Insel-"Tatort" mit Christiane Paul Freie Liebe auf Friesisch

Schiffbruch mit Borowski: Der maritime Nord-"Tatort" über die amouröse Verwirrung des Kommissars hat Hänger, spielt dafür aber munter mit Männerfantasien.

NDR/ Christine Schroeder

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Eine Frau entsteigt den eiskalten Wellen, die feuchten Haare wehen in der steifen Brise, auf dem Gummi ihres Neoprenanzugs glaubt man Eiszapfen zu sehen. Eine Triathletin, die es mit dem Training übertreibt? Ein Bond-Girl, das sich in die Nordsee verirrt hat? Eine halb-Fisch-halb-Frau-Sirene, die Krabbenfischer becircen will? Der Auftritt der Schauspielerin Christiane Paul in der Brandung gehört zu den rustikalsten und rätselhaftesten "Tatort"-Intros aller Zeiten.

Das Rätselhafte wird in diesem "Tatort" nicht aufgelöst - leider auch nicht in den Momenten, wo das Drehbuch (Peter Bender, Ben Braeunlich, Sven Bose) möglicherweise die Enträtselung vorgesehen hatte.

Aber so muss das vielleicht sein bei einem Krimi, durch den der Ermittler streckenweise durch die Handlung treibt wie ein Schiffbrüchiger auf dem Meer, in dem sich der Ermittler wie ein Fieberträumender in die nassen Laken wirft. Borowski von Sinnen, Borowski von Sirenen gerufen.

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"Tatort" mit Borowski: Meerjungfrauen küssen besser

Der Arbeitseinsatz auf der kleinen (fiktiven) Nordseeinsel Suunholt stürzt den Kommissar (Axel Milberg) ins Gefühlschaos. In der kleinen Pension, in der er wohnt, hängt ein Gemälde, das zeigt, wie die Insel Rungholt im Jahre 1362 von der Sturmflut heimgesucht und unter den Wellen begraben wurde. Der Legende nach die göttliche Rache dafür, dass die ruchlosen Bürger zuvor die Schweine mit Schnaps abgefüllt und den Pfarrer um die Sakramente erpresst haben. Sodom und Gomorra vor Nordseekulisse.

Schweine im Todeskampf

Borowski träumt nun von monströsen Windhosen am Himmel, von im Todeskampf quiekenden Schweinen, von ihn ins Meer rufenden Sirenen. Das könnte zum einen daran liegen, dass er vor dem Schlafengehen in die auf dem Nachttisch liegende Theodor-Storm-Novelle "Eine Halligfahrt" geschaut hat, in dem der Rungholt-Untergang beschrieben wird. Und zum anderen daran, dass die Verdächtige Famke Oejen (Christiane Paul) ihm die Sinne vernebelt.

In der Badewanne dieser friesischen Femme fatale ist ein Mann ertränkt worden, der schon seit einem halben Jahr in Kiel als vermisst galt. Borowski untersuchte den Fall des vom Erdboden verschluckten Familienvaters damals. Oejen und der Fremde hatten eine, wie Borowskis Chef ehrfurchtsvoll raunt, "amour fou", eine Beziehung ohne Gestern und ohne Morgen, eine Liebe aus purer Gegenwart.

Ein Gedanke, der Borowski riskant stimuliert: Der nach seinen letzten erratischen Einsätzen - wir erinnern uns, wie er besoffenen auf der Kieler Woche einem Totschläger hinterhertaumelte - noch immer mitgenommene Kommissar beginnt nun eine Affäre mit der Verdächtigen und fantasiert sich dabei mit ihr in eine von allen Zeitbezügen freie Parallelwelt.

Meeresmythologie und Entgrenzungsfantasien

Gern würden wir Borowski in dieses erotische Zwischenreich zwischen den Meeren folgen. Regisseur Sven Bohse hat zuvor das Gesellschaftspanorama "Ku'damm 56" gedreht, in dem es um Sex, Unterdrückung und weibliche Selbstentdeckung in der Adenauer-Ära ging. Die Selbstentdeckung Borowskis setzt der Filmemacher nun als assoziativen Bilderbogen aus Meeresmythologie und Entgrenzungsfantasien zusammen.

