"Tatort" aus Köln Bärchen, mach uns den Bad Cop

Impertinent, pietätlos, verbissen: Im aktuellen Fall zeigen sich die beiden Kölner "Tatort"-Kommissare Ballauf und Schenk endlich von einer unangenehmen Seite. Gut so!

WDR

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Nervös, die Herren? Bei ihrem aktuellen Fall, wie wunderbar, legen die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) endlich mal ihr Phlegma ab. Sonst kann ja passieren, was will, Kinder auf dem Müll gefunden werden oder die Bevölkerung mit genmanipulierter Nahrung vergiftet, die beiden Herren schubbern sich sympathieheischend durch die gesellschaftlichen Schräglagen dieser Welt - immer eine solidarische Grußadresse an die Schwachen auf den Lippen, aber niemals wirklich teilnehmend. Abends, wenn es mit der Elendsfolklore vorbei ist, dann ein Kölsch vor Domkulisse.

Diesmal ist das anders, da gehen die beiden ermittlungstechnisch auf dem Zahnfleisch und geben sich in ihrer Verzweiflung schon mal impertinent und pietätlos. Man fühlt sich fast an die glorreiche Frühzeit der beiden Kölner Kommissare erinnert. Die Entführung eines jungen Mannes stellt sie auf die Probe: Ballauf nimmt das traumatisierte Opfer einer früheren Entführung (Oliver Bröcker) in die Zange - in der Hoffnung, ihm Informationen über die jetzigen Kidnapper zu entlocken. Wie er auf den Mann einredet, bis der zu kollabieren droht, und ihn dessen Frau (Katharina Wackernagel) bittet zu verschwinden: unangenehm.

Kollege Schenk fühlt derweil dem Vater des aktuellen Entführungsopfers (Thomas Heinze) auf den Zahn. Der Unternehmer hat offensichtlich eine Geliebte - kann es sein, dass er die Tat nur inszeniert hat, weil er Geld für das Leben nach der teuren Scheidung von Frau und Sohn abzwacken will? Um den Vater aus der Reserve zu locken, probiert es Schenk mit Geschmacklosigkeit: "Die Jungen sind teurer als die Alten." So stichelt er in Anspielung auf die Affäre, bis der Mann weinend aus dem Zimmer rennt. Einfühlsamkeit geht anders.

Tiefer Blick in den Abgrund

Aber gerade in diesem Herausarbeiten der schroffen Seite der beiden Sympathiebärchen Ballauf und Schenk liegt die Qualität der "Tatort"-Episode "Keine Polizei": Die Ermittler gehen diesmal, weil ihnen nichts übrigbleibt, tatsächlich dahin, wo es wehtut. Als Helfer, die keiner gerufen hat, mischen sie zwei Familien im Ausnahmezustand auf.

Autor Norbert Ehry und Regisseur Kaspar Heidelbach haben zuvor mit "Das Phantom" (2003) und "Liebe am Nachmittag" (2006) zwei der besseren, weil ungemütlicheren Kölner "Tatorte" geliefert, hier arbeiten sie nun mit gekonnt aufgeheizter Stimmung, solide gebautem Plot und gut gewähltem Setting. Klug, dass sie den Entführungsfall nicht im Milieu der Superreichen angesiedelt haben, sondern im Mittelstand. Es geht hier um Summen zwischen 400.000 Euro und einer Million, jeder Schein mehr bringt das wackelige Wohlstandskonstrukt der Familien zum Wackeln.

Das Entführungsopfer aus dem früheren Fall hat zwar überlebt, aber das zusammengeborgte Lösegeld führte ihn in den finanziellen Ruin. Und auch die Familie des aktuellen Entführungsopfers wird durch die Lösegeldforderung an ihre Grenzen getrieben. Gemeinheiten werden offenbar, Abgründe tun sich auf. Und die beiden sonst so freundlichen Kölner Ermittler wagen einen tiefen Blick hinein in diese Abgründe - pflichtbewusst, aber auch mit einem gewissen professionellen Genuss.

Good cops? Bad cops! Wurde aber auch mal wieder Zeit. Das obligatorische Kölsch zum Schluss sei Ballauf und Schenk nach dieser Ausnahme-Leistung in Sachen schlechter Laune ausnahmsweise gegönnt.


"Tatort: Keine Polizei", Sonntag 20.15 Uhr, ARD



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