Gewalt-"Tatort" aus Kiel Besoffski Borowski

Komasaufen auf der Kieler Woche, Gewaltexzesse mit Baby auf dem Arm: Der Borowski-"Tatort" torkelt virtuos in die große Sommerlochdepression. Ein Saisonabschluss, der wehtut.

NDR/ Christine Schroeder

Von


Ein Segelschiff gibt es eigentlich nur einmal zu sehen. Als Kommissar Borowski (Axel Milberg) mit zwei Flaschen Rotwein intus zwischen Buden und Karussellen herumwankt, hält er eine gemopste Modellkogge in den erratisch blinkenden Ostseeabendhimmel - extrem bescheidene Windjammerfolklore also für einen "Tatort", der während der Kieler Woche gedreht wurde. Später bricht Besoffski Borowski noch wie ein frustrierter Teenager ein paar Autospiegel ab.

Das Tourismusamt wird die Hände vors Gesicht schlagen. Die Kieler Woche, auch "Fest des Nordens" genannt, bildet hier lediglich den Hintergrund und den Hindernisparcours für eine Reihe sowieso schon sternhagelvoller, stolpernder und strauchelnder Männercharaktere.

Und einer davon ist eben der Kommissar selbst. Borowski, das muss man wissen, versucht sein Trauma wegzusaufen, das er sich am Ende der Folge "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" eingefangen hat. Das Problem ist, dass der Zuschauer diesen Zusammenhang nicht verstehen kann, da dieser "Tatort" schon vor zwei Jahren gedreht wurde und inzwischen zwei weitere Kieler Episoden gelaufen sind, zuletzt die über das Darknet. Die Handlung ist eigentlich also schon viel weiter, die Idee des Seriellen wird ausgehebelt. Aber die Verantwortlichen wollten den Krimi nun mal zum Start der Kieler Woche zeigen, die am Wochenende beginnt.

Alles vergeht, nur das Chaos bleibt

"Borowski und das Fest des Nordens" ist ein "Tatort", der von Schmerz, Vergänglichkeit und Katastrophen handelt. Während der Nachbearbeitung starb der schwedische Krimi-Starautor Henning Mankell, der die Drehbuchvorlage geschrieben hatte. Gleichzeitig ist dies die letzte Folge für Sibel Kekilli als Ermittlerin Sarah Brandt - bloß dass das zur Zeit des Drehs im Sommer 2015 natürlich niemand wusste. Jetzt bekommt sie einen ziemlich unfeierlichen Abgang. Alles stirbt, alles vergeht, nur das Chaos bleibt.

Fotostrecke

9  Bilder
Kiel-"Tatort: Vergiss die Windjammer!

Was schieflaufen konnte, lief bei diesem Krimi schief. Das Ergebnis ist trotzdem ganz wunderbar; so konsequent und kunstvoll torkelte der "Tatort" noch nie in die große Sommerlochdepression.

Das Drehbuch zu Mankells Vorlage lieferte Markus Busch, der zuletzt Dominik Grafs Kunstsammlerkrimi "Am Abend aller Tage" als Labyrinth der Gier und der Sehnsucht geschrieben hat. Regie führte Jan Bonny, der sich mit schwierigen Fernsehproduktionen auskennt. Vor Kurzem erst verbannte die ARD-Programmkoordination sein ungestümes Psychologendrama "Über Barbarossaplatz" ins Nachtprogramm. Vielleicht auch deshalb, weil die Handlung darin auf keine handliche Lösung zustrebte. So ist es jetzt auch in dem "Tatort". Bonny bleibt den Figuren im Volksfestgetümmel mit der Handkamera ganz dicht auf den Fersen - und doch hält er zu ihnen stets Distanz. Was sie treibt, was sie quält, bleibt im Vagen.