In den besseren Momenten fühlt man sich an Filme von Louis Malle erinnert, in denen sich Frauen und Männer jenseits aller gesellschaftlicher Konventionen und beziehungsstrategischer Überlegungen der Vereinigung hingeben ("Die Liebenden"). Doch der stille Rausch der Nähe im schroffen Nordseeparadies kippt hier unversehens in ein klabautermannlärmiges Gefühlschaos; die über Strecken so frei schwingenden Geschlechterbeziehungen auf der Insel verlieren sich zwischendurch in frivoler Küstenfolklore.

Trotzdem lohnt es dranzubleiben: Das Ende, ein Akt etwas anderer weiblicher Selbstermächtigung, über die hier nicht mehr verraten werden soll, ist dann wieder so spektakulär wie Christiane Pauls brandungsaktiver erster Auftritt im Film. Kein völlig geglückter "Tatort", aber einer, in dem Männerfantasien munter gegen die Fantasierenden selbst gerichtet werden.

Bewertung: 6 von 10 Punkten


"Tatort: Borowski und das Land zwischen den Meeren", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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chuckal 23.02.2018
1. Borowski/Milberg
und Erotik? in den meisten Fällen ist man ja doch froh, wen Borowski noch Puls hat. Louis Malle? Ernsthaft? Ach so, so wie ja auch der letzte Berliner Tatort eigentlich Scorsese oder Nolan war. Manchmal tut diese Anbiederei des Rezensenten aber mächtig weh.
cafe-wien 23.02.2018
2. Was genau ist mit erotischen Fantasien gemeint?
Meinen Sie damit erotische Gedanken, Herr Buß? Und was soll daran despektierlich sein? Ach, es sind heterosexuelle Fantasien. Etwas, das Sie bekanntlich nicht haben. Daher sind diese nun despektierlich? Wann hört endlich das modisch politisch korrekte Geraune von vorgeblichen Kritikern auf?! Es ist nur noch unerträglich. Der Kieler Tatort mit Milberg / Borowski gehört zu den schönsten und interessantesten Tatorten überhaupt. Diesmal wird er noch von und mit der wunderbaren und wunderschönen Christiane Paul veredelt. Allein die Inhaltsangabe macht Lust, sich diesen Tatort anzusehen. Das ist auch dringend notwendig, denn die kommenden zwei Sonntage werden wir wieder mit Edelkomparsen und Bäckereifachverkäuferinnen, die so tun, als seien sie Kommissarinnen, gequält. Ich bin sicher, dass Axel Milberg und Christiane Paul so viel Tatort-Atmosphäre werden zaubern können, dass zwei Tatort freie Wochen dann kein übermäßig großes Problem sein werden.
apropos48 24.02.2018
3. @cafe-wien
Wie sie die Vorabkritiken vomn Herrn Buß beurteilen, steht Ihnen frei. Wie persönlich Sie diesmal werden, finde ich doch sehr grenzwertig, positiv ausgrdrückt und hat mit der Sicht auf den kommenden Tatort nicht das Geringste zu tun. Und der Vergleich Sabine Postels mit einer Bäckereifachverkäuferin - gefühlte tausendmal gelesen. Lassen Sie sich doch einfach mal was Neues einfallen. Im Übrigen gilt für uns Zuschauer: erst gucken, dann Meinung bilden und dann mit den Vorschauen ( auch z.B. die in Zeit online! ) vergleichen. Das würde Sinn machen.
TheFunk 25.02.2018
4. mag mir jemand das Ende erklären?
Ich habe es nicht verstanden. "Ich hab heute nichts versäumt, denn ich hab nur von dir geträumt?!"
OhMyGosh 26.02.2018
5.
Dieser TO war für mich der Versuch, die fantastischen Murot-Krimis zu kopieren, aber das geht nicht, Borowski ist dazu einfach zu was-auch-immer...
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