computerbelangen unbeleckte Kommissar Borowski (Axel Milberg) werden mit dem gesamten Vokabular verbotener virtueller Parallelwelten konfrontiert. Tor, Hidden Service, Kryptowährung undsoweiterundsofort.

Vertrautes Vokabular für den "Tatort"-Zuschauer, schließlich waren Darknet und Künstliche Intelligenz die großen Themen des letzten "Tatort"-Jahrgangs. In Stuttgart wurde der Stoff 2016 als heißlaufender Paranoiathriller erzählt, in Bremen als Meditation über das menschliche Miteinander in virtuellen Räumen und in Frankfurt schließlich als Komödie über absurd beschleunigte digitale Lebenswelten.

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Cybercrime-"Tatort": Vorsicht vor den Trotteln aus dem IT-Keller

Die Kieler Episode ist nun von allem ein bisschen. Und nichts richtig. Cyberthriller, Mediensatire, Spezialistenklamotte, das alles steckt in diesem "Tatort"-Genremix drin. Vielleicht ein bisschen viel für ein Thema, das so schwer zu visualisieren und zu erklären ist.

Dabei haben Tonfallwechsel und Genrespiel streckenweise ihren Reiz. Gleich am Anfang gibt es eine Egoshooter-Sequenz, als der Zuschauer während einer subjektiven Kamerafahrt Zeuge des aus dem Ruder laufenden Mords im Fitnessstudio wird. Ein großartiger Einfall, wie der Überwältigungsillusionismus von Computerspielen grausam in der Realität aufschlägt.

Wenig später müssen sich Brandt und Borowski beim LKA einen Imagefilm ansehen, mit dem die Kollegen für ihre neue Überwachungssoftware werben. Eine Offstimme preist: "Deswegen: Schakal. Die Polizei-Software für Schleswig-Holstein. Alles digital, alles unter einem Dach. Informationssysteme, Online-Überwachung, Rasterfahndung. Schakal: Wie das Land so die Software". Polizeiwerbung im Jever-Pilsner-Modus, lustig.

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Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Die Filmemacher spielen lustvoll mit medialen Erzählstrategien, immer wieder ging es auch schon in vorherigen Werken um den Clash von Realität und Fiktion. Regisseur David Wnendt (hier ein Interview aus der Zeit der "Tatort"-Dreharbeiten) hat zuvor unter anderem kluge Bilder für Charlotte Roches süffige Kopfkinoschweinerei "Feuchtgebiete" gefunden und Timur Vermes' absurde Hitler-Auferstehung als Reiz-Reaktion-Happening auf die Leinwand gebracht. Drehbuchautor Thomas Wendrich hat die rigorose Annäherung an Sprache, Denken des NSU im Zschäpe-Böhnhardt-Mundlos-Film der ARD geschrieben, der jetzt mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wird.

Es gibt viele starke Szenen in diesem "Tatort", zusammen ergeben sie aber keinen starken Film. Am Ende gelingt es den Filmemachern nicht, aus der ständigen ironischen Überhöhung zurück auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Durch das ständige Springen zwischen Metaebene und Paranoia-Plot bleibt der Zuschauer irgendwann ratlos zurück.

Dabei soll "Borowski und das dunkle Netz" ja eigentlich auch das sein: ein handfester Thriller, in dem die Ermittler gegen die Zeit einen schwer zu fassenden Gegner jagen. Und ein ebenso handfester Abschiedsgruß von Sibel Kekilli, die hier in ihrer letzten "Tatort"-Folge noch mal als Hackerin und Action-Aktrice einen großen Auftritt bekommt Auch dieser letzte Gruß haut aber nicht so recht hin: Aus planungstechnischen Gründen hat man die Ausstrahlung des Cyber-"Tatort" vorgezogen, eine viel früher gedrehte Folge mit Kekilli wird nun später ausgestrahlt.

Zum Schluss des Cyber-"Tatort", so viel sei verraten, gerät Kekills erschöpfte Ermittlerin Brandt in die Fänge des Netzverschwörungszampanos. Der Herr spielt perfide den Gastgeber für sein Opfer und fragt ironisch-servil, welche Musik die Dame denn gerne hören würde - Easy Listening oder Death Metal?

Hätte er uns gefragt: Wir hätten uns für diese Darknet-Drolligkeit ein bisschen mehr Death Metal gewünscht.

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: Borowski und das dunkle Netz", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 21 Beiträge
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newline 17.03.2017
1. Gibt es den
Tatort-Machern nicht zu denken, dass ihnen in der letzten Zeit immer mehr Schauspieler von der Fahne gehen?
hackmackenreuther 17.03.2017
2. Schade
das Sibel Kekilli aufhört, die Beiden waren ein gutes Team.
stranzjoseffrauss 17.03.2017
3. Eine Viertelmillion an Gage erzeugt eine Erwartungshaltung
Leider hat der Markenwert des Kommissars Borowski bei den letzten Folgen und insb. beim Jubiläumstatort unter grenzwertigen Drehbüchern gelitten. Hoffentlich findet der Kieler Tatort und der Hauptprotagonist nun zu den einstigen Höhen, damals an der Seite von Maren Eggert, zurück.
thousandguitars 17.03.2017
4. Jever?
"Polizeiwerbung im Jever-Pilsner-Modus, lustig." Was hat das denn bitte mit einem Kiel-Tatort zu tun? Da sollte der Schreiberling mal eine Landkarte zu Rate ziehen... Humoristisch war wohl eher die "Flensburger Brauerei" gemeint. Schade
rudolfo.karl.von.wetterst 18.03.2017
5. @2 Ja wirklich schade...
... das sie aufhört. Sie wird mir wirklich fehlen. Ein Verlust.
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