Parallel zu Borowski folgt der Film einem Mann im Selbstzerstörungsmodus. Der Extremschauspieler Mišsel Maticevic ("Hotte im Paradies"), der im Fernsehen leider nur noch sehr selten zu sehen ist, verkörpert diesen Gewaltmensch als wandelnden Brandsatz, der alle und alles in seinem Umfeld in Flammen setzt: die wenigen verbliebenen Bekannten, die Ex-Frau, die Geliebte. Letztere schlägt er mit einem Stuhlbein tot, während sie sich voll verzweifelter Liebe an ihn drückt. Die Tat beschreibt Totschläger im Nachhinein folgendermaßen: "Es gab so ein Geräusch. Als ob man auf einen Vogel tritt und dann geht die Luft aus und es gibt noch mal so ein Geräusch. Ich habe so was noch nie erlebt."

Später versucht der Antiheld, einen Geldverleiher um 40.000 Euro anzupumpen, der andere hält ein Baby im Arm und beleidigt derweil sein Gegenüber, wo er kann, dann gibt es ein Szenario der entfesselten Gewalt. In einer weiteren Szene sieht der Zuschauer, wie der Mann in einer Müllhalde von Wohnung langsam einen zugedröhnten Kleindealer tötet, während ein noch zugedröhnterer Kollege an der Wand gelehnt der Tat beiwohnt. Fühlt der noch was?

Nähe gibt es in diesem letzten "Tatort" der Saison nur im Schmerz - einen schönen trostlosen Sommer wünscht die ARD.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Borowski und das Fest des Nordens", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
troy_mcclure 16.06.2017
1.
"Erratisch blinkender Himmel" Ja nee,is klar.
benchok 16.06.2017
2. Rückspiegel abtreten?
Geht nur bei geöffnetem Auto und Akrobatik. Außenspiegel hingegen hab ich auch schon gemacht... Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
spontanistin 17.06.2017
3. Trostloser Sommer?
Dieser ganze "Tatort"- und Krimi-Quatsch ist doch an Trostlosigkeit und kaputten Typen nicht weiter zu überbieten. Wer tut sich das denn freiwillig an? Und welch kranken Geistes müssen eigentlich die Verfasser/Story-Erfinder sein, soetwas zu phantasieren und zu Papier zu bringen? Sind die alle durch Ego-Shooter und ähnliche Ballerspiele geschädigt? Und scheinbar funktioniert das ganze Strafrechtssystem nicht, denn die Täter werden ja wohl - glaubt man Rezensionen - von Folge zu perverser. Wo bleibt denn da das Positive?
cafe-wien 17.06.2017
4. Mon Chérie geht jetzt in die Sommerpause...
..., wo sie Ferrero Rocher und eben den Tatort treffen. Für alle drei eine völlig sinnlose Marketingaktion, da es dem jährlich ACHT MILLIARDEN Euro abtretenden Bundesbürger nicht ersichtlich ist, warum aus diesem Geld kein kontinuierliches Tatort- und P110-Programm über 52 Jahreswochen gestaltet werden kann - wo doch im Zweifelsfall fast auf der gesamten Welt qua Internet auch die Filme der ARD empfangen werden können. Und die meisten Deutschen bleiben sowieso während der Ferien im Land. So müssen wir heute, völlig verfrüht, Abschied nehmen von Frau Kekilli. Ein großer Verlust! Während uns andere wie Ulrike Folkerts, Sabine Postel und das Furtwängler-Burda sinnlos und nicht nachvollziehbar weiterquälen werden. Ich freue mich aber schon mal auf diesen sicher wieder wunderbaren Borowski-Tatort aus Kiel! Ich verabschiede mich damit dann auch in die Sommerpause und danke allen, die so aufmerksam meine Kommentare lesen und mit mir diskutieren. Im Norden sacht man "tschüühüs". Bis denne!
1989er 18.06.2017
5. oh weh
Ich habe selten so einen schlechten Tatort gesehen. Natürlich erkennt der Ermittelter sofort, daß die tote Frau "genervt" hat. Danach kommen scheinbar nur noch kranke, durchgeknallte Menschen vor...ich such mir jetzt was besseres.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.